Islamischer Theologe im Gespräch

"Wir haben zu viel Angst voreinander"

 - 12:50

Herr Khorchide, Sie wollen einen Islam entwickeln, der von der deutschen Lebenswirklichkeit geprägt ist. Wie soll der aussehen?

Das traditionelle Verständnis vom Islam sieht ihn als Gesetzesreligion. Es geht um Instruktionen von Gott an die Menschen, an die wir uns halten müssen. Wenn ich den Koran lese, kommt aber etwas ganz anderes heraus. Da gibt es keinen Gott, der nur verherrlicht werden möchte - warum auch, er ist ja vollkommen. Es geht in meinem Islamverständnis um den Menschen.

Was hat dieser Islam mit deutscher Lebenswirklichkeit zu tun?

Religion ist dann nicht mehr Bevormundung. Und das wollen wir auch den Studenten vermitteln: dass sie die Inhalte reflektieren sollen. Sie sollen den Islam nicht als Quelle von Gesetzen verstehen, sondern von Spiritualität und allgemeinen ethischen Prinzipien.

Und die Prinzipien des Islam sind mit den Prinzipien der Bundesrepublik Deutschland vereinbar?

In meiner Lesart absolut. Im Koran sind es fünf: Gerechtigkeit, die Unantastbarkeit der menschlichen Würde, die Freiheit aller Menschen, die Gleichheit aller Menschen und die soziale Verantwortlichkeit des Menschen gegenüber seinen Mitmenschen und seiner Umwelt. Wie wir diese Prinzipien dann umsetzen, ist keine Frage der Religion, sondern eine gesellschaftspolitische Frage.

Das klingt ein bisschen nach einem für Europa erfundenen Kuschelislam. Oder stehen Sie damit in einer islamischen Tradition?

Natürlich stehe ich in einer islamischen Tradition. Es gibt im Islam rationalistische Schulen, die die Vernunft zu einer eigenständigen Erkenntnisquelle erhoben haben. In dieser Tradition sehe ich mich. Allerdings hat diese Tradition nicht als Hauptströmung überlebt. Durchgesetzt hat sich das Bild eines fordernden Gottes, der den Menschen erschaffen hat, um sich verherrlichen zu lassen.

Was Sie lehren, glaubt außer Ihnen also kaum jemand.

Solche rationalistischen Ansätze gibt es nicht nur in Europa, sondern auch in den muslimischen Ländern, in der Türkei zum Beispiel oder auch in Iran oder Nordafrika. Allerdings funkt dort oft die Politik dazwischen. Ich bin jedenfalls zuversichtlich. Die jüngsten Veränderungen in der arabischen Welt werden das Bedürfnis nach einem anderen Islam wachsen lassen. Die Leute sind die bevormundende Theologie leid, und die hat sich durch die jahrelange Unterstützung der Diktatoren auch kompromittiert.

Wieso gibt es so verschiedene Interpretationen des Islam?

Jede Religion ist abhängig von der Gesellschaft, in der sie sich entwickelt. Der Islam ist in den letzten Jahrhunderten in archaischen Stammesgesellschaften gewachsen, wo der Älteste oben steht, keinen Widerspruch duldet und verherrlicht werden will. Da mag dann auch ein entsprechendes Gottesbild entstehen. Ein Diktator-Gott. Einer, der befiehlt und zornig ist, wenn man ihm nicht gehorcht. Das finde ich allerdings sehr einseitig.

Stimmt es denn nicht?

Es reduziert Gott auf ein Konstrukt. Der koranische Gott ist ein vollkommener und barmherziger. Laut dem Koran hat Gott sich selbst nichts anderes vorgeschrieben als die Barmherzigkeit. Jede Sure beginnt mit der Anrufung von Gottes Barmherzigkeit. Das Christentum ist eine Religion der Liebe, der Islam ist eine der Barmherzigkeit. Da ist keine große Distanz. So versuchen die Religionen, in die Gesellschaft ein Korrektiv einzubringen.

Was ist denn das korrektive Element im Koran?

Einerseits erinnert er den Menschen an seine Verantwortlichkeit in dieser Welt, und andererseits legt er ihm nahe, ähnlich wie Gott bedingungslos Liebe und Barmherzigkeit zu geben.

Sie sagen Gott statt Allah.

Viele Kollegen kritisieren mich, weil ich deutsche Begriffe verwende. Aber wir reden aneinander vorbei, wenn ich immer von Allah spreche und Sie von Gott. Dann entsteht ein Problem der Abgrenzung. Das ist für die Entwicklung einer europäischen islamischen Identität höchst gefährlich. Übrigens sagen zum Beispiel die Christen in Ägypten zu Gott Allah.

Wird irgendwann einmal auf Deutsch gepredigt werden?

Das geschieht doch längst. Ich kenne Moscheen, wo nur auf Deutsch gepredigt wird. Gerade die zweite oder dritte Generation versteht das doch sowieso nicht mehr auf Arabisch oder Türkisch.

Warum wissen viele Deutsche nicht, wie Muslime Gottesdienst feiern?

In den achtziger und neunziger Jahren waren die Moscheen recht verschlossen. Heute sind sie viel offener. Es könnte eigentlich jeder wissen, wie ein Freitagsgebet aussieht. Aber wir haben zu viel Angst voreinander. Viele Muslime waren auch noch nie in einer Kirche.

Weiß man in Deutschland genug über den Islam?

Es fehlt leider an Basiswissen.

Was sollten die Leute wissen?

