<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Kevin Kühnert in Berlin

Heiße Diskussionen mit dem Juso-Vorsitzenden

Von Yves Bellinghausen, Berlin
 - 08:05

Der zweite Stopp von Kevin Kühnerts „No-GroKo-Tour“ findet in einem schmucklosen Pavillon in Berlin-Kreuzberg statt. Bis zum 27. Februar der Juso-Vorsitzende Kühnert durch Deutschland, um seine Partei davon zu überzeugen, beim Mitgliedervotum gegen die große Koalition zu stimmen. Am Dienstagabend, hätte es die perfekte David-gegen-Goliath-Geschichte werden können. Denn keine fünf Gehminuten von Kühnerts schmucklosem Pavillon entfernt, steht das mächtige Willy-Brandt-Haus, in dem der Parteivorstand sich in Personalpolitik verhedderte, während der Juso-Vorsitzende die Basis mit seiner Chuzpe zu begeistern weiß.

Aber Kühnert wehrt sich gegen das Bild des Revoluzzers. Ohne Entourage drängt er sich an den Kamerateams vorbei auf das Podium in einem Mehrzweckraum des Pavillons. Seinen Rucksack nachlässig über die linke Schulter geworfen, Jeans, Pulli, Turnschuhe.

Kühnert sitzt, fast schon schüchtern, neben der Moderatorin der Veranstaltung, Sevim Aydin. Die Hände hat er unter dem Tisch auf seine Oberschenkel gelegt. Etwa 300 Menschen sind gekommen, um mit Kühnert zu diskutieren. Die meisten Gäste sind SPD-Mitglieder, aber auch einige Sympathisanten der Partei sind hier und vor allem: viele Journalisten. So viele, dass sie sich versehentlich untereinander ansprechen und um O-Töne bitten, bis man sich einander als Kollegen zu erkennen gibt. Das Publikum dagegen reicht vom neu eingetreten Abiturienten mit Sternburg-Bier und Dönerbox bis zum Greis. Ein Blaumann steht neben einem Rollkragenpullover.

In einer der vorderen Reihen sitzt Konrad Riedel. Er ist 33 Jahre alt, also noch im Juso-Alter, und wäre gemeinsam mit seiner Frau fast den Sozialdemokraten beigetreten. Aber nur für das Mitgliedervotum in die Partei einzutreten, das fand er dann doch nicht ganz richtig und so ist er heute gekommen, um sich das Politspektakel selbst anzusehen. „Ich will mal ein Hands-On bei der SPD machen und gucken, ob das meine Partei sein kann“, sagt er.

Viele Gründe gegen die Groko

Als die Fragerunde beginnt, wacht Kevin Kühnert, der während der einleitenden Rede der Moderatorin noch so schüchtern gewirkt hat, plötzlich auf. Wenn ihm Fragen gestellt werden, dann huschen seine Hände von den Oberschenkeln auf den Tisch und notieren Stichpunkte. Dann schaut Kühnert den Fragenden gebannt an, starrt fast und nickt manchmal energisch, wenn ihm etwas gefällt. „Gut, dass du das angesprochen hast“, sagt er, wenn die Moderatorin ihm das Wort erteilt.

Bis vor Kurzem hätte sich Konrad Riedel nicht vorstellen können, in die SPD einzutreten, sagt er. Nicht links genug sei die SPD ihm gewesen. Damit passt Riedel gut zu den anderen Gästen der Veranstaltung. Denn die meisten hier in Berlin-Kreuzberg lehnen die große Koalition ab. Jeder Gegner hat an diesem Dienstagabend seine ganz eigenen Gründe dafür: Den einen fehlt ein ehrliches Bekenntnis zu Europa, die anderen vermissen groß angelegte Investitionen, zu wenig für den ländlichen Raum werde getan, das Gesundheitssystem und ganz allgemein die soziale Gerechtigkeit! Und auch immer dabei an diesem Abend ist die AfD, deren Erstarken sowohl die Gegner, als auch die Befürworter einer neuen großen Koalition fürchten.

Der Tenor an diesem Abend ist, es anders zu machen, ein Wunsch nach großen Ideen und den Mut, sie umzusetzen. Kevin Kühnert personalisiert diesen Wunsch. Seine Frage: „Wer sollte das machen, wenn nicht wir Sozialdemokraten?“, erntet energischen Beifall. Der Koalitionsvertrag sei zwar solide, sagt Kühnert, aber das seien vergangene Groko-Koalitionsverträge auch gewesen, und auf die Union könne man sich einfach nicht verlassen. Wenn die SPD so weitermache, dann sei sie bald unter 15 Prozent, prophezeit Kühnert.

Die Diskussion geht weiter

Die Menschen im Saal jubeln, aber Kühnert, der nicht David sein will, gibt sich diplomatisch und polemisiert nicht gegen die SPD-Führung. Die Erneuerung der Partei müsse nicht heißen, dass die gesamte Führungsriege zurücktreten müsse, so Kühnert. Man solle doch „ein bisschen das Drama herausnehmen“, sagt er, als sich ein Mann meldet und ihn auf einen völligen personellen Neuanfang anspricht.

Video starten

Raus aus der KriseAlles Neu mit Nahles

An diesem zweiten Stopp der „No-GroKo-Tour“ macht die SPD ihrer berühmten Streitkultur alle Ehre. Zwei Menschen zanken sich über den Familiennachzug und führen die Diskussion im Flur fort, als ihre Redezeit abgelaufen ist. Irgendwann sind die Batterien der Mikrofone leer und die Menschen müssen aufs Podium kommen, um ihre Fragen zu stellen. Nach zehn Uhr beginnen die Fernsehreporter schon ungeduldig auf die Uhr zu schauen, da wollen die Anwesenden noch weiter diskutieren und johlen, wenn einer von ihnen mal wieder ganz besonders leidenschaftlich gesprochen hat.

Konrad Riedel ist sich noch immer nicht ganz sicher, ob er der SPD beitreten möchte. Dass auch einige Groko-Befürworter gekommen sind, habe ihn überrascht, sagt er nach der Veranstaltung. Kevin Kühnert wird unterdessen wieder von den Kamerateams überfallen und wirkt weit weniger begeistert als noch während der Debatte. Die Besucher strömen aus dem Pavillon hinaus und diskutieren weiter auf dem Weg zum U-Bahnhof. Glaubt man Kevin Kühnert, dann ist das alles, was er erreichen wollte.

Quelle: FAZ.NET
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenKevin KühnertSPDBerlinBerlin-KreuzbergBierGroße KoalitionRevolutionsführerRucksack