Bildungsstudie

Viertklässler deutlich schlechter als vor fünf Jahren

Von Rüdiger Soldt, Stuttgart
 - 12:53

Bildungspolitiker in Berlin und in den Ländern müssen sich stärker mit den Folgen der Einwanderung auf das Schulsystem beschäftigen. Das forderte Susanne Eisenmann (CDU), die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz (KMK) und baden-württembergische Kultusministerin, angesichts des abermals gesunkenen Leistungsniveaus der Grundschüler in allen Bundesländern.

„Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass unsere bisherigen Antworten auf die größere Heterogenität der Schülerschaft unzureichend sind. Ein im hohen Maß selbstorganisiertes und wenig durch Lehrer angeleitetes Lernen ist sicher nicht die richtige Antwort“, sagte Eisenmann FAZ.NET.

Die Erkenntnis müsse für alle Schularten gelten, denn die für die Studie des „Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen“ (IQB) befragten Viertklässler seien mittlerweile schon in der fünften Klasse. „In allen Schularten müssen die Ursachen klar diagnostiziert werden, es wäre sinnvoll, wenn für alle Schularten auch zentrale Klassenarbeiten geschrieben würden“, sagte die KMK-Vorsitzende. Die zentralen Themen der künftigen bildungspolitischen Debatte müssten die Auswirkungen der größeren Heterogenität sowie auch der Inklusion sein.

Das IQB stellte die Ergebnisse der Studie am Freitag in Berlin offiziell vor: Die Kompetenzen der Schüler in den Bereichen Orthographie und Zuhören haben sich in Deutschland insgesamt verschlechtert. Erreichten 2011 bei der Orthographie noch 65 Prozent der befragten Grundschüler in der vierten Klasse das Regelniveau, so waren es 2016 nur noch 55 Prozent. Ähnlich verhält es sich bei der Fähigkeit, zuhören zu können: Im Jahr 2011 waren 74 Prozent der Schüler in der Lage, den Regelstandard zu erbringen, nun sind es nur noch 68 Prozent.

Auch im Fach Mathematik ist das Qualifikationsniveau der Grundschüler in den Jahren von 2011 bis 2016 deutlich gesunken: In der Befragung von 2011 erreichten noch 68 Prozent der Schüler den Regelstandard, jetzt sind es nur noch 62 Prozent. Für die Studie sind in Deutschland 30.000 Grundschüler und 1.500 Schulen befragt worden; Auftraggeber ist die KMK.

Leistungsabfall im Südwesten besonders groß

Besonders groß ist der Leistungsabfall bei den Grundschülern in Baden-Württemberg. Das frühere Bildungsvorzeigeland rangiert nur noch knapp vor dem Stadtstaat Bremen, der in Bildungsvergleichsstudien traditionell schlecht abschneidet. „Jeder fünfte Viertklässler verfehlte bei der Testung 2016 den KMK-Mindeststandard im Bereich Orthographie, jeder sechste in Mathematik, jeder siebte im Lesen und jeder achte im Zuhören“, heißt es in einer Zusammenfassung der Ergebnisse für Baden-Württemberg.

Der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in der vierten Grundschulklasse liegt im Südwesten derzeit bei 45 Prozent, bundesweit liegt er nur bei 33 Prozent. Ein Grund für die schlechten Leistungen der Schüler dürften auch überholte pädagogische Konzepte wie zum Beispiel „Schreiben nach Gehör“ sein. Ein Konzept, das von Eisenmann Ende 2016 per Erlass abgeschafft wurde.

In Baden-Württemberg haben die schlechten Ergebnisse schon jetzt zu einer kontroversen Debatte über die Bildungspolitik geführt, auch innerhalb der grün-schwarzen Koalition. Umstritten ist in der Landesregierung vor allem, welche Konsequenzen die IQB-Ergebnisse für die Gemeinschaftsschulen haben könnten. Die Schulart ist von der grün-roten Vorgängerregierung 2012 geschaffen worden, mittlerweile gehen die Schülerzahlen an dieser neuen Schulform, die stark auf das selbstorganisierte Lernen setzt, auch deutlich zurück.

Quelle: FAZ.NET
Rüdiger Soldt - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Rüdiger Soldt
Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.
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