Ernst Hinsken

Der beste Abgeordnete der Welt

Von Reinhard Bingener und Timo Frasch
© Philip Lisowski, F.A.S.
Am Berg des weltweit ersten Lifts mit Schließbügelautomatik: Ernst Hinsken auf der Fahrt hinauf zum Arber

Dieser Text ist ein weiterer Erfolg für Ernst Hinsken, den erfolgreichsten Politiker Deutschlands. Auf die Anfrage für ein Interview antwortete der CSU-Bundestagsabgeordnete mit einer E-Mail. Betreff: „Reportage über mich“. Versuche der telefonischen Klarstellung schlugen fehl:

„Herr Hinsken, noch mal, es geht um ein Interview.“

„Jaja, genau. Ich habe Sie ganz genau verstanden. Wissen Sie was: Sie kommen zu mir, ich mach Ihnen ein super Programm, und dann schreiben Sie eine schöne Reportage!“

Helmut Kohl soll früher gesagt haben: „Beim Hinsken brauchst du gar nicht versuchen, Nein zu sagen.“ Tatsächlich ist Ernst Hinsken ein Meister darin, seinen Willen durchzusetzen. Vor allem, wenn es um die Interessen seines Wahlkreises Straubing geht. Für den geht Ernst Hinsken (70 Jahre, 6 Bypässe, 47 Ehejahre, 2 Kinder) seit 33 Jahren als Bundestagsabgeordneter in die Vollen.

„Ich saß und sitze in den entscheidenden Gremien. Ich haue nach wie vor achtzig Stunden rein.“

„Und was sagt Ihre Frau dazu?“

„Jaja, sicher.“

Zwei Mal das beste Ergebnis von allen Direktkandidaten

Los geht’s am späten Abend im „Singenden Wirt“. Auf der Herfahrt hat Hinsken versucht, beim „mit 95 Prozent bestbelegten Hotel Deutschlands“ (Hinsken) anzurufen. Hat aber nicht geklappt. „Kein Vodafone-Netz hier“, sagt der singende Wirt (Stefan von „Stefan & die Aufdreher“). Hinsken ist alarmiert. „Warum hast du mir nicht gesagt, dass du hier kein Netz hast?“ Er kündigt schnelle Hilfe an und weiß auch schon, wie. „Anrufen ist unverbindlich, schriftlich ist verbindlich.“ Zunächst setzt er also ein freundliches Schreiben an den Vorstand des Unternehmens auf. Wirt Stefan weiß, was dann folgt: „Wenn du den vorne zur Eingangstür rausschmeißt, kommt er hinten wieder rein.“ Hintertür heißt für Hinsken: „Ich kann mich einbringen in den Ausschuss.“ Schlechte Nachricht für Vodafone: Hinsken ist Vorsitzender des Wirtschaftsauschusses. Hilft auch das nicht, wird Hinsken - „ich stell mich auf die Hinterbeine und lass nicht locker“ - zum Terrier: „Passt auf, sage ich dann. Wenn ihr nicht wollt, dann ziehe ich eben die letzte Konsequenz und geh in der öffentlichen Fragestunde an die Bundesregierung heran.“

Am nächsten Morgen steht Hinskens Fahrer Eduard vor der Eingangstür, mit einem Mietauto. Ernst Hinsken hatte - „Ich war schuld“ - einen Unfall mit seinem Privatwagen. Es geht zum „Waldwipfelweg“ mit benachbarter Sommerrodelbahn, laut Hinsken „ein Eldorado für den Sommer- wie für den Wintersport“. Eduard stellt den Wagen auf dem fast leeren Parkplatz des Waldwipfelwegs ab. „Das ist eine Goldgrube hier“, sagt Hinsken. Die Frau an der Kasse kennt ihn nicht, was offenbar ungewöhnlich ist, denn zumindest in Straubing kennen Hinsken nach dessen eigener Schätzung 80 Prozent der Leute. „Das ist ein hoher Wert“, sagt Hinsken, der sowohl 2002 als auch 2005 von allen Direktkandidaten in Deutschland das beste Wahlergebnis erzielte: 74,6 Prozent und 68 Prozent.

