FAZ plus ArtikelDeutsch-russisches Verhältnis

Schwieriger Freund Putin

Von Stefan Locke, Matthias Wyssuwa
 - 06:19

Heike Richter kniet vor einer 50 mal 50 Zentimeter großen Tafel aus geschliffenem Quarzporphyr und entfernt hohes Gras von den Seiten, das den liegenden Grabstein überwuchert hat. Dann greift sie zu einem Spatel und schabt das Moos zwischen den Buchstaben ab. Zuerst kommt ein Sowjetstern zum Vorschein, nach einer Viertelstunde ist auch die Inschrift deutlich zu lesen. „Jana“ steht da in kyrillischen Buchstaben, darunter das Geburts- und Sterbedatum, zwischen denen nur wenige Monate liegen. „Hier liegt unser Töchterchen. Wir werden dich nie vergessen. Mama, Papa, Schwester.“ Der Grabstein ist aus dem Jahr 1987. „Es ist der letzte, der hier eingelassen wurde“, sagt Richter. Die Familie selbst kennt sie nicht, sie weiß nur, dass sie Teil der sowjetischen Armee war, die bis 1994 auch in Dresden stationiert war.

Es ist ein warmer Frühlingssamstag, an dem der Dresdner Verein „DenkMalFort“ zum Subbotnik aufgerufen hat. Das ist das russische Wort für Samstag, aber ein seit DDR-Zeiten auch im Osten geläufiger Begriff für einen unentgeltlichen Arbeitseinsatz. Etwa 50 Dresdner Bürger sind mit Harken, Spaten, Besen und Schubkarren gekommen, um den nördlichen Teil des Garnisonfriedhofs von Laub, Gras und Ästen zu befreien. 670 Gräber gibt es hier, meist von jungen Soldaten, aber auch von Familienangehörigen damaliger Offiziere. Alle Grabtafeln sind in den Boden eingelassen und auf den ersten Blick oft gar nicht zu erkennen. Auf jeder prangt ein Sowjetstern, darunter Namen und Lebensdaten der Toten sowie eine kleine Inschrift. „Mich berührt das sehr“, sagt Richter, die jedes Jahr bei diesem Arbeitseinsatz dabei ist. Sie hat erfahren, dass etwa ein Viertel der jungen Soldaten durch die berüchtigte Dedowtschina gestorben sein sollen, also das zum Teil grausame Schikanieren Wehrpflichtiger durch ältere Soldaten. „Diese kleinen Tafeln sind das Letzte, was von ihnen noch da ist“, sagt sie.

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Quelle: F.A.Z.
Stefan Locke
Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.
Matthias Wyssuwa
Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.
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