Kann man Antisemitismus abschieben?

29.03.2018

Text: SINA ARNOLD
Illustration: CLAUDIA BLUM

Ein Winternachmittag in Berlin-Neukölln: Nach Donald Trumps Ankündigung, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, verbrennen Demonstranten Fahnen des jüdischen Staates. Fast alle von ihnen haben einen Migrationshintergrund. Entsetzen in den Medien, Entsetzen in der Politik. Die Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli will Besuche in KZ-Gedenkstätten zum Pflichtprogramm in Integrationskursen machen. Die CDU will per Antrag im Bundestag fordern, bei antisemitischen Zuwanderern das Ausweisungsrecht „konsequent“ zu nutzen, wer in Deutschland jüdisches Leben oder Israel ablehne, „kann keinen Platz in unserem Land haben“. Eine gute Woche später, einige Kilometer weiter: In Schöneberg beschimpft ein 60-jähriger Deutscher einen israelischen Restaurantbesitzer – den Juden ginge es nur ums Geld, sie seien hier nicht willkommen, würden alle in der Gaskammer landen. Wieder ist das Entsetzen groß in den Medien, das Video verbreitet sich weltweit, doch in der Politik gibt es kaum Reaktionen zu dem Vorfall. Dabei ist der Pöbler aus Schöneberg kein Einzelfall.

Doppelte Verharmlosung: Rechte reden vom „importierten Antisemitismus“ und ignorieren deutsch-deutsche Kontinuität, Linke relativieren den Israelhass vieler Neuankömmlinge. Illustration: Claudia Blum

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Die Empirie spricht für sich: Etwa zehn Prozent der deutschen Bevölkerung haben klassisch antisemitische Einstellungen, bis zu ein Drittel bejaht sekundärantisemitische Aussagen wie „Die Juden nutzen die Erinnerung an den Holocaust heute für ihren eigenen Vorteil aus“, und die Zustimmung zu israelbezogenem Antisemitismus findet sich bei mehr als einem Fünftel der Bevölkerung. Würde man daher alle Antisemiten „konsequent“ abschieben, hätte die Bundespolizei alle Hände voll zu tun, und in einigen deutschen Landstrichen gäbe es plötzlich sehr viel Platz.

Gemein ist den Vorfällen, dass sie eine Bedrohung für Juden in Deutschland darstellen. Einer aktuellen Umfrage unter rund fünfhundert Juden und Jüdinnen zufolge nehmen 78 Prozent der Befragten eine Zunahme von Antisemitismus wahr, 83 Prozent befürchten einen weiteren Anstieg in den kommenden Jahren. Statt diese Ängste jedoch ernst zu nehmen, haben wir es derzeit oft mit einer doppelten Verharmlosung zu tun, und zwar von Rechts wie von Links. Politiker wie etwa Jens Spahn, der die öffentlichen Erregungskorridore stets im Blick hat, kann sich nur einen „importierten Antisemitismus“ vorstellen.

Eine Geschichte aus „Frankfurter Allgemeine Quarterly“, dem neuen Magazin der F.A.Z.

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Damit verharmlost er die Kontinuität des deutsch-deutschen Judenhasses in weiten Teilen der Bevölkerung wie auch dessen gewalttätige Ausdrucksformen im Neonazismus. Von 681 antisemitischen Straftaten im ersten Halbjahr 2017 wurden 632 von Rechten begangen. Und wer, wie etwa die israelkritische Publizistin Evelyn Hecht-Galinski, im Verbrennen israelischer Flaggen nur den politisch legitimen Protest einer marginalisierten, von Rassismus betroffenen Bevölkerungsgruppe sieht, der verharmlost die globale Verbreitung von Antisemitismus und seine zahlreichen, oft codierten Ausdrucksformen. In einer qualitativen Studie, die wir (die Autorin ist Migrationsforscherin, d. Red.) an der Humboldt-Universität zu Berlin im Auftrag des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus des Bundestages durchgeführt haben, zeigten sich diese Ausdrucksformen auch unter Geflüchteten aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. Zwar differenzierten einige der Befragten, berichteten von Freundschaften mit Juden und von Empathie für ihre Verfolgungsgeschichte oder legten eine unaufgeregte Gleichgültigkeit an den Tag: Juden seien „ganz normale Leute“, Israel „ein Land wie jedes andere“. Doch zugleich glaubten viele der Neuangekommenen, dass Juden reich und machtvoll seien, die Ablehnung Israels war für sie eine Selbstverständlichkeit, das Ausmaß des Holocausts war ihnen nicht bekannt oder sie relativierten es.

Quelle: US Holocaust Memorial Museum, Bundeszentrale für politische Bildung / F.A.Z.

