Hamm-Brücher gestorben

Die „gewissenspolitische Sprecherin“ der FDP

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Im Oktober war Hildegard Hamm-Brücher noch einmal in Berlin. Mit ihren 95 Jahren diskutierte sie mit Jugendlichen bei einem Zukunftsforum von Bundespräsident Joachim Gauck im Schloss Bellevue über Demokratie. Teilnehmer zeigten sich beeindruckt von der Begegnung mit der nun Verstorbenen. Hamm-Brücher war zwar schon lange nicht mehr FDP-Mitglied, galt aber bis zu ihrem Tod als Grande Dame des deutschen Liberalismus.

Ihrem Ruf als unbeugsame Demokratin wurde die in München lebende Hamm-Brücher auch im hohen Alter noch gerecht. „Vieles wird über die Köpfe der Bürger hinweg entschieden“, beklagte sie vor wenigen Jahren in der Berliner Zeitung „B.Z.“. Für ihre mahnenden Worte wurde die streitbare Liberale sowohl geschätzt als auch gefürchtet. Von Altkanzler Helmut Kohl sind äußerst böse Spitzen überliefert. Die ebenfalls als unbeugsame Liberale geltende Sabine Leutheusser-Schnarrenberger würdigte sie dagegen anlässlich ihres Tods als „Inbegriff der gelebten Bürgergesellschaft“.

Die in Essen geborene Hildegard Brücher wuchs in Berlin-Dahlem auf und lebte nach dem frühen Tod beider Eltern bei ihrer Großmutter in Dresden. 1940 begann sie ein Chemiestudium in München, wo sie zum weiteren Kreis der „Weißen Rose“ zählte, der Widerstandsgruppe um die Geschwister Hans und Sophie Scholl gegen die Nazi-Diktatur.

1982 stellte sie sich quer

„Nachdem sie hingerichtet worden waren, war ich so verzweifelt“, sagte Hamm-Brücher vor gut zwei Jahren der „Zeit“. Ein Studentenpfarrer habe ihr gesagt, sie solle nach dem Kriegsende „für das leben, wofür meine Freunde gestorben sind. Und das habe ich mein Leben lang versucht.“ 1948 wurde Brücher FDP-Mitglied. Den Anstoß zu ihrem Parteieintritt hatte der damalige Stuttgarter Kultusminister und spätere FDP-Bundespräsident Theodor Heuss gegeben: „Mädle, Sie müsset in d' Politik“, riet Heuss der Mittzwanzigerin, als Brücher ihn 1946 für eine Münchener Zeitung interviewte.

Bis 1954, dem Jahr ihrer Heirat mit dem CSU-Kommunalpolitiker Erwin Hamm, saß Brücher für die FDP im Münchener Stadtrat. Außerdem war sie bis in die 70er Jahre Mitglied des bayerischen Landtags. In den Bundestag zog Hamm-Brücher erstmals 1976 ein. In der sozialliberalen Koalition von SPD-Bundeskanzler Helmut Schmidt wurde sie Staatsministerin im Auswärtigen Amt. Als die FDP 1982 aus dem Bündnis mit der SPD ausscherte, stellte sich Hamm-Brücher quer: Die damalige Wende der FDP hin zur Union sei nicht mit dem Versprechen an die Wähler vereinbar, mit der SPD zusammenzuarbeiten. Auch in den Folgejahren verärgerte die entschiedene Verfechterin der sozialliberalen Koalition wiederholt die FDP-Führung. So forderte sie etwa 1984, die FDP solle die Koalition mit der Union aufgeben.

Als Buchautorin präsent

Solche Positionen brachten Hamm-Brücher FDP-intern den durchaus abschätzig gemeinten Titel einer „gewissenspolitischen Sprecherin“ ein. Nach mehr als 40 Jahren zog sich die konfliktbereite Freidemokratin nach der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl 1990 aus der Politik zurück 1994 versuchte sie allerdings im Alter von 73 Jahren für manchen überraschend ein Comeback: Hamm-Brücher trat für die FDP als Kandidatin bei der Bundespräsidentenwahl an, die der CDU-Kandidat Roman Herzog für sich entschied.

In den Folgejahren blieb Hamm-Brücher vor allem als Buchautorin und politische Publizistin in der Öffentlichkeit präsent. 2002 erklärte die promovierte Chemikerin nach 54 Jahren ihren Austritt aus der FDP – weil die Parteiführung einen populistischen und antiisraelischen Kurs des damaligen Düsseldorfer Landesparteichefs Jürgen Möllemann geduldet habe.

Dennoch blieb die seit 2008 verwitwete Mutter eines Sohns und einer Tochter auch im hohen Alter eine Liberale im Unruhestand – getreu einem ihrer Grundsätze: „Durch Ruhe und Ordnung kann die Demokratie ebenso gefährdet werden wie durch Unruhe und Unordnung.“

Quelle: AFP
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