Inland
Erdogans Nazi-Vergleiche

Das Ende der Merkelsgeduld

Von Berthold Kohler
© AFP, F.A.Z.

Man werde nicht zulassen, dass jedes Tabu falle, kündigte die Bundeskanzlerin als Reaktion auf die neuerlichen Ausfälle des türkischen Präsidenten an, der nun auch ihr persönlich „Nazi-Methoden“ vorwarf. Doch welches Tabu ist noch nicht gefallen, seit Erdogan Deutschland wie ein Geistesgestörter mit grotesken Nazivergleichen überzieht? Es fehlt jetzt eigentlich nur noch, dass er das Stelenfeld im Herzen Berlins zum Siegerdenkmal für die Vernichtung des europäischen Judentums umdeutet.

Erdogans infame Beleidigungen sind keine außer Kontrolle geratenen Reaktionen auf die Absagen, die seine Wahlkämpfer in deutschen Städten kassierten. Des Präsidenten Dauerprovokation zielt auf die Mobilisierung seiner Anhänger in Deutschland und in der Türkei.

Die größte Erregung verspricht er sich offenbar von einem generellen Auftrittsverbot für seine Wahlkämpfer, gekrönt von einem Einreiseverbot für sich selbst: Da seht ihr, was ich euch schon die ganze Zeit sage – Nazis! Auf diesen Leim wollten Merkel und die große Koalition ihm nicht kriechen. Dahinter stand die Erwartung, dass Erdogan wieder zur Besinnung komme und die für sein Land wichtigen deutsch-türkischen Beziehungen wie auch das Verhältnis zur EU insgesamt nicht für sein Verfassungsreferendum opfere. Diese Hoffnung aber trog. Für Erdogan hat die Ausweitung seiner Macht absoluten Vorrang.

Dafür trieb er auch die Bundesregierung immer weiter in die Ecke. Bis zum 16. April kann sie dort nicht verharren und bloß den Erdogan wenig beeindruckenden Satz wiederholen, dass die Nazi-Vergleiche aufhören müssten. Berlin gab Ankara mehr als ausreichend Gelegenheit dazu. Es ist an der Zeit, den Türken zu zeigen, dass Erdogans Politik der verbrannten Erde schwerwiegende Folgen hat. Erdogan führt die Türkei in die Isolation. Er koppelt sie vom freien und demokratischen Westen ab und verwandelt sie immer mehr in eine asiatische Despotie. Wenn die Türken wirklich einem Mann noch mehr Macht geben wollen, der den Methoden des Faschismus deutlich näher steht als alle von ihm mit diesem Vorwurf Überzogenen, dann wird auch Merkels Geduld daran nichts ändern. Die Aussichten, dass ein nicht länger nur gehauchtes „Jetzt reicht’s!“ aus Berlin nach holländischem Vorbild dem einen oder anderen Türken doch noch die Augen dafür öffnet, wohin die Reise unter Erdogan geht, sind freilich auch nicht sehr groß.

© reuters, reuters
Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite

Themen zu diesem Beitrag:
Berlin | Türkei