AfD-Mitbegründer Konrad Adam

Das Gespenst der Spaltung ist noch da

Von Konrad Adam
 - 16:29

Den 9. November des Jahres 1989, den Tag, an dem die Mauer fiel, werden die meisten Deutschen als einen guten Tag in der an solchen Tagen nicht eben reichen Geschichte Deutschlands in Erinnerung haben. Nicht so Björn Höcke, Partei- und Fraktionschef der AfD in Thüringen. Als Günter Schabowski an jenem Abend zu seiner und aller anderen Überraschung verkündete, die Grenze sei offen, „ab sofort, noch heute“, da hätten, berichtet Höcke, sein Vater und er sich weinend in den Armen gelegen.

Allerdings nicht aus Freude darüber, dass sich Millionen von Deutschen die Freiheit erkämpft hatten. Auch nicht, weil der Auftrag des Grundgesetzes, die Einheit in Freiheit zu vollenden, endlich erfüllt war. Im Gegenteil war es genau diese Erfüllung, die ihn und seinen Vater das Schlimmste befürchten ließ. Der Vater nämlich habe weiter geblickt als alle anderen, habe Böses vorausgesehen und gesagt: „Das ist das Ende des deutschen Volkes.“ Denn nun werde Multikulti, die Afterkultur des Westens, einen Staat erobern, in dem die nationale Vertrauensgemeinschaft noch in Takt gewesen sei. Er meinte die DDR.

Sonderbares Geschichtsbild eines sonderbaren Geschichtslehrers. Die rührselige, ganz und gar unhistorische Vorstellung einer Nischengesellschaft, in der jedermann sein kleines Glück finden konnte, war damals, zur Zeit der Wende, eine Lieblingsidee der Linken. Sie träumten von einer solidarischen Volksgemeinschaft, die sich im Osten reiner erhalten habe als anderswo, und priesen sie als Vorbild für den Westen.

Diese krause Idee wird jetzt von einem Mann beschworen, der sich als Brückenkopf konservativen Denkens versteht und bewusst rechts einordnet. Dass DDR-Bürger, die wussten, wie hart, missgünstig und rücksichtslos es im sozialistischen Alltag zuging, für Höckes „Vertrauensgemeinschaft“ nur Hohn und Spott übrig hatten, stört ihn nicht. Sein Blick geht ins Hohe, Weite, Große, Ganze und entdeckt Paläste, wo andere nur Hütten sehen. Höcke stammt vom Rhein. Abgestoßen von den Auswüchsen des hiesigen Parteibetriebs, hielt er, solange er im Westen war, auf Abstand zur Politik.

Das wurde anders mit seinem Wechsel in den Osten, wo er auf Mentalitäten, auf „Seelenlagen“ stieß, die der seinen verwandt waren. Er trat wie ein profaner Bußprediger vor die Menge und entfaltete seine Visionen vor Tausenden. Er spürte den Beruf zur Politik; und folgte ihm. Höckes Sprache ist arm an Inhalt, aber schwer von Bedeutung. Er glaubt sich im Besitz von Wahrheiten, die weniger erkannt als erahnt, erfühlt, ersehnt werden müssen. Wenn er Marine Le Pen zum Wahlsieg gratuliert, sieht er die Altparteien „auf der Seite des Nichtseins“, sich selbst und seine Verbündeten „auf der Seite des Seins“. Angesichts der Magdeburger Domtürme überkommt ihn die Vision Kaiser Ottos des Großen, den er dann kurzerhand mit „Du“ anspricht. Nach dem Erfolg der AfD bei der Thüringer Landtagswahl fühlt er sich an die Kanonade von Valmy erinnert und ruft seinen Getreuen die Worte zu, mit denen Goethe das Ereignis kommentiert hatte: Von hier und heute sei eine neue Epoche der Weltgeschichte ausgegangen, „und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen“.

Ausgerechnet die aufs Nationale eingeschworene AfD lernt Deutschland als ein immer noch geteiltes Land kennen. Grenzgänger wie Björn Höcke und Alexander Gauland spüren die Unterschiede und beuten sie aus, indem sie östliche Mentalitäten mit westlichem Know-how bearbeiten. Dass das Verfahren lohnt, zeigen die Erfolge der AfD in Thüringen und Brandenburg, wo die Partei ihre bisher besten Landtagswahlergebnisse eingefahren hat.

Im Westen wird man dieser Siege aber nicht recht froh. Auch da kennt man die Unterschiede und fragt sich, was Gewinne im Osten bringen, wenn sie im Westen mit Einbußen in ganzer oder auch nur halber Höhe des Gewonnenen bezahlt werden müssen. Über die nächsten Landtagswahlen, die Mitte März in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz bevorstehen, geht der Blick hinaus auf die Bundestagswahl im Herbst 2017. Und die wird nicht im Osten, sondern im Westen des Landes entschieden.

Flügelkämpfe, Abspaltungen und Häutungen sind noch keiner Neugründung erspart geblieben. Die Grünen sind an ihren Rivalitäten gewachsen, die Republikaner haben sie nicht überlebt. Das Gespenst der Spaltung hat die AfD schon einmal heimgesucht, in Essen. Seither befürchten manche, dass es ein Wiedergänger sein könnte.

Der Autor Konrad Adam ist Mitglied der AfD. Er hat die Partei mitgegründet und zeitweise geführt.

Quelle: F.A.Z.
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