Hillary Clintons Abrechnung

Wie es passiert ist

Von Oliver Kühn
 - 12:04

Hillary Clinton hat eine Erklärung dafür, wer Schuld ist an ihrer Niederlage gegen Donald Trump im Präsidentschaftswahlkampf in Amerika im vergangenen Jahr: die Anderen! Wie Clinton in ihrem am Dienstag in Amerika erscheinenden Buch schreibt, hat sie zwar ein Teil der Schuld an der Niederlage zu tragen, doch Personen wir Bernie Sanders, James Comey oder auch Wladimir Putin waren doch wesentlich wichtiger für den Erfolg des Immobilienmagnaten aus New York.

Nach ihrer Niederlage im November 2016 zog Clinton sich zurück und leckte ihre Wunden. Danach hat sie sich scheinbar gesammelt und eine Liste all derer gemacht, die daran Schuld sind, dass Trump jetzt im Weißen Haus sitzt und nicht die erste Frau, die jemals von einer der beiden großen Parteien in das Rennen um das höchste Amt im Staat geschickt wurde. Und diesen Leuten will sie es nun zurückzahlen. Allein, große Überraschungen kommen in dem fast 500 Seiten langen Werk nicht vor.

Das wichtigste Ereignis, das zu ihrer Niederlage führte, war Clintons Meinung nach der Brief, den der damalige FBI-Chef James Comey im Oktober 2016 an den Kongress schickte. Darin erklärte er, die Bundespolizei werde eine Untersuchung von Clintons E-Mails, die auf einem Computer des Ehemannes ihrer engen Mitarbeiterin Huma Abedin gefunden worden waren, einleiten. Es war damals nicht klar, ob es überhaupt ein Vergehen gegeben hatte und doch trat Comey mit dieser Ankündigung an die Öffentlichkeit, zwei Wochen vor der Wahl. Ein Schritt, den der mittlerweile geschasste Comey immer wieder verteidigt. Die Untersuchung brachte dann zwar kein Vergehen zum Vorschein, doch für Clinton ist klar, dass allein wegen der Ankündigung viele Wähler vor ihr zurückgeschreckt seien.

Doch das Unheil habe schon vorher seinen Lauf genommen, so Clinton. So habe ihr ihr Rivale im Vorwahlkampf der Demokraten, Bernie Sanders so zugesetzt, dass es für Trump ein Leichtes gewesen sei, dessen Vorwürfe aufzunehmen. Sanders habe sie als korrupte Politikerin dargestellt, die von großen Firmen und der Finanzbranche auf der Wall Street abhängig sei. Und das, obwohl Sanders nie eine realistische Chance gehabt habe, ins Weiße Haus einzuziehen.

Viel Platz reserviert Clinton für die Einflussnahme der Russen auf die Wahl, die auch die amerikanischen Geheimdienste schon festgestellt haben. Mit Hilfe von Desinformation und der Veröffentlichung von gehackten E-Mails haben diese dem Vernehmen nach versucht, die Wahl Clintons zu verhindern und Trump hat davon profitiert.

Trump selbst und dessen Wähler bekommen verständlicherweise einen Großteil der aufgestauten Abscheu Clintons ab. Trump wolle sein wie der russische Präsident Wladimir Putin, schreibt sie. Er wäre gern „ein weißer autoritärer Führer, der politische Gegner verfolgen, Minderheiten unterdrücken, Wähler verunsichern, die Presse schwächen und ungezählte Milliarden anhäufen“ könne. Trump träume von einem Moskau am Potomac schleudert sie ihm entgegen. Außerdem sei der jetzige Präsident ein großer Sexist. Ein Vorwurf, der durch Trumps Äußerungen über Frauen und eine Tonbandaufnahme von ihm, wie er sich brüstet, Frauen ungestraft in den Schritt fassen zu können, untermauert wird. Doch dieser Sexismus werde von einem großen Teil der Wähler Trumps geteilt, die diese Enthüllungen nur mit einem Schulterzucken zur Kenntnis genommen hätten. Viele dieser Ansichten und der Wähler, die diese teilten, nennt Clinton nun wieder bedauernswert.

Im Wahlkampf hatte sie für diese Charakterisierung von Trumps Wählern viel Kritik einstecken müssen und sich halb dafür entschuldigt. In ihrem Buch nun schreibt sie, damit habe sie Trump ein Geschenk gemacht. Es tue ihr leid, dass sich viele Menschen deswegen beleidigt gefühlt haben, denn sie habe nicht alle Wähler Trumps gemeint, sondern nur jenen Teil, der Ansichten habe, die sie nur als bedauernswert bezeichnen könne.

Komplett schiebt Clinton die Verantwortung der Niederlage aber dann doch nicht auf andere ab. Sie habe es über weite Strecken versäumt, einen besseren Kontakt zu den Wählern aufzubauen und diesen zu erzählen, warum sie Clinton wählen sollten. Sie sei die Kandidatin gewesen und habe alle wichtigen Entscheidungen getroffen. Ganz so schlimm kann das aber ja alles doch nicht gewesen sein, schreibt sie, denn immerhin habe sie mehr Wählerstimmen bekommen als ihr republikanischer Gegenkandidat.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Kühn, Oliver
Oliver Kühn
Redakteur in der Politik.
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