Tiefsinnig: Hinsken vor dem „Haus am Kopf“
© Philip Lisowski, F.A.S.
Tiefsinnig: Hinsken vor dem „Haus am Kopf“

Hinsken verlangt nach dem Chef. Der Chef kommt. Hinsken lobt ihn: „Er war der Erste, der das mit der Rodelbahn gemacht hat.“ Der Betreiber korrigiert: „Der Dritte.“ - „Und mit dem ,Haus am Kopf‘, da war er wieder der Erste“, sagt Hinsken.

Die Bilanz des Strukturwandels kann sich sehen lassen

Das „Haus am Kopf“ ist ein Haus, das auf dem Kopf steht. „Das steht nicht nur am Kopf, das ist auch noch zusätzlich sechs Prozent längsgeneigt und sieben Prozent quergeneigt“, berichtet der Betreiber.

Ernst Hinsken ist großer Befürworter vom „Haus am Kopf“. Als erster Tourismusbeauftragter der Bundesregierung (2005-2009) weiß er, wie wichtig das Besondere ist. Aber auch das Besondere nützt nur wenig, wenn zum Beispiel „die Chinesen erst nach Italien, dann nach Frankreich und erst dann, wenn sie kein Geld mehr haben, nach Deutschland kommen.“ Er selbst habe daran mitgewirkt, dass die Route umgedreht wird.

Apropos umgedreht:

„Wieso steht das Haus auf dem Kopf?“

„Das ist tiefsinnig. Hier im Bayerischen Wald hat man vieles auf den Kopf gestellt. Die Strukturen - aber die Liebenswürdigkeit der Menschen hat man erhalten.“

Die Bilanz des Strukturwandels kann sich sehen lassen. So ist in Hinskens Zeit die Arbeitslosigkeit massiv zurückgegangen: „Früher hatten wir im Winter 43 Prozent Arbeitslosigkeit, heute haben wir weit weniger als drei.“ Hinzu kommt „mit die niedrigste Krankheits- und Kriminalitätsquote in Deutschland“, aber auch „mit die höchste Verbrechensaufklärungsquote“. Überhaupt hat sich der Bayerische Wald peu à peu zu einer Region der Superlative gemausert, die dem Schwarzwald „aber in gar nix mehr nachsteht“: „mehr Volksschauspiele als irgendein anderer Landstrich“, meistfotografiertes Motiv Deutschlands (kleiner Arbersee), größte Glastrophäenfirma der Welt. Sowie: „das sicherste Zuchthaus Deutschlands - da waren sie alle schon drin, die Zschäpe und auch die von der RAF“, sagt Hinsken. „An die 200 Lebenslängliche haben wir hier - das ist bewiesen, sonst würd ich es nicht sagen.“

Damit steht fest: „Der Bayerische Wald ist die Aufsteigerregion Deutschlands.“

Ein besonderes Schmuckstück

Das allerdings hat Ernst Hinsken auch schon vor 15 Jahren behauptet. Wir fragen also nach:

„Wie lange ist man Aufsteigerregion?“

„Solange man aufsteigt.“

Hinsken mahnt zur Eile. „Es gibt hier viel zu sehen, da müsstet Ihr mindestens eine Woche hier sein.“ Eduard gibt Gas. Hinsken auch: „Da hättest du gerade gut überholen können. Aber jetzt kriegst du ihn!“

Auf der Terrasse eines der besten Hotels des Bayerischen Walds
© Philip Lisowski, F.A.S.
Auf der Terrasse eines der besten Hotels des Bayerischen Walds

Ankunft in Bodenmais, „in einem der besten Hotels des Bayerischen Waldes“. Es folgt eine weitere Bestätigung, dass Hinskens Selbsteinschätzung, er habe in seinem politischen Leben „90 Prozent richtig gemacht“, auf jeden Fall zu den 90 Prozent gehört. Allein wie er uns die Chefin und den Chef vorstellt! „Die Frau hier hat die Grazie und alles, was man braucht, aber der Finanzminister im Haus ist er“, sagt Hinsken. „Eine Perle, deine Frau!“

Auch das Hotel erweist sich beim Rundgang als besonderes Schmuckstück. „Die Leute - das ist jetzt besonders wichtig für Sie, Herr Frasch - sind bereit, etwas zu bezahlen, wenn das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt“, sagt Hinsken. Einer der Höhepunkte des Hauses ist die 100 Quadratmeter große „Traumblicksuite“, die über eine „Partner-Dampfdusche“ und eine „freistehende Whirlwanne“ verfügt. „Herr Bingener, Herr Frasch, wenn Sie hier mal mit Ihren Begleiterinnen ein romantisches Wochenende verbringen wollen, dann lassen Sie es mich wissen“, rät Hinsken.

