Gauck und Merkel

Der Pfarrer und die Pfarrerstochter

Von Christiane Hoffmann, Berlin
 - 14:07

Im Januar 2010 ehrte die Bundeskanzlerin Joachim Gauck zu dessen 70.Geburtstag mit einer warmherzigen Laudatio. Sie enthielt nur eine einzige sehr feine Spitze - gegen Gaucks nun schon fast sprichwörtliche Eitelkeit: Eigentlich, so Angela Merkel, könnte der wortgewandte Herr Gauck die Laudatio auf sich doch am allerbesten selbst halten.

Ansonsten gab es in der Hommage der Kanzlerin an den ehemaligen Chef der Stasi-Unterlagenbehörde ein bemerkenswertes „Wir“: wir ehemaligen DDR-Bürger. Die Kanzlerin, die diese Vergangenheit sonst selten zum Thema macht, sprach über Erfahrungen und Entbehrungen in der DDR. „Bei aller Verschiedenheit“ hob sie die Gemeinsamkeiten zwischen Gauck und ihr hervor: Es verbinde sie „ja einiges, auch im Persönlichen, nämlich ein großer Teil des Lebens in der ehemaligen DDR und dort auch die immerwährende Sehnsucht nach Freiheit“.

„Beide sind keine Revolutionäre“

Der Pfarrer und die Pfarrerstochter, das bürgerliche, protestantische Milieu, die Distanz zum DDR-System - auf den ersten Blick fallen die Gemeinsamkeiten zwischen der Kanzlerin und dem Bundespräsidentenkandidaten ins Auge. Aber wie ähnlich oder unterschiedlich sind sie wirklich, ihre Lebenswege in der DDR und ihr Umgang mit der Diktatur? Die Angepasste und der Aufmüpfige, die Physikerin, die erst aus ihrem Dornröschenschlaf erwachte, als die Wende eigentlich schon vorüber war, und der Pfarrer, der in Rostock einer der Wortführer in der Zeit des Umbruchs war? „Merkel und Gauck sind sich in vielem ähnlich. Was ihre Haltung zur DDR betrifft, gibt es viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede“, sagt der CDU-Politiker Günter Nooke, der seit den Tagen des Physikstudiums in Leipzig eng mit Merkels Bruder befreundet ist.

Auch „Angela“ kennt er schon seit den achtziger Jahren. Gauck lernte er am „Runden Tisch“ kennen. Rainer Eppelmann, Pfarrer und DDR-Oppositioneller, der nach der Wende auch zur CDU stieß, sieht ebenfalls keine großen Gegensätze zwischen Merkel und Gauck in ihrem Verhältnis zur DDR: „Beide versuchten, anständig durch ihre Leben zu kommen. Beide sind keine Revolutionäre“, sagt er. Merkels Biograph Gerd Langguth dagegen sieht einen Unterschied: „Ich glaube nicht, dass die Kanzlerin gern an die DDR-Zeit erinnert wird“, sagt er. Gauck dagegen sei „mit sich im Reinen“.

Gaucks Jugend als Schule des Widerstands

Im Gegensatz zu Merkel, deren Vater dem systemnäheren Teil der evangelischen Kirche in der DDR angehörte, wuchs Gauck in Opposition zum System auf. In einer Opferfamilie. Das Schicksal seines Vaters, der 1951 in den GULag deportiert wurde, hat Gauck in seiner Autobiographie als „Erziehungskeule“ bezeichnet. Auch „die kleinste Form von Fraternisierung mit dem System“ sei ausgeschlossen gewesen. Als Sohn eines Deportierten war es selbstverständlich, dass Gauck weder zu den Pionieren ging noch in die FDJ eintrat.

