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Helle Thorning-Schmidt im Porträt

Die Unerschrockene

Von Marc-Christoph Wagner
 - 19:42
Lichtgestalt einer grauen, greisen Partei: Helle Thorning-Schmidt Bild: dpa, F.A.S.

Helle. So stand es auf den Wahlplakaten. Einfach Helle. Eine von uns, sollte das wohl heißen. Eine wie du und ich. Eine, der man vertrauen kann. Gewiss nichts Ungewöhnliches in einem Weltteil, in dem alle per du miteinander sind. Und schon gar nicht auf der linken Hälfte des politischen Spektrums. Und doch lag hinter diesem "Helle" mehr - die bewusste Annäherung einer Politikerin an ihr Volk, der Versuch, ein distanziertes Verhältnis zu überbrücken. Denn die Dänen haben eine Regierungschefin gewählt, die den meisten noch immer fremd ist.

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Dabei ist es nicht so, dass Helle Thorning-Schmidt aus dem Nichts kommt. Vor sechs Jahren, im Frühjahr 2005, hatten die dänischen Sozialdemokraten die Parlamentswahl zum zweiten Mal hintereinander sang- und klanglos verloren. Sie mussten einsehen, dass der Machtverlust 2001 doch mehr war als ein Betriebsunfall. In der Partei wuchs die Erkenntnis, eine neue Generation müsse das Ruder übernehmen. Frau Thorning-Schmidt war damals - nach fünfjähriger Abgeordnetenzeit im Europäischen Parlament - gerade erst ins dänische Folketing gewählt worden. Dennoch kandidierte sie und schlug den vermeintlichen Kronprinzen bei einer Urabstimmung aus dem Rennen. Quasi über Nacht war die altehrwürdige Arbeiterbewegung von einer jungen Unbekannten erobert worden.

Helle Thorning-Schmidt machte ihrem Namen alle Ehre: Helle, die Heilige. Die neue Lichtgestalt einer grauen, greisen Partei, die den Wohlfahrtsstaat zwar einst erschaffen, sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts aber selbst neu zu erfinden hatte. Mit einem Mal waren die Roten trendy, hatten die muffigen Apparatschiks eine Frau von Welt an ihrer Spitze, die sich in Brüssel besser auskannte als in Kopenhagen; die sich elegant und teuer kleidete und so auch schnell mit dem Namen "Gucci-Helle" versehen wurde; die ihre Wochenenden nicht im nahen Schrebergarten, sondern in London verbrachte, weil sie mit dem Sohn des ehemaligen Labourführers Neil Kinnock verheiratet ist. Selbstbewusst versicherte Thorning-Schmidt ihren dänischen Genossen vom ersten Tag an, sie werde sie an die Macht zurückführen - und die ließen sich von Frau und Botschaft mitreißen.

Zumal diese Helle auch der zweiten Bedeutung ihres Vornamens zu entsprechen schien - eine Schutzinsel in unruhiger Umgebung zu sein. Denn so modern sich Frau Thorning-Schmidt nach außen präsentierte, so vehement vertrat sie klassische sozialdemokratische Politik und verteidigte die Errungenschaften des Sozialstaates. Auch im Wahlkampf appellierte die 44 Jahre alte Politikerin immer wieder an Werte wie Solidarität und Gemeinschaft, hob hervor, dass eine Gesellschaft die Herausforderungen der Globalisierung nur bestehen könne, wenn alle ihren Teil dazu beisteuern, die starken Schultern eine schwerere Last trügen, als der Durchschnitt das könne. Mit diesem Argument begründete Helle Thorning-Schmidt etwa die Einführung einer Sonderabgabe für Millionäre.

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Zum Leidwesen ihrer Partei allerdings erfüllte Helle Thorning-Schmidt schließlich auch die dritte Bedeutung ihres Vornamens. Wie die Schwester des Phrixos in der griechischen Mythologie erlebte sie 2007 den tiefen Absturz. Nicht nur gewann der damalige Ministerpräsident und heutige Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen die dritte Parlamentswahl hintereinander. Die Sozialdemokraten erhielten mit 25,5 Prozent das schlechteste Ergebnis seit mehr als 100 Jahren. Die Überfliegerin hatte eine gewaltige Bruchlandung hingelegt und überlebte als Vorsitzende nur, weil es keine Alternative gab.

