Zum Tod Helmut Kohls

Ein großer Kanzler

Von Berthold Kohler
 - 20:58

Als Helmut Kohl am 1. Oktober 1982 mittels eines konstruktiven Misstrauensvotums zum sechsten Kanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt wurde, glaubten nicht viele, dass sie Zeugen einer langen und bedeutenden Amtszeit werden würden. Nicht allein Franz Josef Strauß war der Ansicht, dass „dem Oggersheimer“ das Format dafür fehle. Kohl wurde als Provinzler verspottet, der sich schon mit seinem Vorhaben übernommen habe, den Regierungswechsel in einer vorgezogenen Wahl im März des folgenden Jahres bestätigen zu lassen. Das werde die kürzeste Kanzlerschaft aller Zeiten, unkte man damals nicht nur in den Reihen in der Opposition.

Kohl strafte all diese Stimmen Lügen. Er blieb sechzehn Jahre lang Regierungschef, länger als jeder vor ihm und bisher jede nach ihm. Auch seine politischen Leistungen und Verdienste halten den Vergleich mit jedem anderen Bundeskanzler aus. Adenauer war der Kanzler des Wiederaufbaus und der Westbindung, Brandt der Kanzler der Ostverträge. Keiner von beiden konnte aber auch nur davon träumen, „Kanzler der Einheit“ zu werden. Das blieb Kohl vorbehalten, der kein Phantast war, das Ziel der Wiedervereinigung aber auch nicht wie viele seiner Zeitgenossen von der politischen Agenda gestrichen hatte. Anders als andere Politiker musste er im Sommer 1989 nicht erst den Schock überwinden, dass das Undenkbare plötzlich nicht nur denkbar, sondern sogar machbar erschien. Als der Ostblock zerfiel und die Mauer Risse bekam, wusste Kohl die einmalige historische Chance zu nutzen.

Kohl als Verkörperung des verlässlichen Deutschen

Die Voraussetzungen dafür hatte er geschaffen, ohne ahnen zu können, dass sie ihm eines Tages bei der Überwindung der deutschen Teilung hilfreich sein würden. Die wichtigste davon war Vertrauen. Kohl verkörperte für das Ausland nicht mehr den hässlichen, sondern den verlässlichen Deutschen. Ihm glaubte man, dass Deutschland seine Lektionen aus zwei Weltkriegen gelernt hat. Ihm nahm man ab, dass sein Bekenntnis zu einem vereinten Europa tiefster innerer Überzeugung entsprang.

Kohl gehörte der Generation an, die den Zweiten Weltkrieg als Kind erlebte. Er sprach oft davon, wie sehr diese Zeit und das Schicksal seines gefallenen Bruders sein europapolitisches Denken beeinflussten. In dessen Zentrum stand, ganz in der Tradition der Gründungsväter der europäischen Einigung, das Verhältnis zu Frankreich. Nie wieder sollten Umstände eintreten können, in denen sich Deutsche und Franzosen als Feinde gegenüberstehen würden. Die Lösung hieß auch für Kohl: Integration, und zwar unumkehrbare Integration. Die Währungsunion war ihm, da die Politische Union nicht im Bereich des Möglichen lag, die Garantie für diese Unumkehrbarkeit. Eine gemeinsame Währung erschien ihm auch als wirksamstes Mittel, um den Nachbarn die Angst zu nehmen, das wiedervereinigte Deutschland könnte einen neuen Anlauf zur Beherrschung Europas beginnen. Diese Sorge trieb damals sogar enge Verbündete um. Reflexe dieser Angst vor deutscher Hegemonie sind auch in den gegenwärtigen europapolitischen Debatten noch auszumachen.

„Kanzler der Einheit“
Helmut Kohl ist tot
© Reuters, afp

Kohl hatte ein feines Gespür für die Seelenzustände der Partner und Verbündeten. Er wusste ihre Eigenheiten und Eitelkeiten zu nutzen. Wie Adenauer sprach er gerne davon, dass man „die Trikolore dreimal grüßen“ müsse. Doch auch die kleineren Nationen in Europa und ihre Repräsentanten behandelte er wie Ebenbürtige. Dass ein politisch wie ökonomisch kaum ins Gewicht fallender Staat wie Griechenland die EU in eine tiefe Krise würde stürzen können, konnte er sich so wenig vorstellen wie alle anderen.