„Wenn euch jemand fragt, wann ihr in die Pioniere eintretet“, sagte Gaucks Mutter zu ihren Kindern, „dann antwortet ihr: Ihr könnt wieder nachfragen, wenn wir wissen, wo unser Vater ist und wann er wiederkommt.“ Einmal, so berichtet Gauck in seiner Autobiographie, sei er wegen eines sehr guten Zeugnisses stolz mit einem Abzeichen für gutes Wissen nach Hause gekommen - und bekam von der Mutter eine Ohrfeige: „Sie glaubte, ich sei den Pionieren beigetreten, denn auf dem Abzeichen prangten die Initialen JP.“

Gauck war ein aufmüpfiger Schüler, „großmäulig“, wie er es selbst nennt. Recht und Moral sah er auf seiner Seite. Das Schicksal des Vaters und die eigene Widerständigkeit machten Gauck nicht zum Außenseiter. Im Gegenteil, er wusste die meisten seiner Klassenkameraden hinter sich, die seine Frechheit eher bewunderten, wenn sich auch kaum jemand so offen äußerte wie er. Gauck sieht seine Jugend als eine Schule des Widerstands: Er habe „im Gewand pubertärer Dreistigkeiten“ Schritt für Schritt die Fähigkeit zu Protest und Auflehnung erlangt.

Auf halbem Wege von der Tochter zum Vater

In Gaucks Kindheit war der Vater viele Jahre lang abwesend. Während der ersten Lebensjahre war Kapitän Joachim Gauck senior auf See und im Krieg, erst 1946, kurz vor der Einschulung seines Ältesten, kehrte er aus britischer Gefangenschaft heim. Als der Vater nach Sibirien deportiert wurde, war Joachim elf, bei seiner Rückkehr fast fünfzehn. Vielleicht nicht unbedeutend: Es war der westdeutsche Bundeskanzler Adenauer, dem Gauck die Rückkehr seines Vaters aus dem GULag verdankte.

In den vaterlosen Jahren wurde Gauck zum Vertrauten für die Mutter und zum Vaterersatz für die drei jüngeren Geschwister. Die Verantwortung, die bis heute sein Thema ist, hat er früh getragen. Das väterliche Beispiel lehrte Gauck, dass es möglich ist, dem Druck der Verfolgung standzuhalten. Der Vater sei, so beschreibt es Gauck, nicht als gebrochener Mann, sondern „innerlich frei“ aus Sibirien zurückgekehrt. Zum DDR-System pflegte er eine widerständige Distanz, die er auch deutlich äußerte. „Er war wahrscheinlich der Ansicht, dass ihm, der Stalin und den GULag überlebt hatte, die DDR nichts mehr anhaben könne.“

In Angela Merkels Kindheit war es der anwesende, vielleicht übermächtige Vater, der die Haltung zum System vorlebte. Zur Geschichte von Merkel (Mädchenname: Kasner) und Gauck gehört auch der Vergleich des Pfarrers Kasner mit dem Pfarrer Gauck. Schließlich liegt Gauck, Jahrgang 1940, im Alter genau zwischen den beiden, auf halbem Wege von der Tochter zum Vater.

„Ich habe, glaube ich, klug agiert“

Ob Kasners Entscheidung, 1954 wenige Wochen nach der Geburt der Tochter Angela aus Hamburg in die DDR überzusiedeln, auch Sympathie für das politische System des anderen Deutschlands zugrunde lag - darüber gehen die Meinungen auseinander. Jedenfalls bezog Pfarrer Kasner, der seit 1957 im brandenburgischen Templin das Pastoralkolleg zur Ausbildung junger Theologen aufbaute und leitete, keine systemkritische Position. Kasner zählte zu den Leitern des Weißenseer Arbeitskreises, der sich dezidiert vom Bischof der Berlin-Brandenburgischen Kirche und seinem Konfrontationskurs gegen die SED absetzte und die Spaltung der Berlin-Brandenburgischen Kirche in Ost und West betrieb.

Kasner habe ihm gegenüber einmal erklärt, dass er der eigentliche Erfinder der „Kirche im Sozialismus“ sei, sagt Eppelmann, der im Rahmen seiner Pfarrerausbildung in Templin war. Der DDR-Oppositionelle berichtet, dass Kasner, Spitzname: „der rote Kasner“, von den werktätigen „Arbeiterpriestern“ in Frankreich schwärmte. In Kasners Stasi-Akte ist ein IM-Vorgang angelegt, offensichtlich entzog sich der Pfarrer aber Erpressungsversuchen durch die Stasi, indem er sich dekonspirierte: Er zog wohl seinen Bischof ins Vertrauen.

