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Hat Europa die Geister der Barbarei wirklich verscheucht? Imre Kertesz über die deutsche Vereinigung, den Irak-Krieg und den Pazifismus

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Denke ich, wo und wie auch immer, an die deutsche Wiedervereinigung, läuft in meiner Vorstellung stets von neuem jene unvergeßliche Bilderfolge ab: die weit geöffneten ungarischen und österreichischen Grenzschranken an der Landstraße und die freudetrunkenen Gesichter der Menschen, die in die Freiheit hinübertanzen. Die deutsche Einheit begann mit Tanzschritten, und wenn diese Schritte später auch ein wenig schwerer wurden, der Anfang bleibt für immer unvergeßlich. Wenn eine Nation ihre Freiheit zurückgewinnt, lächelt für einen Augenblick die ganze Welt.
Doch im heißen, brodelnden Sommer 1989 konnten wir noch nicht ganz sicher sein, ob dieses Lächeln auch begründet war. Wir brauchten Zeit, um bestätigt zu sehen und wirklich zu glauben, daß wir nach den schrecklichen Prüfungen des 20. Jahrhunderts auch Zeugen einer unerwarteten und freudigen Wendung sein durften: Ich meine den unblutigen Zusammenbruch des Sowjetreiches, dieses erschütternde, schwer faßbare Ereignis, das mit ebender Eigengesetzlichkeit ablief wie überwältigende Naturereignisse. Als sich herausstellte, daß die große tönerne Feste tatsächlich eingestürzt war, flammten in ganz Europa die Freudenfeuer auf. Es schien, daß mit dem Verschwinden des letzten totalitären Reiches zugleich auch die letzte totalitäre Ideologie ausgelöscht war und der als Irrglauben überführte Staatssozialismus in Europa keinen Boden mehr hatte. Um so mehr jedoch die Währungs- und Zollunion, diese vorsichtige, in jedem Fall weitsichtige und sinnvolle Idee.
Zwischen dem Zustandekommen der deutschen Einheit und der Idee der Europäischen Union besteht also ein enger Zusammenhang. Ja, beide sind wahrscheinlich ohne einander gar nicht vorstellbar. Dennoch, nach dem Abklingen der ersten Euphorie mußte man auch an die ungeheure Hinterlassenschaft des dahingeschiedenen Giganten denken; die europäische Idee wurde in einer Atmosphäre von Freude und Angst geboren. Der eiskalte Pragmatismus aber, der die Verhandlungssäle beherrschte, erwies sich als eine Sprache, die viele nicht verstanden - in den osteuropäischen Ländern, die gerade ihre Unabhängigkeit wiedergewonnen hatten, vielleicht sogar niemand. Diese Länder blieben sich selbst überlassen, und, so seltsam es klingt, nach der erbärmlichen Sicherheit der fremden Besatzung gewannen Angst und Ratlosigkeit die Oberhand. Vergebens das hohle Schulterklopfen, vergebens sind volltönende Phrasen erklungen wie: "Es wächst zusammen, was zusammengehört" - der europäische Gedanke ist vorläufig noch keine gemeinsame Vision geworden.
Der jugoslawische Völkermord hat deutlich gemacht, daß Europa zögert, die bedrückende Erbschaft anzunehmen, die der sowjetische Koloß hinterlassen hat. Einige Jahre lang hat man nicht gewagt, zur Kenntnis zu nehmen, daß sich an den südosteuropäischen Grenzen die Abgründe der Apokalypse öffneten, die heute die ganze Welt zu verschlingen drohen. Neuerdings ist viel vom "alten Europa" die Rede, und wenn wir bedenken, daß Europa im 20.Jahrhundert schließlich noch den Sieg davongetragen hat über die seine existentiellen Grundprinzipien bedrohenden totalitären Mächte, die beiden totalitären Ideologien Nazismus und Kommunismus, ja daß das neue Jahrtausend gerade im Zeichen dieses Sieges eröffnet worden ist, könnten wir im Grunde genommen zufrieden sein. Andererseits sind diese totalitären Mächte schließlich auf dem Boden Europas entstanden, haben ihre Wurzeln sich aus der vergifteten Erde der europäischen Kultur genährt, und es ist die große Frage, ob die europäische Vitalität wohl ohne die Hilfe der Vereinigten Staaten von Amerika zu ihrer Bewältigung ausgereicht hätte.
