Werner Mauss vor Gericht

Größter Geheimagent aller Zeiten

Von Reiner Burger, Bochum
 - 12:30

Werner Mauss kommt auch an diesem Prozesstag wieder schnell ins Schwärmen über sich und seine großen Taten. Jahrzehntelang habe er im Kampf gegen den internationalen Terrorismus und die internationale Kriminalität „24 Stunden lang, Tag und Nacht“ sein Leben riskiert. Auch im mehr als 50 Jahre von einem Guerrillakrieg geschüttelten Kolumbien „haben wir Enormes geleistet“. Daran habe dann der kolumbianische Präsident Santos anknüpfen und ein Friedensabkommen mit den Farc-Rebellen aushandeln können. „Dafür hat er nun den Friedensnobelpreis bekommen.“

Anerkennung, Lobpreis, Verehrung hätte sich auch Mauss gewünscht. So wie früher, als ihn manche Medien als „Deutschlands größten Geheimagenten“ feierten, weil sein Name mit vielen spektakulären Fällen in Verbindung gebracht wurde. Mauss soll an der Festnahme eines RAF-Terroristen beteiligt gewesen sein und an der Freilassung deutscher Geiseln im Libanon. Verschwundene Fässer des Seveso-Gifts soll er ebenso aufgespürt haben wie den entführten Leichnam des Unternehmers Friedrich Karl Flick. Im Laufe seiner langen Karriere arbeitete Mauss, der sich nach seiner Lehre als Landwirt zum Kriminalsachverständigen umschulen ließ und dann zunächst als Privatdetektiv in Scheidungsangelegenheiten und Fällen von Versicherungsbetrug tätig war, auch für Bundesbehörden wie das Bundeskriminalamt oder den Bundesnachrichtendienst. Es gab Zeiten, da nannten Sicherheitsbeamte den Pionier der verdeckten Ermittlungsarbeit ehrfürchtig „Institution M.“.

Undank ist der Welten Lohn

Mauss war sich seiner Bedeutung stets bewusst. In einem Schreiben an den damaligen BND-Präsidenten zog er 1996 Zwischenbilanz: „Insgesamt konnten durch meine Einsätze nachweisbar mehr als 1600 Personen einer Festnahme zugeführt werden.“ Doch Undank ist der Welten Lohn. Seit einigen Jahren kämpft Mauss gegen „eine Handvoll Journalisten“, die „aus unterschiedlichen, meistens kriminellen Motiven“ Desinformationen über ihn verbreiteten, wie er auf seiner Website schreibt.

Und nun geht auch noch der Staat gegen ihn vor, für den er sich nach eigenem Bekunden immer so ins Zeug geworfen hat. Die Staatsanwaltschaft Bochum wirft Mauss vor, mehrere seiner Tarnidentitäten genutzt zu haben, um ein kunstvolles Geflecht von Stiftungen, Nummernkonten und Versicherungen zunächst auf den Bahamas und später in Luxemburg aufzubauen. Die enormen Kapitalerträge dieser von unbekannten Finanziers immer wieder aufgefüllten Geldvermehrungsmaschine soll Mauss nicht versteuert haben. Allein im Zeitraum von 2002 bis 2011 sind dem Fiskus nach Überzeugung der Ermittler mehr als 15 Millionen Euro entgangen.

Wegen Steuerhinterziehung
Ehemaliger Geheimagent Mauss vor Gericht
© dpa, reuters

Seit Ende September muss Mauss regelmäßig montags nach Bochum kommen, um sich in einem schmuck- und fensterlosen, bis unter die Decke mit braunem Holz vertäfelten Saal des Landgerichts nicht einfach nur gegen den schnöden Vorwurf der Steuerhinterziehung zu verteidigen. Nein, nach seiner Einschätzung geht es in Bochum um nichts Geringeres als sein Lebenswerk. „Wer hätte gedacht, dass ich mich dafür mal rechtfertigen muss?“, fragt der Geheimagent das Gericht empört, als er am dritten Verhandlungstag sein Schweigen bricht. Fassungslos machen Mauss all jene Bürokraten, die nicht begreifen wollen, dass ein Meister seines Fachs wie er Freiraum braucht, um überhaupt im Dienste des Guten wirken zu können.

Den Teufel persönlich als Informanten gewonnen

Diesen Freiraum habe ihm 1985 ein Konsortium mehrerer Staaten verschafft, indem es 23 Millionen Dollar in einem Geheimfonds anlegen ließ. Das Schutz- und Trutzbündnis trägt angeblich den Namen „Westliche Sicherheitsbehörden“ und soll Mauss den Fonds anvertraut haben, damit er jederzeit und überall unkompliziert in den Kampf gegen Terror und das Verbrechen treten kann. Denn wie und mit wem bitte schön solle man, wenn man den Teufel persönlich als Informanten gewonnen habe, abrechnen, fragt Mauss das Gericht.

Bis heute soll der Geheimbund aktiv und der mittlerweile 76 Jahre alte Mauss weiter im unermüdlichen, weltweiten Einsatz zur Rettung der Welt sein. Näheres könne er leider nicht offenbaren, weil sonst Menschenleben in Gefahr geraten und ganze Regionen ins Unglück stürzen könnten, sagt Mauss. Jedenfalls gehöre das Vermögen nicht ihm. Er verwalte es nur treuhänderisch, weshalb Erträge auch nicht von ihm zu versteuern seien. „Mir geschieht Unrecht!“ So geht das die ganze Zeit: Wird es spannend, erteilt sich Mauss schnell den Sperrvermerk „Streng vertraulich“ und verkauft seine Behauptung als einzig gültige Wahrheit.

Jahrzehntelang hat Mauss mit dieser Methode parlamentarische und journalistische Aufklärer ohne größere Schwierigkeiten abblocken können. Das änderte sich erst, als nordrhein-westfälische Finanzbehörden im Sommer 2012 von einem Bank-Insider eine Steuer-CD kauften, auf dem sich auch die Informationen zum Finanzgeflecht des Geheimagenten befanden. Nach vier Jahren intensiver Ermittlung hält die Staatsanwaltschaft Mauss’ Fonds-Geschichte für ein Lügengebäude. Das Verhalten des Agenten sei in einem „besonders anstößigen und überdurchschnittlichen Maße“ von seinen wirtschaftlichen und steuerlichen Vorteilen geprägt gewesen. Aus „grobem Eigennutz“ habe er mit Hilfe von drei Alias-Namen „erheblichen Verschleierungsaufwand“ betrieben. Einen ersten Eindruck davon vermittelt schon das Deckblatt der Anklageschrift. Angeklagt ist „Werner Mauss, geboren Februar 1940, alias Dieter Koch, geboren April 1940, alias Claus Möllner, geboren Februar 1942, alias Richard Nelson, geboren Februar 1939“.

Ein Gespür für den Spannungsbogen

Gleich zum Prozessauftakt hat die 2. Große Wirtschaftsstrafkammer unter Vorsitz von Markus van den Hövel wissen lassen, dass sie Zweifel an der „Glaubwürdigkeit der Darlegungen“ von Werner Mauss hat. Van den Hövel ist ein erfahrener Richter, der sich nicht nur mit Wirtschafts- und Steuerstrafsachen bestens auskennt. Er interessiert sich auch für ganz besonders geheimnisvolle Fälle. In seiner Freizeit hat der Richter zwei Bücher über das Schleiertuch von Manoppello geschrieben. Auf dem Stoffstück in der Kirche des kleinen Abruzzenorts soll das Antlitz des auferstandenen Jesus zu sehen sein.

Ein wissenschaftlicher „Strengbeweis“ der übernatürlichen Entstehung des Abbilds auf dem Tuch sei nicht vollständig möglich, weil es schwierig sei, dessen Weg von der Grabkammer Jesu bis in die Gegenwart zu verfolgen, schreibt van den Hövel in seinem Werk „Der Manoppello-Code“. Darin finden sich auch manche interessante Überlegungen, die im Fall Mauss nützlich sind. Im Rahmen einer langen historischen Reise sei man immer wieder neben historischen Daten und Fakten auch auf die Überlieferung in Legendenform angewiesen, schreibt der Richter. Entsprechend ihrer lateinischen Ursprungsbedeutung sei die Legende „die zu lesende Geschichte“. Es handle sich weder um reine Märchen, Produkte der Phantasie, noch um Detailinformationen im wörtlichen Sinn. Insofern müsse man Legenden auch „zu lesen verstehen“.

Wie Richter van den Hövel die Einlassungen des Angeklagten Mauss versteht, macht er mittlerweile nicht nur durch seine Fragen deutlich. Wenn Mauss sich wieder einmal in nebulösen Agentenerzählungen verliert, just jenen Themen ausweicht, die das Gericht interessieren, oder sich wieder einmal widerspricht, geht van den Hövel forsch dazwischen, spricht von „Grimms Märchen“ oder fühlt sich „wie im Fabelreich“. Der Richter warnt den Angeklagten, er spiele ein „gefährliches Spiel“, ihm drohe eine „massive Haftstrafe“.

Ein Gespür für Spannungsbögen kann man Mauss jedenfalls nicht absprechen. Mitte November teilte er dem Gericht überraschend mit, dass es sich beim Initiator des Geheimfonds um eine ranghohe deutsche Persönlichkeit gehandelt habe. Sie wolle auch aussagen, vorzugsweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Er sei jedenfalls an der Sache dran, versprach Mauss großzügig. Ende November hatte der Geheimagent dann schlechte Nachrichten für die Kammer: Sein zentraler Entlastungszeuge sei leider schon tot. Es handelte sich um Gerhard Boeden, der im Alter von 85 Jahren gestorben war – schon 2010. Boeden war stellvertretender Präsident des Bundeskriminalamts, 1987 wurde er Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz.

Seit 1970 will Mauss eng mit ihm zusammengearbeitet haben. Boeden sei eine Vaterfigur für ihn gewesen und 1985 dann eben auch Vater des Fonds. Boeden habe die Idee gehabt, ihn durch einen Geheimbund ausländischer Dienste zu bezahlen. Deutsche Stellen hätten aber, darauf legt Mauss Wert, keine Mittel beigesteuert. Boeden habe gesagt: „Wir werden etwas einrichten, wo Sie nicht mehr angegriffen werden können.“ Er, Mauss, habe 1985 den Treuhandfonds bekommen, weil er „zuvor immer superehrlich“ gewesen sei. „Ich bin kein Betrüger.“ Er habe übrigens durchaus die Absicht gehabt, die Existenz des Geldes beim Finanzamt zu deklarieren, erläuterte Mauss im Plauderton. Doch Boeden habe ihm noch Anfang des neuen Jahrtausends untersagt, den Fonds zu deklarieren.

Geheim ist geheim

Van den Hövel wandte ein, Boeden sei damals doch schon in Pension gewesen. „Er hätte Ihnen gar nichts mehr gekonnt.“ Später wollte der Richter wissen, warum Mauss mit dem Fonds-Geld angeblich für Deutschland tätig wurde, obwohl doch in dem Topf gar kein deutsches Geld war. „Und wofür war der Fonds genau eingerichtet?“ Eine Antwort auf diese Fragen würde die Sache „dramatisch erleichtern“, fand der Richter. Aber der Agent konnte hier leider wieder einmal nicht ins Detail gehen. Geheim ist geheim. Nur so viel vermochte er preiszugeben: Der Fonds habe der „Kriminalitäts- und Terrorismusbekämpfung weltweit“ gedient. Nach Rücksprache mit seinen Finanziers habe er „an sehr sensiblen Stellen“ im Interesse der inneren Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland und ihrer Partnerländer mitgewirkt. „Zum Beispiel, wenn eine Aggression war, wenn man festgestellt hatte, dass jemand einen Anschlag plante, dann bin ich in die Bresche gesprungen.“

Auch das Gericht hat betrübliche Nachrichten für Mauss. Es geht um einen anderen Entlastungszeugen, einen ehemaligen israelischen Minister, den Mauss als „Sprecher“ des Fonds bezeichnet. Der Exminister antwortete unlängst per E-Mail, deren beglaubigte Übersetzung van den Hövel nun vorliest: „Ich war weder je Sprecher oder Vorstand der Treuhandgesellschaft, noch habe ich seinerzeit zu ihren Gründern gezählt. Ich bin leider nicht in der Lage, Licht in diese Sache zu bringen.“

Ein weiterer Tiefschlag ist die Aussage der Steuerfahnderin, die den Einsatz gegen Mauss leitete. Im angeklagten Zeitraum sei Mauss sehr regelmäßig persönlich nach Luxemburg gefahren, um große Mengen Bargeld abzuheben. „Im Schnitt waren es 300.000 Euro im Monat.“ Die Bank habe sehr sorgfältig „Kunden-Reports“ geführt. Aus ihnen gehe hervor, dass Mauss das Geld für aufwendige Baumaßnahmen auf seinem Anwesen im rheinland-pfälzischen Altstrimmig verwendete. Bei einer Durchsuchung vor vier Jahren konnte sich die Fahnderin ein eigenes Bild von der Anlage machen: Es handelt sich um eine burgartige Villa mit Turm, Zinnen und Erkern.

Ein Solarium für die Pferde

„Das Anwesen hat sehr außergewöhnliche, hochwertig ausgeführte Details“, berichtet die Beamtin. Neben der großen Reithalle gibt es einen Reitstall mit Marmorboden und Solarium für die Pferde. Besonders beeindruckte die Steuerfahnderin der große Kino- und Konferenzsaal mit großer Tafel und 30 bis 40 Plätzen. „Das ist ein wirklich riesiger Raum – nicht so was wie dieser Gerichtssaal hier.“ Mauss sagt, den Bankmitarbeitern in Luxemburg habe er nur zur Ablenkung erzählt, dass er das Geld für sein Anwesen verwende. Es sei darum gegangen, den Geheimfonds weiter geheim zu halten. „Die Reithalle war nur eine Legende. Das ganze Geld, das ich bar abgehoben habe, habe ich für Einsätze gebraucht.“

Das Gericht nimmt das beiläufig zur Kenntnis und lässt sich von der Steuerfahnderin schildern, was in den Statuten des Fonds geregelt ist. Äußerst ungewöhnlich sei schon, dass bei der Vermögensanlage sehr detailliert festgelegt wurde, wie mit dem Geld, das Mauss angeblich nicht gehört, bei dessen Ableben zu verfahren ist. „Begünstigt sind in diesem Fall seine Frauen beziehungsweise ehemaligen Frauen und seine vier Kinder“, sagt die Zeugin. Und auch für den Fall, dass keiner seiner Lieben ihn überlebt, hat Mauss vorgesorgt: Dann soll sein Anwesen mit dem „Geheimfonds“ in ein Mauss-Museum umgebaut werden.

Für den 9. Januar hat das Gericht Bernd Schmidbauer als Zeugen geladen. Mauss behauptet, Schmidbauer, der von 1991 bis 1998 Chef des Bundeskanzleramts war, könne die Existenz der Geheimkasse bestätigen. Richter van den Hövel teilt mit, dass der frühere Kanzleramtschef von der Bundesregierung eine umfassende Aussagegenehmigung bekommen habe. Dann will der Richter von Mauss wissen, was er sich vom ehemaligen Kanzleramtschef erwartet. „Sie kennen Schmidbauer doch erst seit 1991, wieso soll er etwas zur Genese des Fonds sagen können?“ Mauss schaut den Richter verblüfft an. „Boeden wird es ihm gesagt haben. Leute wie Boeden bleiben immer im Dienst, auch wenn sie pensioniert sind“, antwortet Mauss. Nach einer Weile ist er sich dann ganz sicher: „Schmidbauer weiß alles.“

Quelle: F.A.S.
Reiner Burger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Reiner Burger
Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.
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