Auf dem Großen Arber

Er selbst war mit seiner Frau noch nie hier, hat aber zu seinem 70. Geburtstag, zu dem er „1250 Glückwünsche“ erhielt, eine Übernachtung geschenkt bekommen. Auch die Hoteliersleute Anita und Anton könnten unter den Gratulanten gewesen sein, so, wie sie Hinsken loben, weil er offenbar wie ein Löwe für die Hoteliersteuer gekämpft hat: „Ein Segen!“, ruft die Frau. Von dem Geld sei „ganz viel reinvestiert“ worden. „Wer nicht investiert, verliert“, lautet einer der Slogans des Abgeordneten. Allein die Poollandschaft! Hinweis Ernst Hinsken:

„Ab 19 Uhr sind die Badenixen da.“

„Für wen?“

„Na, für Euch!“

Weiter geht’s zum Großen Arber, der nicht nur der „König des Bayerischen Waldes“ ist, sondern auch der Berg mit dem „weltweit ersten Lift mit Schließbügelautomatik“. Wir nehmen trotzdem die Gondel. Oben angekommen, lädt die wunderbare Aussicht zur Reflexion über den Menschen und die Natur ein. „Mit unseren Naturschutzgesetzen sind wir über das Ziel hinausgeschossen“, sagt Hinsken - schließlich sei „der Mensch das Non plus ultra“. Der Nationalpark Bayerischer Wald sei zwar „ein Eldorado von Tieren“. Trotzdem: „Wenn man irgendwo einen toten Luchs findet und deshalb ein Straßenbauprojekt verschiebt, dann gehen bei mir die Lichter aus.“ Auch das Gewährenlassen des Borkenkäfers im Nationalpark sieht Hinsken kritisch: „Wegen zusammengefressenen Bäumen einen Urlaub zu verbringen, das macht keiner - außer vielleicht ein Naturwissenschaftler.“

Hinsken-Sein geht ins Geld

An der Bergstation lädt uns Hinsken zum Essen ein.

„Wir können auch mal selber zahlen.“

„Nix!“

„Ist halt nur wegen der journalistischen Unabhängigkeit.“

„So lumpig schauen Sie nicht aus - ich glaube an das Gute im Menschen!“

Auf Volksfesten, erzählt Hinsken, kämen die Leute oft zu ihm an den Tisch: „Ach komm, zahl uns doch a Maßerl.“ So sei er gleich 20, 30 oder 50 Euro los. Ähnlich laufe das mit den „Tausenden, Abertausenden Besuchergruppen“, die er im Laufe der Jahre in Bonn und Berlin empfangen habe. „Wenn ich da sage, jeder von euch bekommt sieben Euro Zuschuss, dann geht das unter. Wenn ich aber sage, jeder bekommt ein Essen, dann wird das ganz hoch angerechnet.“

Die majestätische Burgruine Weißenstein bei einmaligem Wetter
© Philip Lisowski, F.A.S.
Die majestätische Burgruine Weißenstein bei einmaligem Wetter

Hinsken-Sein geht also ins Geld. Im Unterschied zu manchem Parteifreund habe er auch keine lukrativen Nebenbeschäftigungen am Laufen, sondern nur Pöstchen, „wo ich nichts verdiene außer einer Aufwandsentschädigung“, sowie ehrenamtliche Sachen. „Da steckst du mehr rein, als du rausholst.“ Zur politischen Landschaftspflege gehört für Hinsken auch, jedes Jahr Glaspokale „im Wert von insgesamt 6000 bis 7000 Euro“ zu stiften. Hinsken ist außerdem in 74 Vereinen Mitglied. Und zahlt entsprechend 74 Mal Mitgliedsbeitrag.

