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Ehemaliger SS-Mann

Auschwitz-Prozess startet ohne direkte Beweise

Von Alexander Haneke
 - 17:59

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© AP, reuters

Fast 72 Jahre ist es her, dass Reinhold H. das Konzentrationslager Auschwitz verließ. Als er im Juni 1944 ins Konzentrationslager Sachsenhausen versetzt wurde, arbeitete die Vernichtungsmaschinerie auf Hochtouren. Es war die Zeit der „Ungarnaktion“, während der innerhalb weniger Wochen mehr als 300.000 ungarische Juden in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau ermordet wurden.

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Man weiß nicht, wie sich Reinhold H. fühlte, als er den Ort dieses Menschheitsverbrechens verließ. Ob es Erleichterung war, der Arbeit im Vernichtungslager zu entkommen, oder ob er stolz war auf den Dienst, den er seinem Führer geleistet hatte. 70 Jahre später, im Frühjahr 2014, standen jedenfalls Staatsanwälte vor seiner Tür und interessierten sich für das, was er über 70 Jahre zuvor in Auschwitz gemacht hatte.

Prozess
Ehemaliger Wachmann von Auschwitz vor Gericht

Wegen des weltweiten Interesses wurde ein Saal angemietet

An diesem Donnerstag muss sich Reinhold H. vor dem Landgericht Detmold für seine Taten verantworten. Die Staatsanwaltschaft Dortmund wirft ihm Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen vor. Das Gericht hat eigens einen Saal der Industrie- und Handelskammer Lippe gemietet, um Platz für Zuschauer und Presse aus aller Welt zu schaffen. 40 Nebenkläger, Überlebende des Vernichtungslagers und deren Angehörige, haben sich dem Verfahren angeschlossen. Zwölf Verhandlungstage sind angesetzt, nur zwei Stunden täglich, denn Reinhold H. ist inzwischen 94 Jahre alt und gebrechlich.

Reinhold H. war einer der Namen auf einer Liste von mehr als 30 früheren SS-Angehörigen, welche die Zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg vor mehr als zwei Jahren an die Staatsanwaltschaften weitergab. Im Februar 2014 wurden in zwölf Städten Wohnungen durchsucht. Viele der Verfahren wurden rasch wieder eingestellt, die Beschuldigten waren zu alt oder verstarben.

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Bisher wurde von dieser Liste nur Oskar Gröning wegen der Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen zu vier Jahren Haft verurteilt. Voraussichtlich noch in diesem Februar wird in Neubrandenburg der Prozess gegen Hubert Z. stattfinden, der in Auschwitz dem Sanitätsbataillon angehörte. Das Landgericht Hanau hat in der vergangenen Woche den Beginn der Hauptverhandlung gegen den früheren Auschwitz-Wachmann Ernst T. für April festgelegt. In Kiel ist zudem eine Frau angeklagt, die offenbar als Funkerin in der Kommandantur von Auschwitz arbeitete.

Konkret kann ihm die Staatsanwaltschaft keine Taten nachweisen

Reinhold H. kam 1921 als Sohn einer Arbeiterfamilie im Kreis Lemgo-Lippe zur Welt. Mit 14 Jahren schloss er die Volksschule ab und arbeitete zunächst in einer Fabrik. Damals, 1935, trat er auch in die Hitlerjugend ein. Im Sommer 1940 meldete er sich freiwillig zur Waffen-SS und kämpfte an der Front, bis er im Januar 1942 zum Totenkopfsturmbann nach Auschwitz versetzt wurde. Zwei Mal wurde er dort befördert, zuletzt zum Unterscharführer. Am 16. Juni 1944 kam schließlich die Versetzung ins Konzentrationslager Sachsenhausen, in dessen Nähe er fünf Tage vor Kriegsende in Gefangenschaft geriet. Über sein späteres Leben ist nichts bekannt.