Angela Kasner setzte in der Schule alles daran, dem typischen Außenseiterschicksal der Pfarrerstochter zu entgehen. Sie trat, wenngleich wohl ohne innere Überzeugung, der FDJ bei, was die Kasners ihren Kindern freistellten. Auch an der Jugendweihe hätte sie gerne teilgenommen, das aber verbot der Vater. Später, bei den beiden jüngeren Geschwistern, stimmte er zu. „Ich war wirklich keine aktive Widerstandskämpferin“, sagt Merkel über sich. „Aber ich habe, glaube ich, klug agiert und entschieden, mich nicht über die Maßen zu verbiegen.“

Die Ärzte diagnostizierten eine „abnorme Persönlichkeit“

Gauck beschreibt seine Familie als nicht sonderlich religiös, „schlicht norddeutsch protestantisch“. Als Schüler engagierte er sich in der Jungen Gemeinde - obwohl sie gerade in den fünfziger Jahren starken Repressionen ausgesetzt war. Hier wurde über Politik diskutiert und nach dem Sinn des Lebens gesucht. Gauck fühlte sich in einer Gemeinschaft „ehrlicher und gleichgesinnter Menschen“. Nach dem Abitur entschied er sich - wie fünf seiner 28 Klassenkameraden - zum Studium der Theologie, der einzigen Geisteswissenschaft, für die Linientreue nicht vonnöten war. Die Theologie war allerdings Gaucks zweite Wahl. Sein erster Studienwunsch, Germanistik, war abgelehnt worden. Der Schuldirektor hatte befunden, dass sich der Schüler Gauck infolge der Internierung des Vaters „im Stadium kritischer Auseinandersetzung mit der Umwelt“ befinde.

Gauck studierte zunächst nicht mit dem Wunsch, Pfarrer zu werden. Er sah sich selbst nicht als den „Typ des Pastors“: „Schließlich sah ich so schlecht nicht aus, ging gerne aus, war dem weiblichen Geschlecht zugetan und trieb viel Sport.“ Im Studium zeigte er wenig Eifer. Er war frisch verheiratet und bald Vater zweier Kinder, spielte mit Begeisterung Handball und schob die Abschlussprüfung ein ums andere Mal hinaus. Weil er dafür ein Attest brauchte, ließ sich, so schreibt Gaucks Biograph Norbert Robers, „der unkonzentrierte und psychisch labile Wackelkandidat in der Nervenklinik der Universität umfassend untersuchen“. Die Ärzte diagnostizierten eine „abnorme Persönlichkeit“. Der stets nervöse Patient habe Schwierigkeiten, „sich den nötigen Lernzwang aufzuerlegen“.

Angela Kasner war es dagegen in Schule und Studium gewöhnt, durch Leistung zu überzeugen. „Du musst besser sein als alle anderen“, hatte ihr die Mutter stets eingeschärft. Hervorragende Leistungen und hinreichende Anpassung führten dazu, dass die Pfarrerstochter zum gewünschten Physikstudium zugelassen wurde. Anderen Pfarrerskindern, darunter Gaucks Söhnen, blieb dagegen ein Studium, oft sogar das Abitur, verwehrt.

Merkel hatte sich eine Nische gesucht

Ein Theologie-Studium zog die Pfarrerstochter nicht in Betracht. Offenbar erschien ihr der väterliche Weg mit seinen Anpassungen und Widersprüchen nicht erstrebenswert. Der Studienbeginn im fernen Leipzig war ein bewusster Schritt der Abnabelung vom Elternhaus. Die Tochter stand bald in deutlich radikalerer Ablehnung zum System als der Vater. Es habe da immer interessante Diskussionen gegeben, so Angela Merkel. An einen Dritten Weg, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, glaubte sie ebenso wenig wie Gauck.

