KZ-Gedenkstätten-Kommentar

Zu Empathie erziehen

Von Livia Gerster
 - 10:42

Sollte jeder in Deutschland mindestens einmal in seinem Leben eine KZ-Gedenkstätte besuchen, auch die Einwanderer? Die Frau, die das gefordert hat, ist als Staatenlose in Berlin aufgewachsen, weil ihre Großeltern von den Staatsgründern Israels vertrieben wurden. Sie heißt Sawsan Chebli, ist gläubige Muslimin und Bevollmächtigte des Landes Berlin beim Bund. Daraus wurde eine Debatte über verpflichtende Besuche für deutsche Schulklassen. Gegen diesen Vorschlag sind nicht nur sämtliche Leiter von KZ-Gedenkstätten, sondern auch die meisten deutschen Kultusminister.

Die beinahe einhellige Abwehrreaktion gegen „Zwangsbesuche“ solcher Stätten irritiert. Die Gegner führen die Erfahrungen aus der DDR und den Grundsatz der Freiwilligkeit ins Feld. Dabei geht es nicht um die ideologische Ausschlachtung der Geschichte wie in der DDR, wo Kinder zwar manches über inhaftierte Kommunisten, aber wenig über die vergasten Juden lernten.

Wer bei Schülern von „Zwang“ spricht, erweckt außerdem den Eindruck, Schule an sich sei eine optionale Veranstaltung. Kaum ein Schüler lernt aus freien Stücken Lateinvokabeln oder binomische Formeln. Es gibt auch keine demokratischen Abstimmungen darüber, ob lieber der „Faust“ gelesen oder „Transformers“ im Kino gesehen wird. Wieso sollte sich der Lehrplan ausgerechnet da zurücknehmen, wo Haltung am dringendsten gefragt ist? In Klassenzimmern sitzen 15-Jährige in Thor-Steinar-Pullis. Und auf Schulhöfen hört man heute wieder „Tod den Juden“.

Nein, wer hier lebt, der muss die deutsche Geschichte kennen, denn aus ihr erwächst die Verantwortung in der Gegenwart. Und zu dieser Geschichte gehören Konzentrationslager. Dieser Verantwortung darf Deutschland sich nicht entziehen, sie gilt deshalb ebenso für Nachgeborene wie Einwanderer. Auch deshalb ist die Aufklärung über die Verbrechen des Nationalsozialismus in den Lehrplänen verankert.

„Schon wieder die ollen Nazis“

Das heißt aber noch lange nicht, dass es die Schüler interessiert, und schon gar nicht, dass es sie berührt. Vielen kommt das alles furchtbar lange her vor. „Oah nee, schon wieder die ollen Nazis“, heißt es da, wenn das Dritte Reich im Geschichtsunterricht drankommt.

Je weiter der Nationalsozialismus in die Vergangenheit rückt, je weniger Zeitzeugen leben, desto aktiver und eindringlicher muss deshalb an seine Opfer erinnert werden. Zwang hilft da nicht weiter. Aber auf die Methoden kommt es an. Deshalb holt man zum Beispiel Zeitzeugen ins Klassenzimmer. Was die erzählen, wirkt stärker als jedes Schulbuch.

Das Klassenzimmer einmal zu verlassen kann auch eine wirksame Übung sein. Geschichte wird am Ort des Geschehens greifbarer als an der Tafel. Kein Referat, keine Gruppenarbeit und keine Powerpoint-Präsentation kann das Empfinden und das Gewissen so sehr ansprechen wie der Boden, auf dem das Grauen geschah.

Sechs Millionen ermordete Juden, das ist eine abstrakte Zahl. Die Schuhe, Kleider, Brillen, Taschen und Koffer aber, die Kindern und Müttern und Vätern gehört haben, sind nicht abstrakt. Die Baracken, die Öfen, die Rampe – das ist so konkret, dass es schwer auszuhalten ist. Es auszuhalten ist jedoch das mindeste, das wir tun können.

Die Orte wirken

Wir sind es nicht zuerst uns selbst, sondern den Opfern schuldig. Dem unterzieht sich niemand gern. Und doch sollten wir es deutschen Jugendlichen abverlangen. Auch denen, deren Groß- und Urgroßeltern nicht aus Deutschland kommen. Es ist Teil unserer Erinnerungskultur.

Die Jugendlichen müssen lernen, warum es nicht angeht, wenn auf Demonstrationen in Berlin Fahnen mit dem Davidstern verbrannt werden. Warum Antisemitismus in Deutschland unter keinen Umständen akzeptiert wird. Und warum das Grundgesetz uns verbietet, die Verbrechen der Nazi-Zeit, den Holocaust zu leugnen.

Während Lehrer vom Überdruss der Schüler berichten, die sich nicht schon wieder mit Hitler beschäftigen wollen, erleben die Pädagogen in den Gedenkstätten etwas anderes: Schüler, auf die der Ort wirkt. Die berührt sind, schockiert, vielleicht auch geängstigt, überwältigt. In allen Fällen wollen sie über das Erlebte sprechen.

Gerade Flüchtlingskinder und solche mit Migrationshintergrund reden dann mit, erzählen von ihrer eigenen Flucht oder dem Gefühl, sich anders zu fühlen. Nur wer mitfühlt, versteht. Daraus wächst echtes Verantwortungsgefühl. Das Thema ist wichtig, es geht nicht um Zwang.

Quelle: F.A.S.
Livia Gerster
Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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