Buch über Pegida

Ankunft des Rechtspopulismus in Deutschland

Von Stefan Locke, Dresden
 - 15:27

Pegida? Gibt’s in Dresden immer noch. Erst am Montag spazierten abermals 2000 Menschen mit Fahnen, Plakaten und „Widerstand“-Rufen durch die Stadt. Es ist der harte Kern an Teilnehmern, die sich weder durch Regen noch durch immer gleiche Redner und Reden abschrecken lassen.

Kaum noch jemand nimmt von ihnen Notiz, die Folgen der Bewegung aber werden weiterhin aufgearbeitet, denn sie sind weit über Dresden hinaus zu spüren. Pegida sei eben nicht nur ein lokal begrenztes Phänomen, sagte der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt. „Pegida ist die AfD auf der Straße, und die AfD ist Pegida als Partei in den Wahlkabinen.“

Patzelt beobachtete Pegida seit Anfang an auch persönlich, jetzt hat er gemeinsam mit der Konrad-Adenauer-Stiftung eine Art Standardwerk zu der Bewegung geschrieben: „Pegida – Warnsignale aus Dresden“.

Auf 668 Seiten werden Pegida, seine Personen und Programmatik, die Anhänger auf der Straße und im Internet sowie die Ursachen und Folgen des „Ausbruchs“ beschrieben, die heute in ganz Deutschland unter anderem mit den Wahlerfolgen der AfD zu spüren sind. Patzelt warnte am Dienstag explizit davor, die Fehler, die Politik und Medien bei der Einschätzung von Pegida anfangs gemacht hätten und zum Teil noch bis heute machen, auch bei der AfD zu wiederholen.

Die vorschnelle Abstempelung der Demonstranten als Neonazis und Rechtsradikale sowie die Abmoderation der Bewegung als lokales Dresdner oder ostdeutsches Phänomen habe den Blick dafür verstellt, dass Pegida lediglich ein Vorbote des sich nun auch in Deutschland ausbreitenden europäischen Rechtspopulismus sei.

Bereits Anfang des Jahres hatte der Dresdner Politikwissenschaftler Hans Vorländer in einem Buch zu Pegida geschildert, dass im Dezember 2014, wenige Wochen nach dem Aufkommen von Pegida, rund die Hälfte der Deutschen in Umfragen Verständnis für die Demonstranten gegen eine drohende „Islamisierung des Abendlandes“ zeigten.

Drei Viertel der Befragten äußerten gar eine positive bis aufgeschlossene Haltung zu der Bewegung, und eine weitere Erhebung ergab, dass die Sympathiewerte für Pegida in den westlichen Bundesländern ähnlich hoch waren wie im Osten. Das, so Vorländer, habe die Sprengkraft der Ereignisse in Dresden verdeutlicht.

Pegida wurde nicht ernst genommen

Diese aber seien nicht ernst genommen worden, erläutert nun Patzelt und warnt vor ähnlichen Fehldeutungen, die er auch im Umgang mit der AfD zu beobachten meint: „die Unlust nämlich, politisch unangenehmen Dingen auf den Grund zu gehen – statt sich, intellektuell unaufwendig, durch Moralisieren und Polemisieren lange an deren Oberfläche aufzuhalten“.

Die Verwendung von Begriffen wie „rechtsradikal“ und „rassistisch“ weckten „meist eher das gute Gefühl, etwas Wichtiges – und eben auch bekämpfenswert Schlimmes – von der Eigenart Pegidas erkannt zu haben, als das tatsächlich eine Analyseleistung vorgelegen hätte. Man nutzt bereitliegende Worte, die sich auch gleich als Angriffswaffen anboten.“

Wer dies hinterfragt habe, habe als Sympathisant gegolten – ein Vorwurf, der auch Patzelt selbst vielfach gemacht wurde. Patzelt wies das am Dienstag abermals entschieden zurück. Seine Analysen seien weder von Sympathie noch Antipathie, sondern ausschließlich von eigener Anschauung und empirischen Befunden sowie wissenschaftlicher Erfahrung getragen.

Heimatverlust im Osten

Joachim Klose, Co-Autor des Buches und Landesbeauftragter der Konrad-Adenauer-Stiftung für den Freistaat Sachsen, sieht besonders den durch den Umbruch und Transformationsprozess nach 1989 bedingten Heimatverlust im Osten als einen der Gründe für das Entstehen der Bewegung.

Die Geschwindigkeit des Wandels, vorgeprägte Einstellungen (Russophilie, Amerikaphobie) und die demographische Entwicklung, die zum Verlust von allein einer Million Einwohner in Sachsen und einem enormen Männerüberschuss seit 1990 führten, seien Katalysatoren für Pegida gewesen.

Die Anhänger seien vor allem getrieben von Zukunftsangst, Neid in einer sich auseinanderdividierenden Gesellschaft und von Ressentiments, insbesondere der Ablehnung von Neuem. In diesem Punkten wiederum scheinen sie wie Spiegelbilder breiter Wählerschichten der AfD zu sein.

Letztere wiederum schlage aus den Problemen Kapital, während Pegida selbst von seinen „politisch nicht sonderlich begabten Anführern in die Sackgasse geführt“ worden sei, sagte Werner Patzelt.

Auf diese Weise sei Pegida – freilich unter anderem Namen – erfolgreicher denn je. Allerdings brauche es wohl nur einen Zündfunken, um auch Pegida selbst wieder mehr Zulauf zu verschaffen – sei es durch einen abermaligen Anstieg der Flüchtlingszahlen oder durch einen Terroranschlag auch in Deutschland.

Werner J. Patzelt und Joachim Klose: Pegida – Warnsignale aus Dresden. Thelem-Verlag 2016, 668 Seiten, 22 Euro.

Quelle: FAZ.NET
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Stefan Locke
Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.
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