Bürgerbewegung „Pulse of Europe“

Für etwas sein – nicht immer dagegen

Von Florentine Fendrich und Lisa Muckelberg, Frankfurt
 - 19:31
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Es ist kurz nach zwölf Uhr. Graue Wolken trüben den Himmel über dem Frankfurter Goetheplatz, nur vereinzelt sind ein paar Menschen unterwegs. Am einen Ende des Platzes bauen zwei Männer in schwarzen T-Shirts eine Bühne auf, zu ihrer Rechten steht ein roter Transporter, eine einzelne blaue Europaflagge hängt über seinem Dach. Insgesamt nur wenige Anzeichen dafür, dass hier in zwei Stunden eine Kundgebung stattfinden soll, zu der etwa 5000 Menschen erwartet werden.

Erst zwei Stunden später füllt sich der Platz plötzlich schlagartig: Aus den anliegenden Straßen und U-Bahnstationen kommen Hunderte Menschen herbei, viele von ihnen tragen Blau und noch mehr Europa-Flaggen – eng um den Körper geschlungen, locker über den Rücken wehend oder an langen Holzstäben über dem Kopf getragen. Beliebt sind auch blaue Hüte und blaue Regenschirme. Auch wenn die Menschen dem Wetter nicht trauen, sind sie trotzdem gekommen, viele schon zum wiederholten Mal. An diesem Sonntag werden es am Ende 3000 sein.

„Pulse of Europe“
Neue Version der Europa-Hymne
© Maximilian von Lachner, F.A.Z.

Der Goetheplatz ist in Frankfurt der zentrale Treffpunkt für die Unterstützer der Organisation „Pulse of Europe“. Seit Mitte Januar versammeln sich hier jeden Sonntag um 14 Uhr Menschen, die zeigen wollen, dass sie die Idee der Europäischen Union unterstützen und sich eine starke Staatengemeinschaft wünschen. Zu den ersten Menschen, die sich auf dem Platz einfinden, gehört eine Grundschullehrerin. Ihr dreijähriger Sohn dreht mit dem Fahrrad, an dem ein kleines Europafähnchen steckt, wilde Runden über den Platz. Ihre beiden Töchter sind ebenfalls da. „Ich habe vor ein paar Monaten ein Bild gesehen, das mich berührt hat“, erzählt sie. „Ein Kind fragt seinen Vater ‚Papi, was hast du eigentlich 2017 gemacht?‘ In diesem Moment dachte ich, dass meine Kinder mir diese Frage irgendwann auch einmal stellen könnten. Deshalb bin ich jetzt hier, um Präsenz zu zeigen und für das einzustehen, was ich gut finde.“

Die 41-Jährige hat schon die Anfänge von Pulse of Europe miterlebt. Im November 2016 erreichte sie eine E-Mail von Sabine und Daniel Röder, in der die beiden ihre Freunde und Bekannten dazu aufriefen, für ein vereinigtes Europa auf die Straße zu gehen. „Wir saßen mit den Röders zum Abendessen zusammen, einen Tag, nachdem die E-Mail eingetrudelt war, und sie haben uns von der ,Pulse of Europe'-Idee erzählt. Wir fanden das super.“ Der Schock über den Brexit und die Wahl von Donald Trump hatte bei den Röders den Wunsch hervorgerufen, noch vor den Wahlen in den Niederlanden und Frankreich etwas zu bewirken. 150 Leute waren damals der Aufforderung des Anwaltsehepaars gefolgt: An einem verregneten Sonntag im November trafen sie sich erstmals auf dem Pariser Platz im Frankfurter Europaviertel.

