Jena

Jugendpfarrer im Lautsprecherwagen

Von Claus Peter Müller und Peter Schilder
 - 10:25
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Von den Plakaten an den Wänden der evangelischen Jungen Gemeinde im thüringischen Jena springt der Protest gegen die Justiz im sächsischen Dresden: „1, 2, 3 lasst Lauti frei.“ „Lauti“ ist der Kosename eines Lautsprecherwagens, jenes blauen VW-Kastenwagens, mit dem sich Jenas Jugendpfarrer Lothar König einmischt, wo er und seine Jugendlichen sich herausgefordert sehen.

Gemeinsam mit dem Auto und seiner Besatzung - Kartenleser, Techniker, Musiker, Kameramann - demonstriert König gegen Atomkraft, G-8-Gipfel und Neonazis. Die Einmischung ist für ihn zugleich Abenteuer. König erzählt davon wie ein Aktionskünstler, der als Dramaturg und Regisseur den Widerstand in Szene setzt: „Wir sind nicht neutral. Wir unterstützen die Demonstranten, wir fahren dazwischen, damit es nicht zur Konfrontation kommt. Und wir stellen Öffentlichkeit her: Herr Polizist, das ist verboten!“

Gewalt gegen Personen und Gegenstände

Mit dem Auto war König am 19. Februar in Dresden, als es am Rande eines Aufmarsches von Rechtsextremisten zwischen diesen und den Gegendemonstranten zu Krawallen kam, in deren Verlauf mehr als 100 Polizisten verletzt wurden. König wird vorgeworfen, dass aus seinem Lautsprecherwagen zu Gewalt gegen Personen und Sachen aufgerufen worden sei. Auch sollen aus einer Menschenmenge, die der Wagen dirigiert habe, Steine auf Polizisten geworfen worden sein. Außerdem sollen sich in dem Wagen Gegendemonstranten dem Zugriff der Polizei entzogen haben.

Wegen dieses Einsatzes in Dresden kam die sächsische Polizei am 10. August ins thüringische Jena, durchsuchte die Dienstwohnung des Pfarrers, beschlagnahmte das Fahrzeug und entfachte damit abermals den Streit zwischen Opposition und Regierung um die sächsische Sicherheits- und Rechtspolitik aufs Neue. Auslöser war die so genannte „Handy-Affäre“: Nach den Krawallen im Februar hatte die sächsische Polizei über Funkzellenabfragen mehr als eine Million Verbindungsdaten von Mobiltelefonen gesammelt. Ein Computersystem hat die Verbindungsdaten analysiert; mehr als 40.000 Bestandsdaten wurden erhoben. Bestandsdaten enthalten neben den Telefonnummern auch Namen und Adressen der Handy-Besitzer.

Weil mehr als doppelt so viele Telefonierer erfasst wurden wie Demonstranten auf der Straße waren, spricht die Opposition von der „Unverhältnismäßigkeit der Ermittlungen“ und äußert den Verdacht, dass nicht die kleine Gruppe der Gewalttätigen gefunden, sondern die große Zahl der „friedlichen Blockierer“ ausgeforscht werden sollte. Die Landesregierung hingegen spricht von modernen, richterlich genehmigten Ermittlungsmethoden, die auch schon bei anderen kriminellen Taten zum Erfolg geführt hätten. Auch nach dem Anschlag auf die Heeresoffiziersschule in Dresden vor zwei Jahren ist diese Technik zum Einsatz gekommen, allerdings bisher ohne Erfolg.

Das Misstrauen schwelt weiter

Neue Nahrung erhielt der Streit, als sächsische Polizisten in Thüringen die Diensträume des Jugendpfarrers König durchsuchten. Dem 57 Jahre alten Pfarrer werden „aufwieglerischer Landfriedensbruch“ und Strafvereitelung vorgeworfen. Jüngst hat sich der Innen- und Rechtsausschuss des Sächsischen Landtages mehr als sechs Stunden lang mit der Angelegenheit befasst. Die anfängliche Empörung über den Einsatz sächsischer Polizisten in Thüringen hat sich jedoch gelegt. Es gab Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den Behörden. Faxe sind offenbar an falsche Nummern gesendet und nicht weitergeleitet worden.

Der Einsatz an sich war aber rechtens, der Wortwechsel zwischen den Ländern ist inzwischen moderater geworden. Die Beschuldigungen gegen Pfarrer König wegen „aufwieglerischen Landfriedensbruchs“ sollen sich auf Video-Aufnahmen stützen. Diese Aufnahmen wurden aber dem Ausschuss nicht gezeigt - was den Zweifel der Opposition nährt, ob es sie überhaupt gibt. Ein Ermittlungsverfahren gegen König wegen „Bildung einer kriminellen Vereinigung“, das seit dem 7. Februar lief, ist am 19. August eingestellt worden. Den Grünen-Abgeordneten Lichdi veranlasste dies zu der Frage, „ob der Vorwurf einer kriminellen Vereinigung nur konstruiert wurde, um König abhören zu können“. Das Misstrauen schwelt weiter.