Wir: „Da haben es nicht so volksnahe Politiker natürlich leichter.“

Hinsken: „Die werden aber auch nicht gewählt.“

Landflucht ist ein großes Problem

Zurück auf der Straße. Hinsken rügt Eduard - er solle auf das Tempolimit achten. Denn: „Vom Mietwagen kennen sie die Autonummer nicht.“ Natürlich nur ein Scherz. Jetzt soll es um die großen Linien im politischen Leben des Abgeordneten Hinsken gehen. Ist er ein Ordnungspolitiker? „Was heißt hier Ordnungspolitik“, antwortet Hinsken, „die haben wir doch selbst 25 Mal in der letzten Legislaturperiode gebrochen.“ Das heißt aber natürlich nicht, dass Hinsken kein politisches Prinzip hat. Er hat eben nur ein anderes: „Der Wahlkreis zuerst.“

„Wenn ich immer auf Ordnungspolitik statt auf Pragmatismus gesetzt hätte, wäre mein Wahlkreis nicht da, wo er ist.“ Lässt man politische Leitplankler wie Karl-Theodor zu Guttenberg einmal außen vor, verkörpert Ernst Hinsken damit ein Erfolgsrezept der CSU. Oder, in seinen Worten: „Wir von der CSU machen oft Scheiße, ist aber alles überschaubar.“ Das mag am klaren Wertekompass der Partei liegen, der auch Ernst Hinsken geistige Orientierung bietet: „Ich verhehle nicht, dass ich sehr konservativ war und es nach wie vor bin. Ich bin aber auch liberal. Ein Mann der Mitte, vielleicht mit einem kleinen Rechtsdrall.“

„Was heißt das, etwa, wenn es um Homosexualität geht?“

„Das heißt, ich akzeptiere es, wenn einer anders gewickelt ist, aber ich meine, man braucht es nicht an die große Glocke zu hängen, man sollte damit nicht kokettieren.“

Hinsken macht uns während der Fahrt auf das Café Gloria aufmerksam. Offenbar wird es von einer Transsexuellen geführt. Besser gesagt: wurde. Hinsken nennt sie „Kult, eine ganz tolle Frau“, er schätze sie, weil sie „was los gemacht“ habe. Leider habe sie das Café dichtmachen müssen und werde nun wohl wegziehen, weil im Bayerischen Wald die „Kultszene zu klein“ sei. Überhaupt: Landflucht. Trotz Hinsken ein ganz großes Problem in der Gegend. Bis 2025 werde zum Beispiel die Bevölkerung der Stadt Regen um zehn Prozent geschrumpft sein, sagt er. „Da hilft es auch nicht, wenn ältere Leute, die zuvor anderswo money, money gemacht haben, sich hier ein Haus kaufen. Es kann doch nicht sein, dass wir das Altersheim der Republik werden.“

Highlights der „Glasstraße“

Was tun? Alles. „Man braucht die EU, man braucht Strukturhilfen, man braucht vernünftige Steuerbedingungen, man braucht Kredite.“ Hinsken weiß aber auch: „Die Jugend kommt vor allem dahin, wo Halligalli ist.“ Deswegen lässt er sich auch mal sehen, wenn in einer Disko das Madl mit dem schönsten Dirndl gewählt wird. Und dann findet er es auch absolut in Ordnung, wenn man dem Madl sagt, dass es fesch ausschaut oder gut ein Dirndl ausfüllen kann. „Wenn man so etwas nicht mehr sagen darf, dann fehlt es hinten und vorne. Ich bin vielleicht ein barocker Typ, aber deswegen bin ich noch lange kein Bazi!“

Eine klare Rollenverteilung hat Tradition im Bayerischen Wald. Der sagenumwobene Seher „Mühlhiasl“ erkannte schon vor 250 Jahren, es sei ein Zeichen für das bevorstehende Ende, „wenn man Mandl und Weibl nimmer auseinanderkennt“. Der Pflege des Andenkens an den „Mühlhiasl“ widmet sich zum Beispiel die „Gläserne Scheune“ oberhalb von Viechtach, zu der Hinsken seine Besucher führt. „Das ist einzigartig. Das kam auch schon im Fernsehen weltweit“, schwärmt Hinsken über die Glasmalereien von Rudolf Schmid senior, der „ein Künstler durch und durch“ sei. Überhaupt sei der Bayerische Wald die „bedeutendste Glasregion in Deutschland“. Am Erhalt dieses Erbes hat augenscheinlich auch Ernst Hinsken Anteil. Auf einem etwa fünf Meter hohen „Dankmal“ vor der „Gläsernen Scheune“ prangt das Konterfei des Trägers des „Ehrenpreises der Glasstraße 2012“. Wir kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus, stellt Hinsken fest.

