Inland
Kommentar zum Abschied

Gaucks Vermächtnis

Von Berthold Kohler
© dpa, F.A.Z.

Man kann es gelegentlich geradezu sehen, das ungläubige Staunen, wenn dem syrischen Schlachthaus oder afrikanischen Diktaturen Entkommene durch die Straßen deutscher Städte gehen: Kann es eine solche Welt wirklich geben – friedlich, wohlhabend, sicher? Mit Grundregeln und Gesetzen, an die sich die meisten Bürger meistens halten? Regiert von Politikern, denen die Macht nur auf Zeit übertragen wird und die von ihr ganz selbstverständlich lassen, wenn diese Zeit um ist? In Deutschland gehen Präsidenten unter den Klängen eines Großen Zapfenstreichs in den Ruhestand. Anderswo schicken sie Panzer und Soldaten auf die Straßen, um in ihren Palästen bleiben und ihr Volk weiter beherrschen zu können.

Joachim Gauck war kein Flüchtling, als er Bundespräsident wurde. Auch den westlichen Teil des wiedervereinigten Deutschlands kannte er da schon viele Jahre lang. Doch auch im höchsten Staatsamt behielt er den Sinn dafür, wie kostbar die Errungenschaften des demokratischen Neubeginns nach dem Zweiten Weltkrieg auf deutschem Boden sind. Durch all seine Reden zog sich das Bemühen, den Bürgern die Augen dafür zu öffnen, wie stolz auf und dankbar für eine Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung sie sein können, die ihre Vorfahren aus den Trümmern Hitler-Deutschlands und eines einst bis aufs Blut verfeindeten Europas aufgebaut haben. In der zweiten Hälfte seiner Amtszeit musste Gauck jedoch mehr und mehr die Mahnung untermischen, das Erreichte nicht als selbstverständlich und unverwüstlich zu betrachten, sondern dafür auch einzutreten, ja dafür zu kämpfen. Man wird sich an seine Amtszeit nicht nur deswegen erinnern, weil er ein großer Bundespräsident war, sondern weil das die Zeit gewesen ist, in der die liberale Demokratie und das Projekt des Westens „unter Beschuss“ kamen.

Und das nicht nur aus Zarenreichen und Sultanaten, sondern auch aus Stellungen im Westen selbst. In dessen Demokratien greift eine wachsende Unzufriedenheit mit den Prozessen und dem Personal der Politik um sich. Der Protest hat an vielen Stellen Berechtigung, doch wird er inzwischen oftmals von einer erschreckenden Leichtfertigkeit im Umgang mit den Errungenschaften europäischer Politik oder gar von einer Lust an deren Zerstörung begleitet. Menschen wie Gauck, die eine Diktatur erlebt haben, kann das nicht unberührt lassen.

Symbiose von Humanität und Realpolitik

Er schrieb den Deutschen immer wieder ins Stammbuch, dass ihr Staat nur das sein kann, was sie aus ihm machen. Der Aufruf, Verantwortung für die Erhaltung der Freiheit und des Friedens zu übernehmen – und das nicht nur innerhalb der Grenzen Deutschlands –, ist Gaucks Vermächtnis. Wie die Erben damit umgehen, hat er nicht mehr in der Hand. Gauck aber kann trotz mancher Sorgen, die ihn quälen, guten Gewissens in den Ruhestand gehen. Er war in herausragender Weise, was ein deutscher Bundespräsident sein kann, trotz der Begrenztheit seiner Befugnisse auch immer mehr sein muss: Ermutiger („Wir Deutschen können Freiheit“), Beruhiger, Volksvertreter, Volksversteher. Keiner hat im Flüchtlingsherbst 2015 die Imperative der Gesinnungs- und der Verantwortungsethik, der Humanität und der Realpolitik so miteinander versöhnen und in einem Satz zusammenziehen können wie er: „Unser Herz ist weit, aber unsere Möglichkeiten sind endlich.“ Obwohl nicht dem „Establishment“ entstammend, widerstand er der Versuchung, sich als Gegenpol zu den Parteien zu verstehen. Doch mit seinen Überzeugungen hielt er nicht hinter dem Bellevue.

Steinmeier hat ein anderes Temperament und eine andere Vergangenheit als sein Vorgänger. Ihn verbindet mit Gauck, dass die Kanzlerin beide nicht als Präsidenten wollte – was nicht das schlechteste Omen sein muss, wenn man bedenkt, wie die Präsidentschaften von Merkels Favoriten endeten. Kann und will Steinmeier sich im höchsten Staatsamt neu erfinden? Wird der ehemalige Außenminister die Räume nutzen wollen, die Gauck sich in der Außenpolitik eroberte, um insbesondere den Autokraten dieser Welt zu verdeutlichen, dass nicht alle vor ihnen kuschen? Gaucks erfreuliche Klarheit gegenüber den Feinden der Freiheit ist im Auswärtigen Amt nicht immer nur goutiert worden. Nicht nur östliche Nachbarn fanden sie dagegen sehr beruhigend.

Steinmeier sagt man anders als seinem Vorgänger nach, auch noch Autokraten verstehen zu können. In der SPD gilt das als Stärke, anderswo als Schwäche. In der Riege der „starken Männer“ wird nicht nur Putin testen wollen, ob der neue Bundespräsident Vorbote eines möglichen Kurswechsels in der deutschen Politik ist. Erdogan tobt wie ein Brontosaurus durch den Porzellanladen der internationalen Politik. Und in Amerika regiert nun ein „Hassprediger“ (Originalton Steinmeier), der alles im Alleingang regeln will. Die Europäer sind dagegen zerstritten wie ein Hühnerhaufen, der glaubt, es gebe keine Füchse mehr.

Auf Deutschland als Säule der politischen und wirtschaftlichen Stabilität kommt es in diesen unsicheren Zeiten mehr denn je an. Ein solcher Pfeiler trägt seine Last nur, wenn er mit dem Glauben an sich selbst armiert ist. Der Pastor Gauck hat diesen Glauben gestärkt. Es sind große Fußstapfen, in die sein Nachfolger treten muss.

© Matthias Lüdecke, reuters
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Zum Abschied des herausragenden Bundespräsidenten Gauck: Steinmeier tritt in große Fußstapfen.
Quelle: F.A.Z.
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