Seitdem hat sich viel getan: Mittlerweile besteht das Frankfurter Organisationsteam aus acht Personen, seit der ersten großen Kundgebung im Januar ist die Anzahl der Teilnehmer von 400 etwa um das Zehnfache angestiegen. Mit einem solchen Erfolg hatte niemand gerechnet. Mit der wachsenden Größe habe sich aber das Wesen von Pulse of Europe nicht verändert, betont Initiator Daniel Röder. „An der Veranstaltung sind keine Großsponsoren beteiligt, wir sind nach wie vor eine Bürgerbewegung, die vom Engagement vieler Einzelner getragen wird.“ Pulse of Europe soll überparteilich sein, in den Komitees dürfen keine Politiker sitzen.

Die Bewegung hat sich rasant in ganz Deutschland ausgebreitet und ist sogar in andere europäische Länder übergeschwappt. Auf der Bühne präsentiert Sabine Röder gerade die aktuellen Zahlen: „In genau diesem Moment sind wir in 60 Städten und mittlerweile acht Ländern in Europa unterwegs, und für das nächste Wochenende haben sich schon weitere Städte und Länder angekündigt, das ist großartig!“

„60 Millionen Tote im Zweiten Weltkrieg. Wollen wir das nochmal?“

Die Menge jubelt. Viele Eltern sind gekommen, die Kinder auf den Schultern oder an der Hand. Doch auch die ältere Generation ist gut vertreten – bei der Frage danach, wer die Gründung der Europäischen Gemeinschaft im Jahr 1957 miterlebt hat, gehen zahlreiche Hände nach oben. Auch die von Michael von Zitzewitz. Er war lange Zeit Vorsitzender der Frankfurter Messe und ist kein unbekanntes Gesicht in der Stadt. Er ist heute zum ersten Mal hier, aber sicher nicht zum letzten Mal, wie er sagt. „Ich finde es gut, mal für etwas zu demonstrieren. Dagegen kann ja jeder“, erklärt er. Die europäische Idee liegt ihm am Herzen: „Ich bin 1945 geboren und habe mein ganzes Leben lang Europa erlebt.“ Für von Zitzewitz bedeutet Europa wie für viele der Anwesenden neben Privilegien wie Meinungsfreiheit und Freizügigkeit vor allem Sicherheit und Frieden. „Wenn ich daran denke, gegen wie viele Europäer allein mein Vater Krieg geführt hat“, erinnert er sich. „Die jungen Leute wissen so etwas ja gar nicht mehr, aber daran sollten wir uns wirklich erinnern. Zehn Millionen Tote im Ersten Weltkrieg, 60 Millionen im Zweiten. Wollen wir das nochmal?“

Wenn man sich in der Menge nach jungen Gesichtern umsieht, scheint die Europäische Union für die Generation der 15- bis 25-Jährigen tatsächlich kein großes Thema zu sein. Warum sind so wenige junge Leute hier? „Wir verstehen es auch nicht so recht“, sagt die 19-jährige Antonia Waßmund. „Wir animieren unsere Freunde jedes Mal, dass sie mitkommen, aber viele sagen nur: ‚Nee, keine Lust, Sonntag hab ich was Besseres zu tun. Aber ‚was Besseres‘ bedeutet dann nur auf dem Sofa liegen.“ Ihre Freundin Lilli Bohne hat ähnliche Erfahrungen gemacht: „Meine Freunde sagen immer nur, ‚Ist doch alles gut mit Europa‘ und bleiben zuhause. Aber wir bearbeiten sie einfach so lange weiter, bis sie irgendwann mitkommen.“ Den jungen Frauen ist bewusst, dass Europa für sie einige Vorteile bietet. Vor allem Schüler und Studenten profitieren von Auslandsprogrammen wie Erasmus. Für sie ist es selbstverständlich, eine Weile ins Ausland zu gehen.