Das anspruchsvolle Physikstudium brachte Merkel „an die Grenzen meiner Erkenntnisfähigkeit“. Es bedeutete aber auch, sich auf eine naturwissenschaftliche Weltsicht beschränken zu können, weitgehend verschont vom System. „Es gab in der Opposition auffällig viele Physiker, das waren Leute, die mit ihrem Studium einen ideologiefreien Raum suchten“, sagt die Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe. Folgerichtig waren es nicht nur Theologen, sondern auch Physiker, die in der Wendezeit eine herausragende Rolle spielten.

Merkel hatte sich eine Nische gesucht, in der sie nicht öffentlich Stellung beziehen musste. Sie hielt sich an die roten Linien. Bei Gauck war das schon anders. Nachdem er durch das Vikariat doch noch in den Pfarrerberuf hineingewachsen war, fiel er schon in den siebziger Jahren durch Kritik am DDR-Regime auf. Als Stadtjugendpfarrer in Rostock geriet er in den achtziger Jahren immer mehr ins Visier der Stasi. Er wurde beobachtet und bearbeitet. 1983 wurde gegen ihn der Operativvorgang „Larve“ eingeleitet. Mitte der achtziger Jahre kam man zu der Erkenntnis, es handele „sich bei Larve um einen unbelehrbaren Antikommunisten, der den Sozialismus/Kommunismus nur als zeitweilige Erscheinung ansieht und sein Amt im feindlich-negativen Sinne missbraucht, um vorwiegend Jugendliche feindlich zu inspirieren und aufzuwiegeln“.

Den Gedanken hatte Merkel zumindest schon einmal gedacht

Als Gauck im Frühjahr 1988 den Kirchentag in Rostock organisierte, waren nach Angaben seines Biographen sieben Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi auf ihn angesetzt. Weil Gauck nicht zur Fundamentalopposition gehörte, ist seit seiner Nominierung für das Amt des Bundespräsidenten ein absurder Streit darüber entbrannt, ob ihm das Prädikat eines „Bürgerrechtlers“ zustehe. „Eine sinnlose Debatte“, wie Nooke meint. Gauck, sagt die Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe, habe sich „nie in irgendeiner Weise dem System angedient“. Im Oktober 1989 öffnete Gauck seine Rostocker Kirche für die Protestierenden und stellte sich an ihre Spitze. Angela Merkel machte sich Mitte Dezember auf die Suche nach einer Partei, um sich politisch zu engagieren.

Als 2005 Langguths Biographie der Kanzlerin erschien, war es Joachim Gauck, der das Buch vorstellte. Er habe, so Langguth, Merkel gegen Kritik in Schutz genommen, er schätze sie sehr und sei deshalb auch verletzt gewesen, als Merkel 2010 seine Kandidatur nicht unterstützt habe. Auf ihrer Seite, so kann man mutmaßen, könnte die biographische Nähe zur Abwehr beigetragen haben. Sie könnte neben allem machtpolitischen Kalkül und trotz aller persönlichen Wertschätzung für Gauck einen instinktiven Vorbehalt gegen einen väterlichen Pfarrer im Präsidentenamt hegen.

Jedenfalls war der Name Gauck, den die SPD der Kanzlerin in jener berühmten SMS nach dem Rücktritt Horst Köhlers unterbreitete, keine wirkliche Überraschung. Gauck im Schloss Bellevue - diesen Gedanken hatte sie zumindest schon einmal gedacht. Und zwar vor langer Zeit: Als im Jahr 1999 die Wahl Johannes Raus anstand, mobilisierte die Union eine eigene Kandidatin: Dagmar Schipanski, ehemalige Vorsitzende des Wissenschaftsrates, ostdeutsch, evangelisch und Physikerin. Man stand, so erinnert sich ein Augenzeuge, zusammen mit Merkel, damals CDU-Generalsekretärin, und überlegte, wen man um eine Unterschrift zur Unterstützung von Schipanskis Kandidatur bitten könnte. Es fiel der Name Gauck. „Bei dem traue ich mich nicht“, sagte Frau Merkel, „ich denke, der will es selber werden.“

Quelle: F.A.S.
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