War es die Verlockung, auf dem Weg zur Politischen Union noch einen großen Schritt machen zu können, die Kohl dazu bewog, 1998 doch noch einmal zur Wahl anzutreten? Oder schlicht die Überzeugung, dass immer noch keiner Europa so gut ausbalancieren und zusammenhalten könne wie er selbst? Für Staatsmänner, die so viel bewegt haben wie Kohl, ist der Ruhestand eine merkwürdige bis beunruhigende Vorstellung. Doch die Deutschen meinten, nach sechzehn Jahren sei es Zeit für einen anderen. Kohl aber machte auch nach der Niederlage noch einmal Karriere: als hochgeachteter „elder statesman“ und gesuchter politischer Ratgeber. Seine Verdienste um die europäische Einigung wurden ihm mit dem Titel „Ehrenbürger Europas“ vergolten. Wo er auch auftrat: Kohl wurde so bejubelt, dass der eine oder andere in der CDU schon dachte, mancher gar befürchtete, „der Alte“ wolle es noch einmal wissen.

Treue und Loyalität gingen ihm über alles

Dann aber kam der Tag, an dem Kohl sich selbst vom Sockel stieß. Mit seiner Weigerung, die Namen der Geber zu nennen, verschärfte er die Parteispendenaffäre bis hin zu dem Punkt, an dem die Partei mit ihrem Ehrenvorsitzenden brach. Diese Entscheidung traf nicht der Parteivorsitzende Schäuble, sondern eine Generalsekretärin namens Angela Merkel, damals auch noch bekannt als „Kohls Mädchen“. Der Artikel, mit dem sie in dieser Zeitung die CDU dazu aufforderte, sich vom Übervater zu lösen, hätte das Ende ihrer politischen Laufbahn sein können. Doch begann mit ihm ein kometenhafter Aufstieg. Merkel bewies damals zum ersten Mal, dass sie nicht Funktionärin war, sondern Politikerin.

Hätte der junge Kohl es anders gemacht? Treue und Loyalität waren ihm überaus wichtig. Doch wenn er von der Notwendigkeit und Richtigkeit einer Sache überzeugt war, ließ er sich von nichts und niemandem beirren. Das galt für den Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz wie für den Oppositionsführer im Bundestag, für den Kanzler des Nato-Doppelbeschlusses wie für den Ruheständler, dem sein Ehrenwort über das Gesetz ging.

Über die Empörung, die ihm deswegen entgegenschlug, ist die Zeit hinweggegangen. Auch seine schärfsten Kritiker mussten einsehen, dass sein Fehlverhalten in der Parteispendenaffäre – den finanziellen Schaden für die CDU glich er mehr als aus – seine politische Lebensleistung nicht verdunkeln kann. Nur das Nobelpreiskomitee behielt seine Scheuklappen auf. Wer aber hat den Friedensnobelpreis verdient, wenn nicht er? Es ist wahr: Kohl hatte Glück. Keinem seiner Vorgänger bescherte die Geschichte eine solche Chance, Deutschland und Europa nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Für Kohl brachte der Zerfall der kommunistischen Regime im Osten sogar die Rettung: Seine Kanzlerschaft hätte, wenn es nach den „Putschisten“ in der CDU gegangen wäre, im Herbst 1989 geendet. Doch selbst seine zaudernden Gegner erkannten damals, dass es auch in glücklichen politischen Konstellationen immer noch einen braucht, der den Willen, den Mut, die Weitsicht und das politische Geschick hat, diese Chancen zu ergreifen und zu nutzen. Kohl brachte das alles mit und noch mehr. Nicht allein in den dunklen Stunden seines Lebens half ihm sein Vertrauen auf Gott.

Einen Politiker wie Kohl gibt es nicht mehr. Mit seiner Kanzlerschaft ging eine Ära der Nachkriegspolitik zu Ende: die Ära der Staatsmänner, deren ganzes Sinnen und Trachten auf ein vereintes Europa gerichtet war, weil sie selbst noch erlebt hatten, was die Europäer einander antun können. Kohl wollte die Einheit Deutschlands in Frieden und Freiheit. Er trug vor achtundzwanzig Jahren wie kein Zweiter dazu bei, dass den Deutschen dieses dreifache Glück zuteil wurde. Es ist ihnen bis heute vergönnt. Kohl wusste die deutsche Einheit kunstvoll mit der europäischen Einigung zu verweben. Er hinterließ seinen Nachfolgern ein gewaltiges politisches Erbe, das auf vielfältige Weise in Gefahr geraten ist. Er führte ihnen aber auch vor, wie man große Ideen so verfolgt, durchsetzt und bewahrt, dass man als großer deutscher Kanzler in die Geschichte eingeht.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kohler, Berthold (bko./Koh.)
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