Fraktur

Ein stumpfes Schwert

Von Oliver Georgi
 - 11:09

„Abschied ist ein scharfes Schwert“, hat der unvergleichliche Roger Whittaker einmal gesungen, als die Welt noch rein und die CDU noch eine konservative Partei war. Auch wenn sich mancher über das viel zu große Goldrand-Kassengestell aufgeregt und eher „Abschied ist ein schweres Schaf“ verstanden hat: Der Mann hatte so was von recht. Auch nach der Bundestagswahl weiß man schließlich gar nicht mehr, in welche Partei man zuerst blicken soll, so voller Abschiede ist plötzlich die Welt. Nur dass die Schwerter, in diesem Punkt irrt der Kollege Whittaker, nicht immer scharf sind, sondern eher stumpf, weswegen mancher Abschied dann doch quälend langsam vollzogen wird.

Natürlich muss man beim Themenkreis Abschied, Vergänglichkeit und Qual sofort an Martin Schulz denken, den am schnellsten verglühten Kometen, den die Welt und die SPD je gekannt haben. Womöglich wäre Schulz, der, um mit der Chefdiplomatin Andrea Nahles zu sprechen, bei der Wahl frontal eine in die Fresse bekommen hat, in Wahrheit ja froh darüber, wenn das Schwert so scharf wie möglich und alles, was die SPD und ihn betrifft, nur recht schnell vorbei wäre.

Aber nein, stattdessen sägt seine Partei mit stumpfer Klinge in der Wunde herum, die der Wahlabend und seine „Ich kann das alles nicht“-Suada in einer Wochenzeitschrift hinterlassen haben, gegen die Bernd das Brot ein überdrehter Animateur und Hamlet eine Motivationsfibel ist.

„Horst, es ist Zeit“

Weniger ernst ist die Verletzung deshalb nicht, da soll sich Schulz mal nicht vertun. Sie blutet nur langsamer. Und spätestens nach der Niedersachsen-Wahl könnte sie wieder voll aufbrechen und binnen Minuten zum Tode führen, wenn nicht doch noch eine Wunderheilung geschieht. Mit der hat die SPD in diesem Jahr allerdings schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht.

Auch in Bayern, wo Abschiede, zumal von der CSU, bisher in den Bereich Blasphemie fielen, gibt es seit dem Wahlabend eine neue Schwäche für Trennungslyrik, wenngleich eher von Rilke als von Whittaker. „Horst, es ist Zeit“, dieser Stoßseufzer von Peter Gauweiler über den Herbst des Großen Vorsitzenden, dessen (Flüchtlings-)Sommer zwar groß war, vielen in der CSU jetzt aber umso unwiederbringlicher vorbei scheint, zeigt: Auch in München ist die Sehnsucht nach scharfen Schwertern mittlerweile mindestens so groß wie nach den Samurai, die sich in sie hineinstürzen. Markus Söder aber muss noch etwas üben, bis er die Kunst des Harakiri so gut beherrscht wie Horst Seehofer.

Selbst die Kanzlerin, die Abschiede bislang immer nur bei anderen herbeiführte, ohne dabei große Schmerzen zu empfinden, denkt womöglich zum ersten Mal darüber nach, ob scharfe Schnitte vielleicht doch erstrebenswerter sind als quälend lange Trennungen, bei denen am Ende alles Schöne vergessen ist, weil um so einfache Wörter wie „Obergrenze“ bis aufs Blut gekämpft wird.

Doch vor den Abschied hat der liebe Gott mitunter den Starrsinn gesetzt, und auch dazu findet sich im verlässlichen Œuvre von Roger Whittaker natürlich ein Hinweis. „Du willst so stark sein und hast doch nur Tränen“, heißt es in dem Lied mit dem scharfen Schwert, das gar nicht so schlecht zum Krisengipfel von Merkel und Seehofer am Sonntag passen würde: „Du bist getroffen und kannst dich nicht wehren / Worte sind sinnlos, du willst sie nicht hören.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Georgi, Oliver (oge.)
Oliver Georgi
Redakteur in der Politik.
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