Nun, vier Jahre später, hat sie ihr Versprechen eingelöst. Am Ende eines Wahlkampfes, der von der Debatte über die Zukunft des Sozialstaates geprägt war und von der Frage, wie das Hochpreis- und Hochlohnland Dänemark in einer globalisierten Welt bestehen kann, hielt die bisherige Oppositionsführerin die Schlüssel für die dänische Regierungskanzlei in den Händen. Nahezu bis zum Umfallen hatte sie das Wort Wachstum wiederholt, ein ums andere Mal beteuert, man könne sich aus der Finanz- und Wirtschaftskrise nicht heraussparen, sondern müsse die Konjunktur durch öffentliche Investitionen beleben. Im Gegensatz zu Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen, der den Weg schmerzhafter Einschnitte etwa bei den Frührenten beschritten und auch das Rentenalter erhöht hatte, vermittelte Thorning-Schmidt den Eindruck, die Probleme der Zukunft ließen sich im Großen und Ganzen mit den Werkzeugen der Vergangenheit lösen. Wirklich überzeugt, gar begeistert hat das die Dänen nicht - entsprechend glanzlos war der Sieg. Mit einem Stimmenanteil von weniger als 25 Prozent erreichten die Sozialdemokraten wieder einen Tiefpunkt, während die Rechtsliberalen Stimmen hinzugewannen und abermals größte Partei wurden. Am Ende sicherte nur das gute Abschneiden der Opposition insgesamt den knappen Regierungswechsel.

Doch könnte gerade diese knifflige Lage Helle Thorning-Schmidt den Rücken stärken. Denn im Gegensatz zu der rechtsliberal-konservativen Regierung der vergangenen zehn Jahre, die zusammen mit der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei über eine eigene Mehrheit im Folketing verfügte, muss Frau Thorning-Schmidt nun eine Politik machen, die sich bis hinein ins bürgerliche Lager streckt. Nach einem Jahrzehnt, in dem der rechte Rand die Ausländer- und Zuwanderungspolitik diktierte und selbst die Teilnahme Dänemarks am Krieg im Irak mit nur einer Stimme Mehrheit beschlossen wurde, haben die Wähler ihre neue Regierungschefin in eine Situation gezwungen, die einst als dänisches Modell gepriesen wurde: Eine Politik der ausgestreckten Hand zu machen, eine Politik des Dialogs über die politische Mitte hinweg, in der sich auch der Gegner wiederfinden kann.

Helle Thorning-Schmidt muss sich also als Künstlerin des Kompromisses beweisen. In der Wirtschafts- und Sozialpolitik etwa wird es ihr schwerfallen, sich gleich von ihrem rechtsliberalen Vorgänger zu unterscheiden. Aber es gibt andere Felder, auf denen sie sich profilieren kann. Die EU-Ratspräsidentschaft, die Dänemark am 1. Januar übernimmt, ist für die begeisterte Europapolitikerin eine Steilvorlage, die sie sich kaum entgehen lassen wird. Schon in ihrer Regierungserklärung am Dienstag wird sie wohl deutliche Signale senden: Keine Grenzkontrollen, die gegen den Geist von Schengen verstoßen; langfristig ein Beitritt des Landes zum Euro. Vor allem das arg abgekühlte Verhältnis zu Berlin will Frau Thorning-Schmidt erwärmen und so schnell wie möglich einen persönlichen Draht zu Angela Merkel aufbauen. Dänemark will, so lautet die Botschaft, in den Kreis der engagierten, verlässlichen und vollwertigen EU-Partner zurückkehren.

Mutti Helle? Gewiss nicht. Für die Rolle der Landesmutter ist Helle Thorning-Schmidt erstens zu jung und zweitens vom Naturell her wohl auch nicht geschaffen. Die Macht aber hatte sie von Anfang an fest im Blick, und den Willen, diese Macht auch zu behalten, sollte man bei ihr nicht unterschätzen. Die jüngsten Koalitionsverhandlungen zwischen Sozialdemokraten, Linksliberalen und Sozialistischer Volkspartei boten darauf einen Vorgeschmack. Zwei Wochen lang zogen sich Helle Thorning-Schmidt und ihre Gesprächspartner in ein Hotel am Rande Kopenhagens zurück, ohne dass auch nur ein Sterbenswörtchen nach draußen gelangte. Einen derartigen Kadavergehorsam hatte es selbst unter Anders Fogh Rasmussen nicht gegeben. Helle Thorning-Schmidt jedenfalls weiß, dass sie nun das ganze Land von sich überzeugen muss. Läuft alles nach Plan, hat sie dafür vier Jahre Zeit. Dann wird man sehen, ob die Dänen immer noch mit dieser "Helle" fremdeln.

Quelle: F.A.S.
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