Wie andere frühere SS-Leute gibt Reinhold H. zu, dass er in Auschwitz war. Mit den Morden aber will er nichts zu tun gehabt, ja sie noch nicht mal mitbekommen haben. Konkret können ihm die Staatsanwälte keine Taten nachweisen. Bekannt ist allein, welcher Kompanie er angehörte und dass er überwiegend Wachdienste im sogenannten Stammlager leistete, über dessen Eingang der Schriftzug „Arbeit macht frei“ prangte. Doch auch im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau wurde seine Einheit zu Bereitschaftsdiensten eingesetzt.

Mit der Bewertung von Auschwitz taten sich die Gerichte lange schwer

Mit der juristischen Bewertung der Mordfabrik Auschwitz taten sich die bundesdeutschen Gerichte lange schwer. Als sich die Justiz am Ende der fünfziger Jahre der Verbrechen der Nazi-Zeit annahm, verurteilte sie zwar Dutzende SS-Männer der „reinen“ Vernichtungslager wie Sobibor und Treblinka. Hier reichte den Richtern für die Beihilfe zum Mord, dass die Männer in den Lagern Dienst getan hatten.

Den Fall Auschwitz erachtete man aber als komplizierter. Nicht jeder, der nach Auschwitz kam, wurde direkt in die Gaskammern getrieben, es gab das Stammlager, das Vernichtungslager Birkenau, dazu das Arbeitslager Monowitz. Viele Deportierte mussten zunächst Zwangsarbeit leisten oder wurden auf andere Lager verteilt. Der Bundesgerichtshof (BHG) urteilte 1969 in seiner Revisionsentscheidung zum Frankfurter Auschwitzprozess, dass die Anwesenheit in Auschwitz allein nicht für eine Verurteilung ausreiche. Den SS-Männern müsse die Mitwirkung an bestimmten Tatkomplexen – etwa der Abfertigung eines Deportationszuges – nachgewiesen werden.

Erst lange nach Fritz Bauer setzt ein Umdenken ein

Damals stellte sich der BGH gegen den Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der dafür plädiert hatte, das Verbrechen Auschwitz als Ganzes zu begreifen. Denn jedem, so argumentierte Bauer damals, sei der Sinn des Lagers bewusst gewesen. Die Justiz ging einen anderen Weg als Fritz Bauer. Mit der Zeit setzte sich die Praxis durch, nur noch Täter zu belangen, denen konkrete eigene Morde nachgewiesen werden konnten, etwa willkürliche Erschießungen. Das war zwar ganz und gar nicht, was der BGH vorgegeben hatte, aber es sorgte dafür, dass praktisch alle Verfahren eingestellt wurden.

Erst mit dem Urteil gegen John Demjanjuk wachte die Justiz wieder auf, auch wenn der Fall mit Auschwitz nichts zu tun hatte – Demjanjuk war in Sobibor. Doch es wurde offenkundig, dass die Strafverfolger viele Täter unbehelligt gelassen hatten mit Begründungen, die juristisch nicht haltbar waren. Das Landgericht Lüneburg stützte sein Urteil gegen Oskar Gröning im vergangenen Sommer auch auf die Tatsache, dass Gröning das Geld der Häftlinge verwaltet und nach Berlin gebracht hatte. Auch dadurch habe er das Tötungsgeschehen unterstützt.

Gröning hatte selbst zugegeben, dass er wie jeder andere in Auschwitz nach kurzer Zeit wusste, welchem alleinigen Zweck das Lager, und damit seine Tätigkeit, diente. Beihilfe sei nach ständiger Rechtsprechung jede Handlung, „die die Herbeiführung des Taterfolges“ objektiv fördere oder erleichtere, stellten die Lüneburger Richter fest.

Auch die Anklage gegen Reinhold H. macht an dieser durch den BGH immer wieder bestätigten Bewertung der Beihilfe fest. Sie schließt nicht nur die Morde in den Gaskammern, sondern auch die Massenerschießungen im Stammlager und die „Vernichtung durch Arbeit“ ein. „Es ist die Rückkehr zu Fritz Bauer“, kommentiert Rechtsprofessor Cornelius Nestler die Anklage, der wie im Fall Gröning Überlebende als Nebenkläger vertritt.

Quelle: F.A.Z.
Alexander Haneke
Redakteur in der Politik.
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