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Gorleben

Birkner will Erkundung von Endlager aussetzen

Von Robert von Lucius, Gorleben
 - 18:47

Der neue niedersächsische Umweltminister Stefan Birkner (FDP) hat bei einem Besuch in Gorleben vorgeschlagen, die Erkundung des Salzstocks, der als Endlager für Atommüll vorgesehen war, von September an auszusetzen. Dann soll die erste Phase der geologischen Untersuchung unter Tage abgeschlossen sein. Vor allem aber soll dann klarer sein, welche Bedingungen ein künftiges Endlager für Atommüll in Deutschland erfüllen müsste. Zudem dürfte das von Niedersachsen im Vorjahr vorgeschlagene und von Bundesumweltminister Röttgen (CDU) entworfene Endlagersuchgesetz bis September verabschiedet sein. In der Diskussion um das Gesetzvorhaben und den Standort Gorleben als Endlager sieht Birkner eine große Chance, „eines der großen Probleme, das Niedersachsen seit Jahrzehnten bewegt“, zu lösen.

An diesem Donnerstag werden Röttgen, der niedersächsische Ministerpräsident McAllister (CDU), Birkner und andere Regierungschefs und Umweltminister der Bundesländer über den Gesetzentwurf beraten. Dieser liegt bisher als Diskussionspapier vor, in dem grundlegende Festlegungen noch fehlen - etwa zur Rückholbarkeit des Atommülls und zu der Frage, ob es nur eine unterirdische Lagerung geben darf.

Das Papier sieht vor, die Anwohner in der Umgebung eines möglichen Endlagers noch früher als bisher geplant an den Entscheidungen zu beteiligen. Bürger müssten die Möglichkeit erhalten, selbst Gutachter zu beauftragen, sagte Birkner. Die von der Bundesregierung erwogene Gründung eines Bundesinstituts für Endlagerung sieht der Umweltminister als Beitrag, die Debatte voranzubringen. Die neue Behörde soll wissenschaftliche Kriterien für ein Endlager formulieren, mögliche Standorte auswählen, die Öffentlichkeit einbeziehen und Genehmigungen erteilen.

Kein Moratorium

Mit dem Vorschlag, die Erkundung des Salzstocks in Gorleben im September auszusetzen, wählt Niedersachsen einen Mittelweg. Die Industrie bevorzugt eine Erkundung ohne Unterbrechung - diese würde noch etwa 15 Jahre dauern, bis klar wäre, ob der Salzstock in Gorleben geologisch für eine sichere Endlagerung geeignet ist. Umweltgruppen und Bürgerinitiativen im Wendland fordern dagegen einen sofortigen und endgültigen Erkundungsstopp.

Im Gespräch mit der Sprecherin der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, Kerstin Rudek, gab Birkner zu bedenken, dass andere Bundesländer wie Baden-Württemberg bei einem früheren Erkundungsstopp in Gorleben nicht mehr bereit wären, ihrerseits nach alternativen Standorten zu suchen. Fachleute rechnen damit, dass auf der Grundlage des neuen Endlagersuchgesetzes und dessen Rahmenbedingungen in etwa acht bis neun Jahren andere Standorte in Ton, Granitgestein oder Salz gefunden werden können.

Erst wenn die unterirdische Erkundung an den neuen Standorten beginnt, würde diese möglicherweise auch in Gorleben wiederaufgenommen. Die Arbeiten würden in Gorleben deshalb frühestens im Jahr 2020 wiederaufgenommen, gleichzeitig mit Bohrungen an anderen möglichen Standorten. Trotz dieses langen Zeitraums will Birkner den Erkundungsstopp nicht als Moratorium bezeichnen - dieser Begriff sei von der rot-grünen Bundesregierung für den zehnjährigen, im Oktober 2000 verhängten Erkundungsstopp in Gorleben verwendet worden.

Die nächsten Castoren kommen frühestens in drei Jahren

Sollten sich, wie zu erwarten, McAllister und Birkner mit ihren Forderungen durchsetzen, fände der Disput um Gorleben eine zweite lange Ruhepause. Die erste kam Ende vergangenen Jahres mit dem letzten Transport von Castoren aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage La Hague. Die eingeschweißten Kernbrennstäbe stehen heute im Lager für Transportbehälter, wenige hundert Meter entfernt vom Salzstock. Die beiden Standorte sind nicht nur räumlich getrennt, sondern werden auch von verschiedenen Betreibern verwaltet.

Das Lager für Transportbehälter und eine Halle für mittel- und schwachradioaktiven Müll werden von vier Energiekonzernen getragen, die dafür die Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) gegründet haben. Sie sind als Betreiber von Atomkraftwerken laut dem Atomgesetz verpflichtet, für die Entsorgung des Atommülls zu sorgen. Weil frühestens in drei Jahren wieder Castoren aus dem britischen Sellafield eintreffen, wird die aufwendig geschützte Halle für einige Zeit aus dem Blick der Öffentlichkeit verschwinden.

Vor zehn Tagen wurde der letzte der elf im November gelieferten Castoren an seinen endgültigen Standort in der Halle gestellt. Dort stehen nun insgesamt 113 Castoren, die Besucher, wenn sie nach aufwendigen Kontrollen hineingelassen wurden, nur aus einer Entfernung von rund einhundert Metern betrachten dürfen. Beim Hinausgehen meldet ein Dosimeter zur Messung radioaktiver Strahlung, das jeder Besucher bei sich tragen muss, eine „Null“.

Gorleben ist „ungeritzt“

Strahlung muss man im benachbarten Salzstock bis zum Jahr 2040 nicht befürchten. Erst wenn die Castoren in einigen Jahrzehnten genügend abgekühlt sind, können sie für die Endlagerung in das Bergwerk transportiert werden. Betrieben wird der Salzstock von der bundeseigenen Bundesanstalt für Strahlenschutz in Salzgitter. Deren Präsident Wolfram König befürwortet eine unterirdische Lagerung von Atommüll. Birkner dagegen will eine oberirdische Lagerung nicht völlig ausschließen. Bei seinem Besuch in dem 1979 gegründeten Erkundungsbergwerk - dessen Ausbau bis in 840 Metern Tiefe in der ersten Phase schon 1,6 Milliarden Euro kostete - wies König auf mögliche Schwierigkeiten hin, die bei einer Endlagerung in einem Salzstock wie Gorleben auftreten können.

Geklärt werden müsse, wie sich das brüchige Mineral Anhydrit auf die Stabilität der Salzstollen auswirke; ob es Kohlenwasserstoff gebe, der auf die Wärme des radioaktiven Mülls reagieren könnte; und ob die gefundenen Laugenflüsse wirklich 250 Millionen Jahre alt seien oder jünger - ob das Salz also wirklich dicht ist oder Gase durch mögliche Risse entweichen könnten. Für Salz als Lagerort spreche, dass sich Risse in Steinsalz von selbst schlössen, sagte König.

Die schlechten Erfahrungen aus dem maroden Salzbergwerk Asse können nicht auf Gorleben übertragen werden - die Asse war ein bergmännisch ausgebeuteter und unzureichend erkundeter Salzstock. Gorleben dagegen sei „ungeritzt“. Die Entscheidung, ob Gorleben für eine Endlagerung von Atommüll geeignet ist, werde laut Birkner von der Geologie gefällt, nicht von der Politik. Jedenfalls soll es künftig, wie in Schweden oder der Schweiz, für ein Endlager eine vergleichende Standortsuche geben, die sich nicht nur wie bisher vorgesehen auf Gorleben konzentriert.

Quelle: F.A.Z.
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