Im Gespräch: Stephan Wehrhahn

„Adenauer war sehr warmherzig zu uns“

 - 15:18

Herr Werhahn, was machen Sie am kommenden Freitag?
Ich werde in Düsseldorf sein und mich als Direktkandidat der Freien Wähler für den Bundestag aufstellen lassen. Im Mai soll dann die Nominierung als Spitzenkandidat für die Bundestagswahl folgen.

Sie leben in München. Lassen Sie sich in Düsseldorf aufstellen, weil der Name Werhahn am Rhein besser zieht als an der Isar?
Unsere Familie ist seit mehr als 150 Jahren tief im Rheinland verwurzelt, meine Eltern leben dort. Außerdem bin ich Gesellschafter des familiären Unternehmens in Neuss und zugelassener Rechtsanwalt in Düsseldorf. Meine Heimat ist Nordrhein-Westfalen. Außerdem sind die Freien Wähler in Bayern schon gut organisiert und erfolgreich. In Nordrhein-Westfalen bilden sie dagegen noch nicht so eine schlagkräftige Einheit. Da ist es wichtig, sie mit einem Gesicht zu verbinden. Ich will dazu beitragen, den schlafenden Riesen der Freien-Wähler-Vereinigungen mit 280000 Mitgliedern in ganz Deutschland zu wecken.

Beim Namen Werhahn fällt einem aber zuerst die CDU ein.
Das stimmt. Mein Vater hat 1950 Konrad Adenauers Tochter Libet geheiratet. In mir stecken fünfzig Prozent Adenauer und fünfzig Prozent Werhahn.

Sie haben den „Alten“, wie Kanzler Adenauer genannt wurde, als Kind noch erlebt. Wie war er?
Ich habe sehr deutliche Erinnerungen an meinen Großvater: Er war zu uns Kindern sehr warmherzig und konnte gut zuhören. Am zweiten Weihnachtsfeiertag ist mein Namenstag. Das ist im katholischen Rheinland ein wichtiger Tag. Jedes Enkelkind bekam vom Großvater ein Weihnachtsgeschenk und ich zusätzlich noch eines zum Namenstag.

Was waren das für Geschenke?
Einmal war er kurz vorher in Texas bei der Firma Hovercraft gewesen. Er hat mir ein kleines Plastikmodell von einem Luftkissenboot mitgebracht. Es hatte einen Schlauch, in den man hinein blasen konnte. Die Hovercraft erhob sich und glitt voran.

Aha, ein früher Versuch, übers Wasser zu laufen.
Na ja, gut funktioniert hat das nur auf der Schulbank oder auf dem Esstisch.

Bevor Sie vor einem Jahr zu den Freien Wählern gingen, waren Sie 40 Jahre CDU-Mitglied. War das eine familiäre Pflicht?
Pflicht war das eigenständige Denken, nicht eine bestimmte Parteimitgliedschaft. Ich war als Schüler in der Jungen Union. Da habe ich mit Annette Schavan die Wahlkampfzeitung der CDU in Neuss gemacht. Ich war auch als Student im RCDS-Vorstand und habe politisch die Marxisten bekämpft. Das geschah auf der Seite der Union, aber nicht ohne Distanz. Unser Gegenmittel gegen den Marxismus war Karl Popper mit seinem kritischen Rationalismus. Das ist der Ursprung meiner politischen Eigenständigkeit.

Wann entstand der Gedanke, die CDU zu verlassen?
In zwei Schritten. 2008 brach die Bankenkrise über uns herein. Das hat mich auch als Finanzberater getroffen. Frau Merkel und Herr Steinbrück haben sich zwar hingestellt und versichert, die Sparguthaben der Leute seien nicht in Gefahr. Gegen das Verhalten der Banken haben sie aber nichts getan. Die lässt die Regierung nach wie vor mit Hinweis auf ihre Größe nicht pleite gehen. Der zweite Anstoß kam 2010. Da wurde sehenden Auges Recht gebrochen und der Grundsatz aufgegeben, dass jedes EU-Land für seine Schulden einstehen muss. Gegen einmalige Hilfen für Mitgliedsländer in einer besonderen Situation habe ich nichts. Aber diese Hilfen wurden ja zum System erhoben. Da war für mich klar, dass ich mich politisch engagieren muss.

