FDP-Zusammenkunft

Einkönigstreffen

Von Eckart Lohse, Stuttgart
 - 17:59

Der Beifall für den FDP-Vorsitzenden Christian Lindner war auf dem traditionellen Dreikönigstreffen seiner Partei in Stuttgart kräftig. Unter normalen Umständen wäre das so überraschend wie die Wirkung der Erdanziehungskraft gewesen. Doch die Umstände sind nicht normal, seit die FDP die Gespräche mit Union und Grünen zur Bildung einer Regierung beendet hat. Daher dürfte es Lindner gefreut haben, dass er anlässlich der ersten großen Selbstdarstellung seiner Partei nach dem Ende von „Jamaika“ beklatscht wurde, wenn auch von einem Publikum, das ihm gewogen war und größtenteils schon das Alter hinter sich gelassen hatte, in dem man zum Protest gegen Autoritäten neigt.

Lindner brauchte allerdings die Bestätigung nicht. Es dürfte niemanden geben, der die Stimmung in der FDP so gut kennt wie er. Vier Jahre lang, bis zum Herbst vorigen Jahres, hat er tagein tagaus fast nichts anderes gemacht, als das Land zu bereisen und mit FDP-Mitgliedern zu sprechen. Vielleicht kannte Helmut Kohl die CDU ähnlich gut, viele weitere Beispiele dieser Art fallen einem nicht ein. Lindner konnte also vier Jahre lang die Verzweiflung seiner Parteifreunde spüren über das missglückte Regieren mit Angela Merkel und die darauf folgende Zeit ohne Abgeordnete im Bundestag. Er konnte spüren, wie gedemütigt sich die Partei Walter Scheels und Hans-Dietrich Genschers gefühlt hat.

Der Mann, mit dessen Namen die überwältigende Mehrheit der Parteimitglieder die Rettung aus dieser Lage verbindet, hat eine Menge Kredit. Jenseits davon dürften die meisten Freien Demokraten verstanden haben, dass der geradezu rauschhafte Streit, in dem man sich in den Regierungsjahren 2009 bis 2013 aufrieb, mindestens so viel zum lausigen Wahlergebnis 2013 beigetragen hat wie das Ausbleiben inhaltlicher Erfolge. Welcher Wähler vertraut die Führung des Landes schon gerne einem zerstrittenen Haufen an?

Trotz dieser Bereitschaft zur Einigkeit hat es nach Lindners Ausstiegsbeschluss die eine oder andere Bemerkung gegeben, an die man sich vielleicht erinnert, sollte die FDP dereinst ihre unselige Tradition zur Selbstzerfleischung wiederaufleben lassen. Damit sind weniger die gemäßigt kritischen Einlassungen der ehemaligen Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger gemeint. Sie spielt in der Partei keine größere Rolle mehr. Aber dass auch aktive Mitglieder der Führungsriege wie Nicola Beer oder Wolfgang Kubicki öffentlich darüber sinniert haben, unter welchen Umständen eine Jamaika-Koalition doch wieder denkbar wäre, hat Lindner sehr genau registriert. Nicht, weil es inhaltlich brisant gewesen wäre, sondern weil überhaupt das Bündnis mit Union und Grünen, dem er gerade das Licht ausgedreht hatte, wieder thematisiert wurde.

Lindner versprach seinen Zuhörern in Stuttgart, das Jahr 2018 werde ebenso „turbulent“ werden wie das vorige. Die FDP sei eben eine Partei „mit eingebautem Nervenkitzel“. Das war nur bei oberflächlicher Betrachtung ein Witz. In diesem Jahr wird in zwei großen Flächenländern gewählt: in Hessen und in Bayern. Sollten die Ergebnisse für die FDP enttäuschend sein und zudem die bundesweiten Umfragewerte weiter abfallen, dann würde Lindner den Helm vermutlich etwas fester schnallen müssen. Doch noch genießt er Heldenstatus.

Quelle: F.A.S.
Eckart Lohse
Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.
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