Dass junge Teilnehmer fehlen, haben auch die Organisatoren bemerkt. Bei einer Kundgebung vor drei Wochen haben sie Fragebögen ausfüllen lassen, um herauszufinden, wie ihr Publikum die Zukunft der Bewegung sieht. Die Antworten: Die Menschen wollen mehr Inhalte, mehr Kommunikation – und die Jugend mit im Boot. Für mehr Inhalt wird es wohl bald eine Petition geben, für mehr Kommunikation wird an der Website gefeilt, aber wie bekommt man „die Jugend“ mit an Bord? Organisatorin Stephanie Hartung hat darauf eine Antwort: Man müsse an die Schulen und Universitäten gehen. Dazu ruft sie anwesende Lehrer auf, die Idee an ihre Schüler weiterzutragen. Die anwesende „Jugend“ spricht sie nicht an. Dafür resümiert sie: Die drei häufigsten Wörter, die bei der Beantwortung der Fragebögen gefallen seien, seien „Wir“, „Hoffnung“ und „Weitermachen“ gewesen. Inzwischen ist tatsächlich die Sonne hinter den Wolken hervorgekommen – man ist optimistisch.

Wie genau muss man sich dieses „Weitermachen“ vorstellen? Weiterhin jeden Sonntag Europaflaggen schwenken und hoffen, dass es nicht regnet? Stephanie Hartung glaubt, dass sich etwas ändern muss. „Pulse of Europe wächst und wir müssen mitwachsen“, sagt sie. „Vermutlich wird es eine Formatänderung geben. Bis zur Wahl in Frankreich machen wir so weiter wie gewohnt, aber für die Bundestagswahl müssen wir noch mehr Fahrt aufnehmen.“ Das sind die Etappenziele, die sich die Gruppe gesteckt hat.

Der erste Schritt ist geschafft, bei der mit Bangen begleiteten Wahl in den Niederlanden unterlag Rechtspopulist Geert Wilders. Die Kundgebung am vorvergangenen Sonntag stand ganz im Zeichen der bevorstehenden Wahl im kleinen Nachbarland: „Blif Bij Ons“ – „Bleibt bei uns“ hieß es auf den Plakaten, und tatsächlich: Die Niederlanden bleiben. Hatte die Bewegung einen Anteil am Sieg über Populismus?

Auf der Bühne glaubt man das, schließlich sei am besagten Sonntag noch ein Video über Pulse of Europe in den Niederlanden viral gegangen. Das hier sei gelebte Völkerverständigung, ruft Stephanie Hartung, davon lebe Europa. Wie zum Beweis kommt William ans Mikrofon. William ist Niederländer und lebt seit neun Jahren in Frankfurt: „Ich muss mich für mein Land nicht schämen, das war in letzter Zeit zwar ab und zu beim Fußball so, aber nicht in der Politik“, sagt er den Menschen auf dem Platz. „Die Niederlande haben gezeigt: Populismus ist nicht wie schlechtes Wetter. Man kann etwas dagegen tun!“ Der nächste Schritt sei dann Frankreich, deswegen schickt er die Aufforderung „Restez avec nous!“ ins Nachbarland.

„Es bringt nichts, erst hinterher auf die Straße zu gehen“

Orangefarbene Liederzettel werden verteilt, orange für den Erfolg in den Niederlanden. Darauf: die Europahymne in der Pulse of Europe-Version. Einer trompetet langsam die Melodie vor, dann stimmt die Menge ein: Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium. Und dann: „Bonjour, liebe Europäer, freudig winken wir uns zu, doch die Wahlen, die bevorsteh’n, lassen uns hier keine Ruh’.“

Die Trompete ist etwas zu laut, die Sänger etwas zu schüchtern, aber die Botschaft ist klar: Wir halten zu euch, Franzosen. Auf die Frage, wer Freunde und Familie im europäischen Ausland hat, heben beinahe alle ihre Arme in die Höhe. Auch die Grundschullehrerin – ihr Bruder lebt in London. „Der Brexit hat ihn kalt erwischt, aber es bringt nichts, erst hinterher auf die Straße zu gehen.“ Deswegen ist sie heute schon da.

Quelle: FAZ.NET
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