Und das ging in der CDU nicht?
Nein, die hat diese falsche Politik der Rettungsschirme ja gemacht und als alternativlos bezeichnet. FDP, SPD und Grüne sind ihr gefolgt. So kam ich zu den Freien Wählern, die - so wie ich - gegen die Rettungsschirme sehr aktiv angegangen sind.

Wie hat Ihre Familie reagiert?
Meine Mutter hat gesagt: Stephan, ich finde es gut, dass du deine eigene Meinung vertrittst und in einer Partei bist, die starke kommunalpolitische Wurzeln hat. Als wir uns zu Weihnachten in Rhöndorf trafen, sagten auch andere Familienmitglieder, sie fänden es gut, dass ich einen eigenen Standpunkt hätte, auch wenn er sehr kritisch sei.

Haben Sie mit Angela Merkel über dieses Thema sprechen können?
Nein, das habe ich nicht. Ich hatte bis jetzt nur die Gelegenheit, mit meinem angeheirateten Vetter, CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe, in einer Talkshow darüber zu reden.

„Es müssen Kompetenzen an die Nationalstaaten zurück“

Gröhe ist Ihr angeheirateter Vetter?
Ja, er hat eine Cousine von mir geheiratet. Außerdem ist er CDU-Abgeordneter aus Neuss. Aber wenn ich mit ihm rede, merke ich, dass er ein braver Parteisoldat und Gefolgsmann von Angela Merkel ist. Ich glaube, die CDU hat sich entschlossen, die Freien Wähler und auch mich durch Nichtachtung zu strafen.

Sind Sie ein Anti-Europäer?
Im Gegenteil. Ich bin ein glühender Anhänger Europas. Ich bin schon als Junge mit dem Zug nach Athen gefahren und habe Griechisch gelernt. In Italien habe ich seit zwanzig Jahren ein kleines Ferienhaus, und ich spreche fließend Französisch. Ich bin aber ein Gegner des zentralistischen und überbürokratisierten und zu wenig demokratischen Europas, das wir jetzt haben. Es müssen Kompetenzen von Brüssel an die Nationalstaaten zurückgegeben werden.

Haben Sie mal darüber nachgedacht, was Ihr Großvater zu Ihrem Verhalten sagen würde?
In der Tat, das habe ich. Konrad Adenauer war Oberbürgermeister von Köln und dreißig Jahre lang Kommunalpolitiker. Dann hat das Schicksal ihn auf die Bundesebene verschlagen. Dort hat er als Bürger gestanden. Als Bürger eines föderalen Gemeinwesens, das sich auf einmal mit dem einstigen Feind verständigte, dem zentralistisch aufgebauten Nachbarn Frankreich. Damit hat er ganz unten angefangen, bei den Städtepartnerschaften, beim Schüleraustausch, bei der Kohle und dem Stahl und so weiter. Er war damit sehr erfolgreich. Solange wir Europa von der Basis und den Menschen her zusammenführen, werden wir auch weiter erfolgreich sein.

Konrad Adenauer wäre nicht böse auf seinen Enkel?
Nein. Er würde sagen: Du machst es richtig. Du denkst zuerst an die Interessen der Bürger, und du gehst gegen den bürokratischen Wasserkopf in Brüssel vor. Weiter so.

Kommen die Freien Wähler in den Bundestag?
Ich hoffe. Ich denke, wir haben gute Chancen. Und falls es ganz knapp nicht für fünf Prozent reicht, dann schaffen wir den Einzug mit drei Direktmandaten in Gemeinden, wo wir ohnehin schon stark sind.

Eines davon holen Sie?
Das wird sehr schwierig, da bin ich Realist. Ich bin aber auch ein Kämpfer.

Und ab sofort Berufspolitiker?
Ich bin jetzt 59 Jahre alt. Ich will mich nachhaltig engagieren und an der Lösung der von mir angesprochenen Probleme mitwirken. Ich sehe das eher als Berufung. Politik sollte kein Beruf sein.

Das Gespräch mit Stephan Werhahn führte Eckart Lohse.

Quelle: F.A.S.
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