Die Situation Europas und insbesondere Deutschlands ist vierzig Jahre lang durch den Kalten Krieg bestimmt worden. Waren westeuropäische Touristen wißbegierig, was das denn eigentlich bedeutete, kamen sie nach Berlin und besahen sich die Berliner Mauer. Auch ich habe das getan, nur eben von der anderen Seite aus. Als die deutsche Einheit und der europäische Gedanke noch nichts waren als ein schöner Traum, erschien West-Berlin vielen als die europäischste Stadt Europas, und gerade ihre Bedrohtheit ließ sie so erscheinen. Als wäre die durch die Mauer zweigeteilte Stadt geradezu zu einem Memento für das Fehlen und die Notwendigkeit eines gemeinsamen Europa geworden. Wenn man in Ost-Berlin über die Leipziger Straße ging, in die vom Tickerband auf dem Hochhaus des Springer-Verlages die verbotenen Nachrichten der freien Welt herüberblickten, befiel einen das trügerische Gefühl, daß nicht West-Berlin ummauert war, sondern das ganze, auf dieser Seite der Mauer beginnende und sich bis zum Eismeer hinziehende große monolithische Reich. Ich werde nie die frühsommerliche Abenddämmerung vergessen, als ich verloren am Ende dieser wüstengrauen Welt stand, auf der Straße "Unter den Linden", und die Straßenabsperrung, die Wachposten mit den Hunden, die über die Mauer ragenden Dächer der "drüben" neugierig auftauchenden Touristenbusse betrachtete und die gerade aufgleißenden Scheinwerfer quasi unmittelbar die Schmach meiner totalen Knechtschaft zu beleuchten schienen.
Dreizehn Jahre später, 1993, bin ich, nun bereits als Westberliner Stipendiat, zu Fuß von Charlottenburg zum Alexanderplatz gegangen, um mich sozusagen mit den eigenen Beinen davon zu überzeugen, daß ich von der Straße des 17.Juni nun tatsächlich ungehindert zur Straße "Unter den Linden" spazieren konnte; so wie ich im Frühjahr 2000 in Birkenau vom Tor über die einstige Rampe zum Krematorium marschiert bin - auch wenn es mir schon schwerer fiele zu sagen, wovon ich mich dort überzeugen wollte: vielleicht davon, daß dieser einen Kilometer lange, verhängnisvolle Weg, den ich zu jener Zeit nicht gegangen bin, heute auch für mich gehbar ist.
Es ist vielleicht keine Entweihung dieser Feier, wenn ich zum Tag der Deutschen Einheit, gleichsam von der Höhe des zurückgelegten Weges aus, in den Abgrund zurückblicke, aus dem heraus dieser Weg begonnen wurde. Um so mehr, als ich das Gefühl habe, daß wir an einer neuen Station angelangt sind, die durch grundlegende Veränderungen, den unerwarteten Zerfall der alten Übereinkünfte, eine allgemeine Radikalisierung, die Angst vor dem Terror und das Gefühl der Ohnmacht alldem gegenüber charakterisiert ist. Ich gestehe, daß es für mich eines der erschütterndsten Erlebnisse der letzten Jahre war, als im ersten Augenblick des Irak-Krieges alles zerfiel, was man in Luxemburg, Straßburg und an anderen Schauplätzen des europäischen Zusammenschlusses geschaffen hatte. Als sei überhaupt nichts geschehen, erwachten Nationalismen zu neuem Leben, die alten selbstzerstörerischen Affekte kamen wieder hervor, Europa schien in seine alten Strukturen zurückzufallen: Von neuem bildete sich eine Allianz der dominierenden Kontinentalmächte - diesmal Deutschland und Frankreich - gegen die angelsächsischen Mächte - England und Amerika - heraus.
Wo war das angesichts des Terrorismus, des 11. September 2001, verkündete Prinzip der "unbegrenzten Solidarität"? Wie konnte es kommen, daß der irakische Diktator, dieser späte Schüler Hitlers und Stalins, im Verlauf von pazifistischen Massenerhebungen zu einer fast annehmbareren Figur für Europa wurde als der verfassungsgemäß alle vier Jahre neu wählbare, also ablösbare Präsident der Vereinigten Staaten? Wie konnte es kommen, daß man plötzlich vergessen hatte, wer Feind und wer Verbündeter ist? Diese in ganz Deutschland und natürlich auch weltweit veranstalteten Demonstrationen konnten fast den Eindruck erwecken, als stünde Europa heute vor den gleichen Fragen wie 1919 oder 1938 und ringe ebenso unsicher mit ihnen wie damals.