König ist mittlerweile aus seinem Sommerurlaub zurückgekehrt. Braungebrannt sitzt er im Hof der Jungen Gemeinde an einem antiken Tisch voller Zeitungen, Telefone und Computer, einem schattigen Paradies mitten in der Stadt. Den Lautsprecherwagen erhielt er vor wenigen Tagen zurück. Seine Gemeinde feierte die Rückkehr des Autos mit einer hörbaren Prozession durch die Stadt. In Jena sagen die einen, der Jugendpfarrer sei ein „Spinner“.

Die anderen sagen, ohne ihn fehlte etwas in der Stadt. Auf jeden Fall ist rund um die Junge Gemeinde immer etwas los. Einmal kam es wegen einer Schrottplastik, die Jugendliche dort geschweißt hatten, zu einer nächtlichen Schlägerei, aus der König eine bleibende Narbe an der rechten Schläfe davontrug. Er sagt, Medizinstudenten hätten die Skulptur als entartete Kunst beschimpft und einen Jungen angegriffen. Dem sei er zu Hilfe gekommen. Es seien Verbindungsstudenten gewesen; die Polizei habe schludrig ermittelt. Verbindungsstudenten wiederum sagen, ihre Häuser würden aus der Jungen Gemeinde heraus immer wieder angegriffen.

Jesus ist für ihn der Größte

Als Kind verunzierte König einmal auf einem Foto Ulbrichts Bart. Jahre später schrieb er nach dem Einmarsch der Roten Armee in Prag den Namen Dubcek an eine Wand in seinem Heimatdorf. Das brachte ihm die erste Hausdurchsuchung ein. Zwei seiner Freunde, die den Sozialismus "reformieren" wollten, gingen dafür in der DDR ins Gefängnis. Über den zweiten Bildungsweg wurde König Diakon und studierte Theologie. Mit seiner Frau, die er im kirchlichen Umfeld kennenlernte, hat er vier Kinder. Eine seiner Töchter, Katharina König, gehört der Linken-Fraktion im Thüringer Landtag an. Heute komme er mit der Linkspartei einigermaßen aus.

Marx hat in Königs Perspektive die Bibel modern ausgelegt, aber Jesus ist für ihn der Größte: „Was der für Geschichten erzählt!“ Vor allem, wenn der Sohn Gottes handgreiflich wird, gefällt er seinem Jünger aus Jena, etwa wenn Jesus die Händler mit der Peitsche aus dem Tempel vertreibt. König liebt Gleichnisse, spricht mitreißend von der Heimkehr des verlorenen Sohnes oder vom Hirten, der das verlorene Schaf sucht. Als König 1992 von Merseburg nach Jena kam, wandte er sich auch den „Glatzen“ zu, rechtsextremen Jugendlichen, denen niemand „eine Chance gab, eine Wahrheit zu finden“. König brachte sie mit Opfern der Vertreibung und mit KZ-Insassen ins Gespräch.

„Ich habe Lothar König nie eskalierend erlebt.“

Jenas Oberbürgermeister Schröter (SPD) kennt König. Auch er ist Pfarrer. Die Jugendlichen in Königs Gemeinde seien nicht immer einfach. Wenn sich die Junge Gemeinde auf den Weg mache, stießen andere hinzu, die nicht deckungsgleich mit der Gemeinde seien. Schröter sagt: "Ich habe Lothar König nie eskalierend erlebt. Er geht einen weiten Weg, aber so, dass die Jugendlichen nicht zu weit gehen." König gibt sich im Hinblick auf die laufenden Ermittlungen gegen ihn betont gelassen: "Ins Gefängnis? Ich finde, jeder Mensch sollte mal ein halbes Jahr im Gefängnis gesessen habe", sagt er sarkastisch.

Für den rechtspolitischen Sprecher der Linken im Sächsischen Landtag, Bartl, ruft das Vorgehen von Polizei und Justiz geradezu nach einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss: „Es ist ein Stück aus dem Tollhaus.“ Die innen- und rechtspolitische Sprecherin der SPD, Sabine Fridel, „ist der Eifer der Ermittler zu eindimensional“. Für die Regierungsparteien CDU und FDP hingegen „sind Zweifel an der Verhältnismäßigkeit oder gar Rechtmäßigkeit der Ermittlungsarbeit nicht erkennbar“, so der CDU-Abgeordnete Schiemann. Die Debatte über den Umgang mit Rechtsextremisten und Gegendemonstranten ist in Sachsen noch längst nicht abgeschlossen. Bis zum nächsten 13. Februar, dem Gedenktag an die Zerstörung der Stadt durch Luftangriffe der Alliierten kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, ist es gerade noch ein halbes Jahr.

Quelle: F.A.Z.
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