Ende der Sondierungsgespräche

Ein bisschen Freude

Von Tatjana Heid, Berlin
 - 14:00

Am Ende lachen sie doch. Und zwar, als Martin Schulz sich bei den Mitarbeitern aller Parteizentralen bedanken möchte, dass sie die fast 24-stündige Marathonsitzung durchgestanden haben. Also dankt er dem Willy-Brandt-Haus, dem Konrad-Adenauer-Haus ... schaut zu Seehofer und fragt: „Wie heißt euer Haus in München?“ Und Seehofer, mit vor Stolz und Empörung zitternder Stimme und bayerisch gerolltem R: „Franz Josef Strauß!“ Da muss sogar Merkel lächeln.

Ansonsten aber ist die Stimmung wenig euphorisch. Das schlechte Wahlergebnis aller drei Parteien, das vormalige Nein der SPD zur Groko mit anschließender Kehrtwende und der Widerstand in der sozialdemokratischen Basis ist den Sondierern nur allzu bewusst.

Fast einen Tag lang haben sie verhandelt, gerungen, das Ende der Sondierungen bis in den nächsten Tag verschoben. Am Ende steht ein Papier, das einstimmig bei einer sozialdemokratischen Enthaltung angenommen wurde – und die Einsicht, dass ein noch schwierigerer Teil kommen wird. Nämlich, die SPD-Basis von einer abermaligen großen Koalition zu überzeugen. Kommendes Wochenende entscheidet ein Parteitag über die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen, zu einem möglichen Koalitionsvertrag gibt es eine Mitgliederbefragung. Schon jetzt formiert sich Widerstand.

„Das sind am Ende immer Kompromisse, die man eingehen muss“, ist dann auch einer der ersten Sätze, die Martin Schulz vor Pressevertretern im Willy-Brandt-Haus sagt, als er zusammen mit Merkel und Seehofer die Ergebnisse der Sondierungsgespräche vorstellt. Man habe gerungen, sehr intensiv gerungen. Aber: „Wir haben hervorragende Arbeit geleistet.“ Schulz spricht von Erneuerung und Aufbruch und dass die Koalition verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen wolle. Er sieht müde aus, übernächtigt, was nach einer solchen Sitzung auch kein Wunder ist.

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Video-KommentarMerkels Abschlusskapitel beginnt

Schulz lächelt kaum, er überlässt es sogar Seehofer zu verkünden, dass man sich auf eine Grundrente geeinigt habe – allerdings nur für „Versicherte, die 35 Jahre an Beitragszeiten oder Zeiten der Kindererziehung beziehungsweise Pflegezeiten aufweisen“. Ein sozialdemokratisches Herzensanliegen ist es dennoch.

Ein „Papier des Gebens und Nehmens“

Wirkliche Begeisterung versprüht Schulz erst, als er davon spricht, dass Deutschland wieder eine starke Rolle in einem starken Europa spielen wolle und werde. Das sei ein großer gemeinsamer Wunsch und gemeinsames Ziel aller drei Parteien gewesen.

Auch Merkel spricht von einem „Papier des Gebens und Nehmens“, das es Deutschland ermöglichen werde, auch in zehn oder fünfzehn Jahren gut zu leben. Sie unterstreicht Zukunftsinvestitionen in Pflege und Rente, verspricht 15.000 neue Stellen für Polizisten und Investitionen in Wohnung, Verkehr und Energiewende. Auch sie ist sichtlich erschöpft. Sie sei sich nicht sicher gewesen, dass die Sondierungen gelingen, gibt Merkel schließlich zu. „Es gab Stockungen, aber die Richtung war immer die gleiche.“

Es ist dann Horst Seehofer, jener Parteichef, den viele schon abgeschrieben hatten, der die überzeugendste Vorstellung abliefert. Er sei sehr glücklich, sagt er, dass seine Zuversicht am Beginn der Sondierungen berechtigt gewesen sei. „Wir haben gezeigt, was Politik kann.“ Dieses Ergebnis solle den Menschen, die ihn und die anderen beiden Parteien bei der Wahl abgestraft haben, zeigen: „Wir haben verstanden.“

Seehofer erwähnt die Grundrente, Verbesserungen in der Pflege und einen Rechtsanspruch bei Grundschülern. Er betont den Zusammenhalt während der Sondierungen und wünscht Martin Schulz viel Glück beim anstehenden Parteitag. Die CSU werde ihre Entscheidung am Montag treffen. „Ich bin mit dem Ergebnis für meine Partei hochzufrieden“, sagt er noch.

Es ist der Moment, als Schulz seufzt und durch das gläserne Dach des Willy-Brandt-Hauses in den grauen Himmel schaut.

Quelle: FAZ.NET
Tatjana Heid
Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.
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