In der doppelten Verharmlosung des alt- wie des neudeutschen Antisemitismus zeigt sich vor allem eines: Deutschland tut sich schwer, die Realitäten der Migrationsgesellschaft anzuerkennen. Da ist etwa der demographische Wandel: Über ein Fünftel der hier Lebenden hat mindestens ein eingewandertes Elternteil, und mehr als ein Drittel der Bevölkerung hat eine Person mit Migrationserfahrung im erweiterten Familienkreis. Das war vor zwanzig Jahren noch anders. Die Realitäten betreffen aber auch einen lebensweltlichen Wandel in Folge von Migration, die Stadtbilder und Esskultur, Geschichten und Geschichte verändert hat und verändert. Wenn dieses Land sich aber als Migrations-, ja als postmigrantische Gesellschaft ernst nehmen und die Fehler der Vergangenheit, die verlorenen Chancen der Integration der Arbeitsmigranten der 1950er und 1960er, die für immer als „Gastarbeiter“ und „Ausländer“ behandelt wurden, nicht wiederholen will, dann ist das, was auf den Straßen Berlin-Neuköllns passiert, nicht mehr der Antisemitismus der anderen, sondern der eigene. Unter den Demonstranten waren viele deutsche Staatsbürger, die hier zur Schule gegangen sind. Die Zurschaustellung ihres offenen Judenhasses ist weniger der Verweis auf eine Parallel-, sondern Ausdruck des Versagens der Mehrheitsgesellschaft.

Mehr als die Hälfte der 14- bis 16-jährigen Schüler in Deutschland weiß nicht, was Auschwitz-Birkenau ist.

Die deutsche Verantwortung gegenüber Israel lässt sich so nicht vermitteln – und Antisemitismus nicht bekämpfen. Dafür braucht es Aufklärung und Auseinandersetzung – auch mit den Positionen der Neuankömmlinge.

Mehr als die Hälfte der 14- bis 16-jährigen Schüler in Deutschland weiß nicht, was Auschwitz-Birkenau ist. In Syrien wird in der Schule kaum über den Holocaust gesprochen. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, diesem Wissensmangel zu begegnen und das Bewusstsein für heutigen Antisemitismus zu fördern. Die Herkunft spielt dann lediglich in der Vermittlung eine Rolle: Die Schoa wurde von Deutschen verübt, das darf in diesem Land nicht in Vergessenheit geraten. Aber das massenfache deutsche Morden hat universelle Implikationen – „Der Holocaust ist der ganzen Menschheit widerfahren“, drückte es ein afghanischer Interviewpartner aus. Für die strafrechtliche Verfolgung mag es irrelevant sein, warum jemand den Holocaust leugnet, jüdische Symbole oder jüdische Einrichtungen angreift.

Für die pädagogische Intervention und Vermittlung ist es hingegen wichtig zu wissen, woraus sich solche Haltungen speisen – ob etwa aus dem arabischen Nationalismus mit seinem projektiven Erzfeind „Zionismus“, aus einer radikalislamistischen Auslegung bestimmter Koransuren, aus einer christlichen Judenfeindschaft in der Tradition Luthers oder aufgrund einer deutschen Schuldabwehr, die der österreich-israelische Autor Zvi Rix einmal so zusammengefasst hat: Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen. Und diese Schuldabwehr, diese Externalisierung ist nicht zuletzt dann vermittelt am Werk, wenn Antisemitismus einzig und allein migrantischen Gruppen in die Schuhe geschoben wird.

Das Stelenfeld zur Erinnerung an die ermordeten Juden Europas in Berlin Foto: dpa

Die Realität der postmigrantischen Gesellschaft anzuerkennen, bedeutet hingegen, Haltungen statt Herkunft in den Mittelpunkt zu stellen. Die Frage wäre dann nicht mehr: Araber, Muslim, Deutscher oder Flüchtling? Sondern die Abwehr von religiösem Fundamentalismus, antidemokratischen Einstellungen, von Antisemitismus, aber auch von Rassismus – egal, von wem diese ausgehen. Entgegen der Verharmlosung von Links hieße dies, die Neuhinzugekommenen jenseits eines wohlmeinenden Paternalismus als politische Akteure ernst zu nehmen. Die vielgeforderte „Begegnung auf Augenhöhe“ muss eben auch bedeuten, Kritik an menschenverachtenden Einstellungen zu üben. „Was mir fehlt, ist, dass man einfach zusammen politisch arbeiten kann“, drückte ein 29-jähriger Syrer im Interview diesen Wunsch nach einer gemeinsamen Streitkultur aus. Entgegen der Verharmlosung von Rechts ist ein Perspektivwechsel vonnöten: Je schneller wir den aktuellen Antisemitismus in Deutschland als den unsrigen anerkennen, egal, von wem er ausgeht, desto wirkungsvoller kann dagegen vorgegangen werden. Antisemitismus lässt sich bekämpfen, abschieben lässt er sich nicht. 

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Quelle: F.A.Z.-Quarterly