Inland
Fraktur

Saumäßige Haltung

Von Berthold Kohler
© Berthold Kohler, F.A.Z.

Selbstinszenierung? Auch noch eine „klebrige“, wie SPD-Generalsekretärin Barley sagt? Meine Herren, wie reden die Damen denn übereinander, wo sie doch immer noch Alliierte sind, wenigstens auf dem Papier! Wo bleibt denn da der Korpsgeist? So zieht ja nicht einmal Trump über Merkel her. Nehmen Sie doch erst mal Haltung an, Genossin Barley, bevor sie so haltlose Anschuldigungen verbreiten! Also gedient können Sie nicht haben. Was, bitte schön, soll die Verteidigungsministerin denn machen, wenn die Volltrottel von der Infanterie sie in ihre Landser-Bar schleppen, wo seit Stalingrad nicht mehr saubergemacht worden ist, weil ein echter deutscher Landsknecht sich auch nicht mehr rasiert, bis diese Scharte wieder ausgewetzt ist, jedenfalls nicht mehr Brust und Achseln? Hätte die „Flinten-Uschi“, wie die Truppe liebevoll ihre Ministerin nennt, nur ein bisschen Parfüm auf diese kriegslüsternen Höhlenmalereien sprühen sollen?

Nein, auch dieses Widerstandsnest des braunen und feldgrauen Ungeistes muss jetzt endlich mit einem Besen aus Kruppstahl ausgemistet werden, bevor die Malerkolonne kommen kann und das in jeder Hinsicht finstere Schützenloch in einen hellen Kinderhort verwandelt, auf dass die Bundeswehr nicht länger so zwielichtige Gesellen wie die Söhne Mannheims anzieht, sondern tadellose Familienväter und -mütter mit dem Grundgesetz im Tornister, die wirklich nichts mehr mit dieser unseligen Vergangenheit zu tun haben wollen, die ums Verrecken nicht vergehen will.

Es musste daher wohl tatsächlich erst eine schwäbische Hausfrau in der ertüchtigten Version (die mit der Halterung für die richtige Haltung) kommen, damit bei der Bundeswehr endlich einmal gründlich durchgewischt wird. Ihren Vorgängern genügte bei der Vergangenheitsbewältigung ja offensichtlich eine Katzenwäsche; waren halt alles Männer. Aber auch unsere westlichen Waffenbrüder, das muss man einmal ganz offen sagen, erwiesen sich als ziemlich haltungsschwach in dieser Frage. Erst hielten sie uns für die Achse des Bösen, dann aber entnazifizierten sie uns nur halbherzig, weil auch die Sowjets in der Zone die Wehrmacht behalten und bloß Namen und Stahlhelm gewechselt haben.

Manche Amerikaner bis hinauf zu Generälen sprechen immer noch in den höchsten Tönen über die militärischen Leistungen der Wehrmacht, ganz zu schweigen von ihrer Begeisterung für das MG 42 oder die V2, deren Erbauer den Amis einen schönen Vorsprung beim Wettrennen zum Mond verschaffte. Gut, das kann man, wenn man für einen Moment das Derivat der Interkontinentalrakete außer Acht lässt, als ein gelungenes Beispiel für die Verwandlung von Schwertern zu Pflugscharen ansehen. Aber dass auch die Franzosen diesen Abgrund von Landser-Romantik in Illkirch nicht gesprengt oder wenigstens boykottiert haben, enttäuscht uns doch sehr. Auch bei Euch, chers camarades de guerre, kommt das Saufen mit unseren Stoppelhopsern wohl vor der politisch-militärischen Korrektheit. Was ist denn das für eine saumäßige Haltung! Und wir dachten, die Le Pen hätte Euch wenigstens im Verhältnis zu uns wieder auf Vordermann gebracht.

In jedem Fall ist es höchste Zeit, dieser schleichenden Rückverwandlung der Bundeswehr in die Wehrmacht Einhalt zu gebieten, sonst glaubt Erdogan am Ende seine Nazisprüche noch selbst. Es kann doch nicht nur uns aufgefallen sein, dass der aktuelle amerikanische Stahlhelm, den die Bundeswehr wie immer übernahm, sehr dem Wehrmachtshelm ähnelt. Neulich beim Großen Zapfenstreich für den scheidenden Bundespräsidenten fragten wir uns sieben Brücken lang, woran uns die von Fackeln erhellte Szenerie und die Silhouetten der aufmarschierten Stahlhelmträger bloß erinnern. Mal kurz die aufgenommenen Fotos in den Schwarzweißmodus versetzt – und alles war klar. Es hätten halt doch noch ein paar Minister mehr Gauck die Ehre geben sollen, dann verstünden sie jetzt besser, warum die (damals anwesende) Verteidigungsministerin sich inzwischen so große Sorgen macht, in welche Richtung die Truppe marschiert. Sogar das Sturmgewehr G36 soll verdächtig oft nach rechts gestreut haben. Einen Rechtsdrall lässt diese Ministerin in der Bundeswehr aber nichts und niemandem durchgehen, da dreht sie lieber alles und alle durch die Mangel, sosehr ihr das auch leidtut.

Quelle: F.A.Z.
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