Er weist Eduard an, weitere Highlights der „Glasstraße“ anzufahren. Aus Zeitgründen ausfallen muss leider ein Besuch bei einer Glasfabrik. „Der hätte sich gefreut, da hättet ihr ein schönes Glas mitbekommen. Aber das bekommt ihr woanders auch.“ Selbst für die „größte Kristallglaspyramide der Welt“ aus 93.665 Kristallgläsern bleiben nur wenige Minuten, weil der „Gläserne Wald“ schon wartet - „einmalig in ganz Europa“. Bis zu 50.000 Euro teuer sei jeder der aus Glas gefertigten Bäume gewesen.

Im Forschungsinstitut ist Pünktlichkeit Pflicht

„Finden Sie die Glasbäume schön, Herr Hinsken?“

„Ja, klar, weil es Unikate sind.“

„Und das Bauernhaus daneben, mit den alten Holzschindeln und der Natursteinmauer, gefällt Ihnen das nicht besser?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Das Bauernhaus, das gibt es öfters, aber das hier sind Unikate. Kalenderbilder sind das.“

Eduard muss jetzt dringend richtig Gas geben - es geht nach Straubing, wo die „Führungscorona“ eines Forschungsinstituts wartet. Da ist Pünktlichkeit Pflicht - schließlich, so Hinsken, „sind das Professoren und keine Hampelmänner“. Straubing muss lange eine wenig bedeutende Provinzstadt gewesen sein - bis im Juni 2008 Geschichte geschrieben wurde: „Ha, das war mein Husarenstück!“, schwärmt Hinsken. „Da gab es die Straubinger Beschlüsse. Und ich bin überzeugt, dass bis dahin viele nicht wussten, wo Straubing liegt, auch in Deutschland nicht.“ Hinsken war es damals gelungen, das deutsch-französische Ministerratstreffen, das bis dahin ausschließlich in Berlin und Paris stattgefunden hatte, nach Straubing zu holen. Wie? „Das ist mein Geheimnis.“ Der französische Präsident Sarkozy war von der Reise ins Niederbayerische jedoch zunächst gar nicht begeistert. Er habe den damaligen Kanzleramtsminister de Maizière am Flughafen „zusammengestaucht“. Wie man ihm so ein Nest zumuten könne! Wenig später dann: Jubel in der Stadt und Begeisterung bei Sarkozy, dem es auch die Schönheit der Straubingerinnen angetan haben soll. „Best quality“, habe der Präsident zu ihm gesagt, sagt Hinsken. „Straubing ist seitdem ein ganz großer Begriff.“

„Ich bin auch für Panzerlieferungen“

Damit das auch so bleibt, hat Hinsken daran mitgewirkt, das besagte Forschungsinstitut für nachwachsende Rohstoffe in die 45.000-Einwohner-Stadt zu holen- in der Hoffnung, dass damit studentisches Flair einziehe. „Unser Ziel ist: In zehn Jahren 1000 Studenten in Straubing. Und das geht nicht von selbst“, sagt Hinsken. „Bis auf ein paar Gebäude war hier nichts. Nichts!“ Und nun sei hier das „populärste und international renommierteste Institut“ seines Wahlkreises entstanden. „Das gibt in Deutschland den Ton an“, denn hier seien „Top-Leute am Werk“. Die „Führungscorona“ wird von Hinsken in den höchsten Tönen gepriesen: „Ich bin unglaublich stolz auf das hier. Ihr müsstet alle einen Sonderverdienstorden des Freistaats erhalten.“ Zuckerbrot verstand Bäckermeister Hinsken schon immer unter die Leute zu bringen. Die Lebkuchen seiner früheren Bäckerei sind in der Region Legende. Er weiß aber auch: Wenn du zum Volke gehst, vergiss die Peitsche nicht. „Hören Sie, diese Fragen werden kommen, wenn einmal ein Minister hier ist“, sagt Hinsken, als ihm die Mitglieder der „Führungscorona“ in ihrer Antwort zu vage bleiben. Hinsken ist gut im Stoff. Vor allem ist ihm klar, dass die Energiewende nicht nur eine wissenschaftliche, sondern auch eine wirtschaftliche Frage ist. Das trifft sich gut, denn: „In der Wirtschaft habe ich die Finger ganz weit drin.“