Ich bin überzeugt, daß der Pazifismus keine angemessene Antwort auf die Herausforderung des Terrorismus darstellt. Es hat in Westeuropa Verwunderung hervorgerufen, daß sich die osteuropäischen Staaten in der Zeit des Konflikts an die Seite der Vereinigten Staaten stellten; doch es kann sein, daß sich Polen und Tschechen besser an München erinnern als der Westen und daß auch in den politischen Instinkten der Ungarn noch die Erinnerung an das geopolitische Ausgeliefertsein lebendig ist, das das Land mal Nazideutschland und mal dem kommunistischen Rußland in die Arme geworfen hat. Diese Staaten kämpfen schon seit langer Zeit um ihren Fortbestand, um ihre bloße Existenz, ihre Entscheidungen hätten daher eine ernsthaftere Analyse verdient. Statt dessen kam es zu einer fast lächerlichen Wortschlacht zwischen Amerika und der Europäischen Union, in deren Verlauf die Vereinigten Staaten das "neue", das "junge" Europa auf der politischen Bühne begrüßten, während in den höheren philosophischen Kreisen Deutschlands der Gedanke eines sogenannten "Kerneuropas" geboren wurde, eine keineswegs hinreichend geklärte, aus östlicher Sicht aber jedenfalls hochmütige Theorie, die wahrscheinlich nur dazu dienen dürfte, die künftigen neuen Mitgliedstaaten von den unmittelbaren Entscheidungen fernzuhalten.
Letztlich handelt es sich, glaube ich, darum, daß Westeuropa nur schwer und zögernd die - wie man sagen könnte - paradoxe Bequemlichkeit aufgegeben hat, die es in der Zeit des Kalten Krieges genoß. Ohne Zweifel ist der Krieg gegen den Terrorismus aber für Europa mindestens von ebensolchem Lebensinteresse wie für Amerika. In unserer modernen - oder postmodernen - Welt verlaufen die Grenzen nicht so sehr zwischen Volksgruppen, Nationen und Konfessionen als vielmehr zwischen Weltanschauungen, Welthaltungen, zwischen Vernunft und Fanatismus, Toleranz und Hysterie, Produktivität und zerstörerischer Herrschsucht - bis zum Äußersten vereinfacht: zwischen Gut und Böse. Unsere Begriffe davon aber sind anscheinend zu unterschiedlich, und sie werden umstritten bleiben, solange nicht wieder ein festes Wertesystem einer gemeinsam gestalteten und gemeinsam getragenen Kultur entsteht.
Aus diesem Blickwinkel betrachtet, ist das Zustandekommen der deutschen Einheit ein signifikantes Ereignis, dessen Bedeutung kaum überschätzt werden kann. Denn der lange und konfliktbeladene Prozeß der Vereinigung der beiden Deutschland, der sich vor der Öffentlichkeit der ganzen Welt abspielte, läßt sich in gewissem Sinn auch als Generalprobe für die europäische Einheit betrachten. Heute sehen wir, wie mit dem Erstarken des deutschen Selbstbewußtseins und dem Ausbruch der Irak-Krise die alten deutschen Tabus, eins nach dem anderen, gebrochen werden. Die Nazibarbarei hat der Welt unermeßliches Leid gebracht, ihre eigene Leidensgeschichte konnten die Deutschen daraufhin - zumindest öffentlich - nicht wirklich behandeln. In die Auseinandersetzung über die Bombardierung der deutschen Städte, den Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung, den Leidensweg der deutschen Flüchtlinge mengt sich die Forderung nach einem "Schlußstrich", dem Abschluß der von Auschwitz belasteten Vergangenheit, und die Kritik an der israelischen Regierungspolitik erscheint manchmal als Vorwand für antisemitische Zwischentöne. All das gründlich erwägend, habe ich mir ruhigen Herzens eine Wohnung in Berlin gemietet. Ich bin nämlich der Überzeugung, daß die deutsche Demokratie stark und reif genug ist, alle Auseinandersetzungen zu überstehen.
Zum Schluß stellt sich die Frage: Was rechtfertigt meine Präsenz, die Präsenz eines ehemaligen Insassen deutscher Konzentrationslager, bei der Feier der deutschen Wiedervereinigung? Heute, da fast sechzig Jahre vergangen sind und eine neue Generation mit dem schrecklichen Erbe der Vergangenheit kämpfen muß, halte ich die Antwort nicht für ein Paradox: die gemeinsame Arbeit. Es war und ist meine Intention, daß aus jener nicht wieder gutzumachenden Realität auf dem Wege des Geistes Wiedergutmachung, Katharsis hervorgehen möge. Von dieser Intention ist alles, was ich hervorgebracht habe, inspiriert.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.10.2003, Nr. 40 / Seite 8
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