Bundeswehr

Mehr Pfunde für die Truppe

Von Lorenz Hemicker
 - 15:28

Als Ursula von der Leyen am Wochenende mehr Soldaten an den Nato-Außengrenzen forderte, sah es für einen Moment so aus, als ob sich die deutsche Verteidigungsministerin nun voll auf die Krim-Krise konzentriere. Übel genommen hätte ihr das sicher niemand (mancher eher das, was sie sagte). Aber immerhin spielt sich an der Ostgrenze des Bündnisses die größte Krise seit dem Sowjet-Putsch 1991 ab. Das kann eine Verteidigungsministerin auslasten.

Doch von der Leyen mimt in diesen Tagen den Mehrkämpfer. Einer Ausnahmeathletin gleich hat sie sich schon wieder dem nächsten Thema zugewandt (bevor sie in die Türkei zur Raketenabwehrmission der Bundeswehr flog). Ihrem Lieblingsthema. Dem Innenleben der Bundeswehr, genauer: der fehlenden Fitness ihrer Soldaten. Die Gründe dafür sind seit Jahren bekannt. Die Bewerber werden immer dicker und können körperlich immer weniger leisten. Fast vier von zehn Bewerbern fallen einer Bundeswehrstudie zufolge durch, weil sie den kaum als anspruchsvoll zu bezeichnenden körperlichen Eignungstest nicht bestehen. Und selbst auf den Tartanbahnen mancher Offiziersschule traben heute Anwärter, die vor zwanzig Jahren schwerlich als künftige militärische Führer durchgegangen wären. Das soll so bleiben.

Körperliche Fitness soll weniger entscheidend sein

Die körperliche Fitness soll nach dem Willen der Verteidigungsministerin künftig noch weniger über Karrieren in der Bundeswehr entscheiden als heute schon. In der Rheinischen Post (Dienstagsausgabe) kündigte von der Leyen an, die Eignungsmerkmale für Soldaten überprüfen zu wollen. Es stelle sich die Frage, ob in einer hochtechnisierten Armee „jeder einzelne Soldat, jede einzelne Soldatin tatsächlich einen langen Marsch mit schwerem Gepäck bewältigen können muss“. Eine moderne Armee brauche die Fähigkeit zum vernetzten Arbeiten, soziale Kompetenzen, eine moderne „Unternehmenskultur“ und ausgeprägtes Technikverständnis. Darum dürfe man Menschen, die sich in der Bundeswehr einbringen wollen, „nicht unnötige Hürden aufbauen.“

De facto folgt von der Leyen mit ihrer Ankündigung einem schlichten Zwang. Nach der Aussetzung der Wehrpflicht und im Angesicht abschmelzender Jahrgänge und niedriger Arbeitslosenquoten steht die Bundeswehr vor der Herausforderung, ihren Bedarf an jungen Soldaten zu sättigen. Mit den körperlichen Anforderungen, die an Soldaten lange Zeit gestellt wurden, lässt sich das perspektivisch kaum noch machen. Geringere körperliche Anforderungen gleich mehr Bewerber für die Truppe, so lautet die eigentliche Gleichung.

„Es gehört zum soldatischen Selbstverständnis, fit zu sein“

Bei bundeswehrnahen Organisationen stößt von der Leyens Vorstoß auf gemischtes Echo. Der Bundeswehrverband sprach sich gegen eine Änderungen der Zugangsvoraussetzungen aus. Hinsichtlich der Auslandseinsätze sei klar, „dass wir keine weiteren Abstriche machen können“, sagte der Vorsitzende Oberstleutnant André Wüster.

Der Reservistenverband begrüßte zwar die Absicht der Verteidigungsministerin, die Zugangsvoraussetzungen zu individualisieren. „Nicht jede Fachverwendung in der Bundeswehr erfordert einen Body-Mass-Index unter 30, sagte Verbandspräsident Oberst a.D. Roderich Kiesewetter (CDU) zu FAZ.NET. Allerdings gehöre es zum soldatischen Selbstverständnis, fit zu sein. Chronisches Übergewicht passe dazu nicht. Fitness, körperliche Leistungsfähigkeit und psychische Robustheit seien weiterhin erforderlich, müssten geübt werden und sich auch steigern lassen, so Kiesewetter.

Früher galt in der Bundeswehr die Devise, dass jeder Soldat sich im Zweifelsfall selbst verteidigen können soll. Diesem Anspruch nachzukommen dürfte mit dem Vorstoß der Ministerin nicht einfacher werden.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hemicker, Lorenz
Lorenz Hemicker
Redakteur in der Politik
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