Zum Beispiel, dass der Begriff „Scharia“ nur ein einziges Mal im Koran steht und dort in einem anderen Sinne vorkommt. Dass die Inhalte der Scharia also verschieden sein können, dass das nicht im Koran steht, sondern von Gelehrten bestimmt wird und somit ein menschliches Konstrukt ist. Oder dass ein Teil des Korans in Mekka entstanden ist und einer in Medina, wo Mohammed einen Staat errichtet hat, dass dieser Teil also viel politischer ist und in einem historischen Kontext verstanden werden muss. Es fehlt einfach an einem inhaltlichen Diskurs in Deutschland, aber auch in Europa.

Wir reden doch ständig über den Islam.

Aber wenn wir über den Islam sprechen, sprechen wir nicht über Glaubensinhalte, sondern über gesellschaftspolitische Themen: Minarette, Kopftücher, Integration.

Das hängt aber alles mit dem Islam zusammen.

Es ist in Deutschland aber noch nie gefragt worden, wie der Islam die Gesellschaft bereichern könnte. Ich habe neulich vor Mitgliedern des Bundestags über den Islam gesprochen. Viele wussten kaum etwas über die Inhalte und die progressiven Diskurse im Islam. Die Muslime müssen sich die meiste Zeit rechtfertigen.

Woran machen Sie das fest?

Zum Beispiel daran, wie in den Medien und der Politik über den islamischen Religionsunterricht gesprochen wird. Da wird in erster Linie von einer Präventivmaßnahme gesprochen, von Integrationsförderung oder Schutz vor dem radikalen Islam.

Und dafür ist der Unterricht nicht gemacht?

Auch. Aber es wäre schön, wenn man mal lesen würde, wir wollen in Deutschland einen islamisch-theologischen Diskurs, damit die Muslime sich hier für voll genommen fühlen, damit sie ihre Religion sachlich studieren können. Wenn ich aber sage, dass der Islam sich in Deutschland entfalten soll, werden viele nur fragen: Ist das für uns gefährlich?

Ist das nicht auch verständlich? Fast alle Terroranschläge werden im Namen dieser Religion verübt.

Das stimmt. Wobei es die Muslime selbst sind, die am meisten darunter leiden. Und die Gewalt bedroht uns alle. Aber wir reden in Deutschland, wenn wir vom Islam reden, hauptsächlich von sicherheitspolitischen Aspekten und darüber, ob der Islam zu Deutschland gehört. Und das ist eine relativ neue, nicht so positive Entwicklung.

Inwiefern?

In den sechziger und siebziger Jahren hat man in Deutschland von Gastarbeitern gesprochen. In den achtziger und neunziger Jahren, im Zuge der Familienzusammenführung, von Ausländern. Nach dem 11. September 2001 hat man angefangen, von den Muslimen zu sprechen. Das Fatale an diesem Wandel ist, dass man dadurch typische soziale Probleme der Arbeitermigration mit dem Islam verknüpft hat. Man sagt nicht, die haben Probleme, wie man sie bei Leuten findet, die mit niedrigem sozialem Status und wenig Bildung in ein fremdes Land kommen. Man sagt, die haben Probleme, weil sie Muslime sind.

Es gibt Studien, die das nahelegen. „Je muslimischer, desto gewalttätiger“, hieß es in einer.

Die Frage ist: Wie wird dieses „je muslimischer“ definiert? Denn aufrichtig muslimisch sein und Gewalttätigkeit passen nicht zusammen.

Wie erklären Sie sich dann das Ergebnis dieser Studie?

Große Teile der jüngeren Einwanderergeneration identifizieren sich wieder mit dem Islam, allerdings geht es ihnen dabei weder um Gotteserfahrung noch um Spiritualität oder Sinnsuche, sondern nur um Identität. Man hatte damit gerechnet, dass die sich völlig assimilieren, dass die dritte oder vierte Generation keinen Bezug mehr zum Islam haben wird.

Das ändert doch an dem Befund nichts.

Das ist aber ein sehr ausgehöhlter Islam. Da wird in einer Studie ein Jugendlicher nach seiner Religiosität gefragt und gibt an, er sei sehr religiös. Wenn man ihn fragt: „Bist bist du Muslim?“, zieht er vielleicht stolz einen Koran aus der Tasche. Habe ich immer dabei, sagt er. Und was steht in dem Buch? Keine Ahnung. Muslim sein heißt für ihn nicht, aufrichtig und verantwortungsvoll zu leben und Gotteserfahrung zu machen. Er konstruiert lediglich eine Identität, das Gefühl, einer Gemeinschaft anzugehören.

Und dass das so läuft, hat mit dem Islam nichts zu tun?

Das hat mit dem falschen Zugang zum Islam zu tun, nicht aber mit dem Islam selbst. Hat nicht der Bundesinnenminister gerade gesagt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland? Viele Muslime erleben den vorherrschenden Diskurs als tiefe Enttäuschung und als abgrenzend. Vielleicht nicht so sehr die Einwanderer der ersten Generation, die Arbeitsmigranten. Aber deren Kinder und Enkel haben ganz andere Hoffnungen, ihre Erwartungen an Deutschland sind viel höher. Sie suchen hier doch auch nach einer Heimat. Ihnen wird aber das Gefühl gegeben, hier nicht gewollt zu sein, die Anderen zu sein. Die Heimat ihrer Eltern ist aber auch nicht mehr ihre Heimat. Also konstruieren sie sich eine Identität als Muslime.

Und Ihr Islam, interessiert der diese Generation überhaupt?

Neulich habe ich vor jungen Muslimen in Köln gesprochen, danach meinten viele, das sei befreiend gewesen. Es ist doch schön zu wissen, dass ich frommer Muslim und gleichzeitig loyaler Bürger Deutschlands sein kann.

Mit dem Professor für islamischen Religionsunterricht der Universität Münster sprach Alard von Kittlitz

Quelle: F.A.S.
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