Populismus

Die AfD will keine Diktatur, sie will die Katastrophe

Von Justus Bender
 - 10:19

Es wäre ein Gedankenexperiment: AfD-Anhängern alles zu glauben, was sie sagen, und zwar aufs Wort. Dass sie keine Rechtsradikalen sind, zum Beispiel. Oder dass sie für mehr Demokratie stehen anstatt für weniger. Dass sie es ernst meinen, wenn sie sagen, unsere Regierung erinnere sie an eine Diktatur. Man könnte ihnen auch glauben, dass sie nichts gegen Ausländer, Asylbewerber, Muslime, Juden oder Türken haben, sondern dass es ihnen um Freiheit geht, um immer mehr Freiheit für alle Bürger, und dass sie Asylbewerber nur insofern ablehnen, wie ihre Freiheit durch sie beschränkt wird. Auch, dass sie das Volk von dem Joch befreien wollen, unter dem es ächzt, unterdrückt vom linksliberalen Mainstream, den Regierenden, den Journalisten, den Lehrern, die nur Denkverbote aussprechen.

Es wäre ein Experiment, das den AfD-Anhängern bis zu diesem Punkt gut gefallen würde. Es würde für einen Moment sogar jene Spirale anhalten, in der sich die Debatte zu drehen scheint, wenn die einen den anderen ständig unterstellen, etwas anderes zu meinen, als sie vorgeben. Nur originell wäre das Experiment nicht. Der Philosoph Platon hat es vor 2400 Jahre angestellt, im achten Buch seiner „Politeia“. Der Denker wollte beschreiben, wie Demokratien scheitern können: an dem Verlangen ihrer Bürger nach immer mehr Freiheit.

Ausgangspunkt ist eine Gesellschaft, in der nach und nach alle Bürger gleiche Rechte besitzen, die Frauen wie die Männer, die Kinder wie die Eltern, die Armen wie die Reichen, die Ausländer wie die Einheimischen. Für Platon war das eine Fiktion, in unserer Zeit ist das meiste davon Normalität. Man könnte das gesamte 20. Jahrhundert als eine Bewegung im platonischen Sinne sehen.

Nach der Gleichberechtigung folgen Debatten

Es brachte Frauenrechte, Armenrechte, Homosexuellenrechte, Kinderrechte. Im 21. Jahrhundert sind viele Diskurse, die von der Emanzipation einzelner Gruppen handelten, beendet. Was bleibt, sind Debatten über Fragen wie die, ob geschlechterbezogene Toiletten eine Diskriminierung von Transsexuellen darstellen. Sie sind Ausdruck der schon erreichten Gleichberechtigung in den westlichen Demokratien.

Für Platon ist dieser Moment der Stagnation der gefährlichste. Er hält den Freiheitsdrang der Menschen für unersättlich. Also beginnt ein neuer Emanzipationsdiskurs, in dem nicht mehr für bestimmte Anliegen gekämpft wird, sondern der sich gegen jede Form der Obrigkeit richtet. Wo die Freiheit des einen nur noch zulasten der Freiheit des anderen erweitert werden kann, richtet sich der Zorn gegen jene Autoritäten, die dieser Grenzüberschreitung entgegenstehen. Die Seelen freier Bürger, sagt Platon, werden irgendwann zart. Sie ertragen keine Einschränkungen. Sie wollen, was sie wollen und weil sie es wollen.

Was Platon meint, bezeichnen wir heute als „Wutbürger“. AfD-Anhänger wären in diesem Gedankenspiel keine Antidemokraten, sie wären das Gegenteil: Hyperdemokraten. Sie wären jene, die sagen, dass kein Asylbewerberheim in ihrer Straße errichtet werden darf, wenn sie das nicht wollen. Egal, was irgendeine demokratisch legitimierte Obrigkeit entschieden hat. Sie entscheiden. Sie sind das Volk. Manchmal sind sie nicht mal das Volk, sondern nur ein sehr kleiner Teil davon. Durchsetzen wollen sie ihren Willen trotzdem. Da wird es dann schon autoritär.

Populisten eint vor allem das Auflehnen gegen Obrigkeiten

Man muss nur einige Namen aufzählen, um zu erkennen, dass es sich bei dieser Idee der Volksherrschaft nicht um ein deutsches Phänomen handelt: Trump, Le Pen, Kaczynski, Wilders, Strache, Johnson. Alle wettern sie gegen Obrigkeiten und versprechen den Bürgern die Freiheit von allen empfundenen Zumutungen. Das scheint die eigentliche Gemeinsamkeit der Populisten zu sein, nicht der Zorn von Globalisierungsverlierern oder die Unsicherheit in Zeiten des Terrorismus.

Bei Platon endet diese Entwicklung in der Tyrannei, weil ein Teufelskreis in Gang kommt. Je stärker der Zorn gegen die Autoritäten der demokratischen Gesellschaft wird, desto stärker sprechen diese mit einer Stimme. Sie lehnen den neuen Populismus ab und kritisieren dessen Wortführer. Sie warnen vor dem Ende der Republik. In der Empfindung des Volkes werden sie dadurch erst Recht zu jener Oligarchie, die zu sein ihnen vorgeworfen wird.

Stichwort: „Altparteienkartell“ und „Lügenpresse“. Das Volk wählt in Platons Experiment einen Volkstribunen zum Anführer, der die „Oligarchie“ zerschlagen soll. Jeder, der sich gegen den Volkswillen wendet, gilt als Verräter. Als die Bürger merken, dass der Volkstribun nach dem Sieg über alle Autoritäten die einzig verbliebene Instanz ist, den Volkswillen zu interpretieren, ist es zu spät. Wer ihm widerspricht, verrät das Volk, und was das Volk will, weiß nur er. Wahlen gewinnt er, weil es keine Alternative mehr zu ihm gibt. Der Pluralismus ist tot, ein Autokrat ist geboren.

Heute braucht man nicht in Hysterie verfallen. Es ist nicht notwendig, gleich vom Ende der Republik zu sprechen, nur weil ein bärtiger Philosoph vor 2400 Jahren dieser Meinung war. Es genügt, die Gefahr zu erahnen, dass nicht nur der nach Diktatur strebende Extremismus, sondern auch der nach ungezügelter Freiheit strebende Populismus in eine Katastrophe münden kann.

Quelle: F.A.Z.
Justus Bender - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Justus Bender
Redakteur in der Politik.
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