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F.A.Z. Woche

Herr Demagbo von der AfD

Von Philip Eppelsheim
© Daniel Pilar, Frankfurter Allgemeine Woche
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Ein dunkelhäutiger Immigrant aus Afrika ist Chef der AfD in Kiel. Wie passt das zusammen?
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Rechtskonservativ und dunkelhäutig. Ein Widerspruch? Ein Besuch beim Kieler AfD-Chef Achille Demagbo

Achille Demagbo ist 36 Jahre alt. Geboren und aufgewachsen ist er im westafrikanischen Benin. Seit dreizehn Jahren lebt er in Deutschland. Er kam, um zu studieren. Sprachwissenschaften. Mittlerweile hat er die deutsche Staatsangehörigkeit und arbeitet als Dolmetscher. Demagbo ist auch Gründungsmitglied und Chef der Kieler AfD. Was will ein Schwarzafrikaner in dieser Partei?

Demagbo glaubt, dass seine politische Einstellung immer in ihm gewesen ist. Er habe bereits in seiner „Kindheit bestimmte Werte verinnerlicht. Vor allem Ordnung und Disziplin.“ Seine Eltern arbeiteten beide als Lehrer, hatten mit Fleiß den Aufstieg aus einfachsten Verhältnissen geschafft. Sie erzogen Demagbo, seine Schwester und seine drei Brüder streng. Sehr streng. Demagbo sagt, er habe sich schon als Schüler für Geisteswissenschaften interessiert, vor allem für Philosophie und Soziologie. „Mir ist schon damals aufgefallen, dass die deutschen Denker, die deutschen Philosophen besonders rational sind, besonders systematisch koordiniert in der Art, ihre Ideen darzustellen.“ Demagbo verliebte sich „in das deutsche Denken“. In Immanuel Kant und auch in Friedrich Nietzsche.

Die politische Wirklichkeit einfach „nach links geschoben“

Über seine Anfangszeit in Deutschland erzählt Demagbo, dass die Menschen ihm sehr geholfen haben. Dozenten, Kommilitonen, selbst Fremde, die er in der Kneipe ansprach, um sich auf Deutsch zu unterhalten. Um die Sprache zu lernen, der Kultur näherzukommen. „Ich habe viele Menschen getroffen, die sehr offen waren.“ Das habe ihn positiv geprägt. Er habe sich als Deutscher gefühlt, sich gefreut, dass er dazugehöre. „Deutschland ist meine zweite Heimat“, sagt Demagbo. Mit Rassismus habe er hier nie Probleme gehabt. Im Gegenteil: „Die Deutschen sind nicht ausländerfeindlich. Sie schätzen jeden, der hierherkommt und die deutsche Kultur beachtet, sich an die gesellschaftlichen Normen hält.“

Er habe allerdings von Anfang an in Deutschland festgestellt, dass die Menschen falsch informiert würden. Seine allererste politische Information sei gewesen: „Du bist Ausländer. Pass bloß auf. Alles, was rechts von der SPD ist, ist gegen Ausländer.“ Demagbo sagt, er habe schnell gemerkt, dass das nicht stimmt. Er habe auch gemerkt, dass „die politische Wirklichkeit“ einfach „nach links geschoben“ wird. So entstehe „ein Vakuum, weil sich ein großer Teil der Bevölkerung nicht mehr vertreten fühlt.“ Die Meinungen der Bürger würden nicht mehr in die politischen Prozesse integriert. Als Beispiel nennt Demagbo den Beitritt Deutschlands in die EU: „irgendwo hinter den Kulissen ausgeklüngelt“. Er spricht davon, dass Errungenschaften, „die wir haben, in Deutschland, auf dem politischen Altar zugunsten linker politischer Experimente geopfert“ werden. „Ich bin dagegen. Die EU scheitert, der Euro scheitert. Und auch Multikulti ist gescheitert.“

Gescheitertes Multikulti in Duisburg-Marxloh

Demagbo wohnt im Kieler Stadtteil Gaarden, der seit langem als sozialer Brennpunkt gilt. Viele Arbeitslose, viele Ausländer. Demagbo sagt, er komme „wunderbar klar mit den Leuten dort“. Viele seiner Freunde sind Türken, Albaner, Kurden, Syrer. Die meisten von ihnen sind Kinder von Gastarbeitern. „Sie haben sich gut integriert.“ Das Problem aber seien die, die sich nicht integrieren. „Integration muss sein für ein gutes Miteinander. Die deutsche Kultur steht für mich im Mittelpunkt. Da führt kein Weg dran vorbei. Die deutsche Kultur und die deutsche Sprache müssen im Mittelpunkt stehen.“ Eigentlich, sagt Demagbo, sei das nicht so kompliziert. Und doch laufe es seit Jahren schief.