So macht er auch Politik. Hinsken ist wenig zimperlich, wenn es darum geht, aus dem ehemaligen „Armenhaus Deutschlands“ eine „Spitzenregion“ zu formen. Wenn dabei das saftige Grün von Wäldern und Wiesen hilfreich ist - schön. Wenn eine neue Bundesstraße oder ein Schlachthof noch hilfreicher sind - auch recht. Niederlagen gegen Naturschützer und andere Bedenkenträger werfen Hinsken dabei nicht aus der Bahn. Selbst von Horst Seehofers Nein zum Ausbau der Donau zwischen Straubing und Vilshofen lässt sich Hinsken nicht beeindrucken. „Ich zeige Ihnen die ausgebaute Donau - da sagen Sie: ,Das hat der liebe Gott geschaffen.‘ Aber da brauchen wir nicht zu fachsimpeln, weil da bin ich Ihnen überlegen, haushoch.“ Hinsken legt sich fest:

„Ich bin für den Donauausbau. - Ich bin auch für Panzerlieferungen.“

Hinsken wird nicht noch einmal zur Wahl antreten

Der Tag klingt aus auf dem Bogenberg, den der ganz junge Hinsken einmal im Jahr auf Geheiß seiner Großmutter besuchen musste. Hier steht die älteste Marienwallfahrtskirche Bayerns - hier gibt es aber auch einen Biergarten. Vom Tisch aus blickt Ernst Hinsken zufrieden auf den Tag, die Donau und den weiten Gäuboden. Ein herrlicher Anblick. Bei noch klarerer Luft sähe man von hier aus bis zu den Alpen. Und auch die Früchte des Jahrzehnte währenden Wirkens des Ernst Hinsken würde man noch genauer erkennen: die neuen Straßen, die herausgeputzten Häuschen mit den Solaranlagen, das Briefzentrum und den Hafen in Straubing. Oder den Inkasso-Service der Bundesagentur für Arbeit, den Hinsken 1988 der Landeshauptstadt München entriss und nach Bogen holte. Hinsken ist versöhnlich gestimmt. „Eduard, prost, gut bist du gefahren. Auch wenn ich dich geschimpft habe.“ Eine Bedienung in kurzer Lederhose serviert Hinsken einen Teller mit Sülze. „Sie sind nicht nur sehr freundlich, sondern auch sehr hübsch“, sagt Hinsken. „Oh, das ist aber sehr nett von Ihnen, Herr Hinsken, vielen Dank“, sagt die Bedienung.

Mit Hund auf dem Waldwipfelweg
© Philip Lisowski, F.A.S.
Mit Hund auf dem Waldwipfelweg

Hinsken erkennt: Auch das war eine Bestätigung für seine Politik. „Richtig tüchtig sind die Mädchen hier. Und wie die rennen! Die sollen auch was verdienen, drum hab ich auch für die Abschaffung der Trinkgeldsteuer gestimmt.“

Künftig muss der Deutsche Bundestag ohne diese markante Stimme auskommen. Ernst Hinsken wird nicht noch einmal zur Wahl antreten. „Dann schalt ich runter von 180 in den vorpolitischen Bereich.“ Als Präsident des Deutschen Heilbäderverbands hat er sich schon mit seinem künftigen Thema vertraut gemacht. „Es gibt in Deutschland 330 Heilbäder, Moorbäder und Strandbäder, was kaum bekannt ist. Es gibt auch 750 Badeärzte in Deutschland, was ebenfalls kaum bekannt ist. Und es gibt auch 750 Badeärzte und 150 Badewissenschaftler, die Forschung machen und weiteres mehr - was leider auch viel zu wenig bekannt ist.“

„Wissen Sie, Herr Frasch und Herr Bingener, einmal einen Bericht zu bringen über mein neues Betätigungsfeld wäre auch einmal eine lohnende Sache.“

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite