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Das Narrativ vom Berg des Todes

Von Jasper von Altenbockum
 - 06:38

Immer dann, wenn ein neues „Narrativ“ für den europäischen Gedanken gefordert wird, versteht man nicht so ganz, warum das alte eigentlich ausgesorgt haben soll. Gibt es eine bessere Erzählung als die von Krieg und Frieden? Das ist immerhin die vornehmste Aufgabe von Politik: Krieg verhindern, Frieden schaffen. An diesem Inhalt kann es nicht liegen, dass er aus der Mode gekommen ist. Kein Inhalt, kein Gründungsmythos könnte stärker sein. Jedenfalls sind die Geschichten, die Europapolitiker stattdessen anzubieten haben, kein gleichwertiger Ersatz. Sie wirken hilflos und hohl angesichts der Abgründe, denen der Europagedanke entstiegen, angesichts der Sehnsüchte, denen er verpflichtet ist.

Das wird auch heute wieder zum Ausdruck kommen, wenn das erste deutsch-französische Museum über den Ersten Weltkrieg im Elsass eröffnet wird. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird dafür am Morgen erst nach Paris fahren, dann zusammen mit Präsident Emmanuel Macron in die Vogesen nach Wattwiller fahren, wo sie gemeinsam die Gedenkstätte Hartmannsweilerkopf bei Colmar besuchen. Der 957 Meter hohe Berg wechselte im Krieg vor hundert Jahren vier Mal den Besitzer, dreißigtausend Soldaten fielen in einem sinnlosen Kampf um den „Berg des Todes“. Das Museum soll daran, aber auch an Zeiten erinnern, in denen ein „Narrativ“ Europas noch Utopie war.

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Gerne wird als Surrogat dieser Mahnung die „Globalisierung“ angeboten. Aber was ist uns näher? Der Hartmannsweilerkopf oder das Apec-Treffen in Da Nang am anderen Ende der Welt, wo sich Europas Konkurrenz um Trump, Putin und Xi Jinping trifft? Das mag an diesem Tag vielleicht sogar die größere „news“ sein als eine Museumseröffnung im Elsass. Aber sicherlich nur halb so relevant. Die vietnamesische Hafenstadt Da Nang hat allerdings ebenso viel vom Krieg zu erzählen wie das Elsass. 1965 gingen hier die ersten 3500 amerikanischen Marines an Land; im Vietnamkrieg wurde die Stadt zum größten Marinestützpunkt der Amerikaner. Mal sehen, ob Donald Trump dazu etwas zu sagen hat.

In Berlin wieder eine „Zwischenbilanz“

Daran und am Berliner Kontrastprogramm sieht man, warum die Außenpolitik immer gerne als Königsdisziplin, die Innenpolitik hingegen als Kärrnerarbeit wahrgenommen wird (im Falle Trumps muss darauf nicht eigens hingewiesen werden, im Falle Macrons hingegen lohnt sich die Lektüre des Berichts von Michaela Wiegel). Angela Merkel wäre an diesem Tag sicherlich lieber mit Steinmeier unterwegs oder zu Gast im Hafen von Da Nang. Stattdessen muss sie in Berlin die Fortsetzung von Jamaika-Sondierungen miterleben, deren Narrativ nur dadurch an Glanz gewinnen könnte, wenn sie so genannt würden, was sie längst sind: Koalitionsverhandlungen.

An diesem Freitag ist wieder einmal eine „Zwischenbilanz“ angesagt, die der zweiten Sondierungsrunde. Allmählich müssten erste Ergebnisse präsentiert werden. Die günstige Gelegenheit, die Steuerschätzung zu nutzen, um Entlastungen bekannt zu geben, wurde am Donnerstag schon einmal souverän verpasst (dazu der Kommentar von Heike Göbel). Neuer Streit könnte es zwischen den vier Parteien wegen eines F.A.Z.-Berichts von Julian Staib über verschleppten Familiennachzug geben. Geht es so weiter, wird es knapp mit dem Zeitplan – auch wenn bis zu den Parteitagen, die Mitte des Monats über offizielle Koalitionsverhandlungen entscheiden sollen, bei weitem nicht alles geklärt werden kann. Denn worüber sollte dann anschließend noch verhandelt werden?

Opel, Sex, Kokain, Gender

Ansonsten bietet dieser Tag wegen nicht gerade überbordendem (vorhersehbarem) Ereignisreichtum Gelegenheit zur Nachbereitung des Donnerstags. Der Hit des Tages war Edo Reents Kommentar über den Fall Kevin Spacey, „menschlich gesehen“. Kann man gar nicht oft genug lesen. Da wäre dann aber außerdem noch der Sanierungsplan für Opel, der in sieben Jahren quer durch alle Modelle mit Strom fahren soll. Oder die zwölf Tonnen Kokain, die in Kolumbien aufgespürt wurden. Nicht die letzte Nachbetrachtung zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts über das „dritte Geschlecht“ dürften die Gedanken des Mainzer Genderforschers Stefan Hirschauer im Feuilleton gewesen sein: Kommt es auf das Geschlecht heutzutage überhaupt noch an?

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Altenbockum, Jasper von (kum.)
Jasper von Altenbockum
Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.
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