2016 feierte Demagbo zusammen mit Leif-Erik Holm und Beatrix von Storch den Einzug der AfD ins Berliner Abgeordnetenhaus.
© dpa, Frankfurter Allgemeine Woche

Als Beispiele für gescheitertes Multikulti nennt Demagbo Berlin-Marzahn und Duisburg-Marxloh. Er spricht von überforderter Polizei und dass nicht geprüft werde, ob Menschen sich überhaupt integrieren wollen oder nicht. „Man nimmt einfach alle. Deshalb haben wir in Deutschland Parallelgesellschaften. Deshalb haben wir Zwangsehen und Kinderehen, Leute, die sich an die Scharia halten, die sich nicht zu unseren demokratischen Werten bekennen. Es gibt einfach Probleme mit gewissen Kulturkreisen.“ Er sei ja selbst Migrant, sagt Demagbo. Und könne schon deshalb nicht gegen Einwanderung sein. Auch die AfD sei das nicht. Es gehe der Partei nur darum, „vernünftig“ aufzunehmen. „Ich bin für Zuwanderung.“ Aber die müsse in einer geregelten Form geschehen. „Welches Deutschland wollen wir für unsere Kinder? Das sind meine Gedanken, meine Sorgen“, sagt Demagbo.

„Und ich möchte etwas zurückgeben.“

Sich selbst bezeichnet er als wertkonservativ. Vor zwanzig oder dreißig Jahren, sagt er, wäre er bestimmt ein CDU-Mitglied gewesen. „Garantiert. Aber die CDU ist nach links gedriftet.“ Die CDU von damals gebe es nicht mehr. Die AfD habe nun die Themen und Positionen aufgegriffen, die die CDU vernachlässigt habe. Wie die traditionelle Familie. „Ich habe nichts gegen Homosexualität, überhaupt nicht. Es gibt Schwule in der AfD, mit denen ich befreundet bin. Aber wir brauchen Nachwuchs“, sagt Demagbo. Deshalb müsse die Familie geschützt werden. Er hat selbst Familie: eine Freundin und vier Kinder. Es stört ihn nicht, wenn der thüringische AfD-Vorsitzende Björn Höcke vom „lebensbejahenden afrikanischen Ausbreitungstyp“ spricht. „Das ist doch positiv. Ich bin lebensbejahend.“ Überhaupt, die Rassismusvorwürfe gegen die AfD: Auch Gauland hat schon mit seinen Kindern gespielt.

Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche

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Was Demagbo stört: Dass die anderen Parteien nicht die Ehrlichkeit hätten, zuzugeben, wenn von der AfD richtige Ansätze kämen. „Als wir gesagt haben: Sollte es darauf ankommen, dann kann man auch unsere Grenzen mit Schusswaffen schützen. Was haben die Medien aus dieser Aussage gemacht? Was gab es für einen Aufschrei im Land?“ Stattdessen, sagt Demagbo, hätte man nun die Weihnachtsmärkte mit Waffen schützen müssen. „Was ist das denn für eine Logik? Es wäre doch viel vernünftiger, die Grenzen zu sichern. Aber nein, wieder waren wir die Rassisten. Die Ausländerfeinde. Die Konsequenz war der Anschlag in Berlin und dass wir nun öffentliche Veranstaltungen mit Waffen schützen müssen. Das muss die Regierung verantworten.“

© F.A.Z., Frankfurter Allgemeine Woche

Demagbo sagt: „Das ist nicht mehr das Land, von dem ich geträumt habe, das ich so geliebt habe.“ Dieses Land habe ihm alles gegeben. „Und ich möchte etwas zurückgeben.“ Das also will Achille Demagbo in der AfD.

© dpa, afp
Quelle: Frankfurter Allgemeine Woche
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