Inland
Lügendebatte

Wo, zum Teufel, gehts hier zur Wahrheit?

Von Mathias Müller von Blumencron
© dpa, FAZ.NET

Was als Grummeln der Unterlegenen nach der amerikanischen Wahl begann, beschäftigt immer mehr Nutzer der sozialen Medien, spaltet die Belegschaft von Facebook und weitet sich zu einer der grundlegendsten Diskussionen um die digitale Kommunikationssphäre aus. Gibt es eine Verantwortung der großen Online-Plattformen, nicht nur über die Einhaltung des Strafrechts zu wachen, sondern den Daumen zu heben oder zu senken über legale, aber die Wirklichkeit verzerrende oder verfälschende Inhalte, die ihre Nutzer veröffentlicht, geliked oder geteilt haben? Sollte etwa die Breitbart-Seite, die sich im Wahlkampf als Propagandamaschine erster Güte geriert hat, von den Algorithmen Facebooks und Googles gegenüber der New York Times herabgestuft werden? Kurzum: Sollten Facebook, Google, Twitter und andere die Inhalte ihrer Nutzer durch einen gigantischen globalen Wahrheitsfilter pressen?

Der Begriff der Wahrheit beschäftigt Philosophen, Dichter, kurzum die ganze Menschheit seit Jahrtausenden. Doch kann es sein, dass die ewige Suche nach dem Wahren in der Welt der Plattformen und Codes nichts zu suchen hat? Noch nie standen den Menschen so machtvolle Technologien zur Verfügung, um sich zu informieren und zu kommunizieren. Doch selten war die Verwirrung so groß. Während die ersten großen Plattformen des Internetzeitalters, die Suchmaschinen, den Nutzern noch möglichst treffende Antworten auf die großen und kleinen Fragen des Lebens liefern wollten, wird das Netz seit einiger Zeit von anderen Mechanismen geprägt: von Kommunikationsnetzwerken, deren Zweck nicht Informationsbeschaffung ist, sondern Emotionsverschaffung. Wer Facebook mit einem Auftrag für Aufklärung, Bildung oder gar Wahrheitsfindung versehen will, hat das Wesen des Netzwerkes verkannt, ja, er würde es vermutlich sogar zerstören.

Der Erfolg von Facebook und anderer sozialer Netzwerke liegt in seiner bedingungslosen Konfiguration auf die Bedürfnisse und die Psyche der Nutzer hin. Mark Zuckerbergs Urversprechen ist es, ihnen all das zu liefern, was sie als relevant für sich empfinden. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Sein Werk ist das Gegenteil von Journalismus, es ist eine Software, die einen wahren Kult der Subjektivität betreibt, eine nie dagewesene Personalisierung der Weltsicht. Bei Facebook ging es noch nie um Aufklärung oder Wahrheit, für Zuckerberg offensichtlich irrelevante Kategorien, sondern um Identifikation, um Zugehörigkeit, um die Wärme vermeintlicher Freundschaften.

Der Unterschied zu den knorrigen Verlagsgründern des vergangenen Jahrhunderts, die ihre Leistung noch primär als ein großes „Unternehmen Aufklärung“ verstanden, könnte kaum größer sein. Auch klassische Medien beeinflussen ihre Leser und damit deren politische Entscheidungen, etwa durch als solche gekennzeichnete Kommentare und Meinungsbeiträge, mit denen Nachrichten und Berichte ergänzt werden. Doch Facebook wollte nie Redaktion sein, sondern eine Technologie der Erregung.

Hauptsache Wahrheit? Mit diesem Anspruch ist Mark Zuckerberg mit seinem Netzwerk Facebook aus gutem Grund nie angetreten.
© dpa, FAZ.NET

Der historische Zufall wollte es so, dass Facebook ausgerechnet in einer Zeit erfunden und entwickelt wurde, in der Enttäuschung, Zorn und Wut dramatisch anstiegen. Durch die Mechanismen der Netzwerke werden, das haben etliche Untersuchungen ergeben, extreme Ansichten verstärkt, gedämpfte Stimmen der Vernunft eher abgewürgt. Historiker werden schon bald darüber streiten, ob Facebook die Wut in die Gesellschaften des frühen 21. Jahrhunderts getragen hat – oder die Gesellschaften die Wut in Facebook.

Mindestens seit der Finanzkrise, die in den Vereinigten Staaten nur noch die Große Rezession genannt wird, weil sie Millionen um Ersparnisse, Pensionen und Status gebracht hat, sind Verzweiflung und Frust in der Gesellschaft mächtig gestiegen. Vielen Menschen geht es nicht mehr darum, die komplexe Welt besser zu verstehen, sondern jenen zu folgen, die einen Ausweg aus dem Schlamassel versprechen. Statt um Verständnis geht es um Zugehörigkeit, statt um Rationalität um die Wärme des Schwarms. Das ist nur allzu menschlich. Immer wieder gab es solche Zeiten, zuletzt war es die linke Rebellion in den sechziger und siebziger Jahren. Nur gab es damals noch kein Internet. Das Facebook der Achtundsechziger war die Wohngemeinschaft, das Audimax oder die Demonstration. Der Wahrheitsfindung dienten die Sessions in jenen Jahren nur selten, viel wichtiger war die Selbstverortung.

Sollte Facebook Gütesiegel für verlässliche Quellen vergeben?

Allerdings hat Facebook über die Jahre einen immer medialeren Charakter bekommen. Freundesnachrichten werden genauso geteilt wie Erzeugnisse von Bloggern und Webseiten professioneller wie zweifelhafter Herkunft. Aber hat Facebook damit nicht auch zusehends eine ähnliche Verantwortung für die Richtigkeit der Geschichten wie führende Redaktionen und TV-Nachrichtensendungen? Sollten Facebook und Google an Nutzer, Blogger und Redaktionen Gütesiegel vergeben, ähnlich wie es Amazon-Rezensenten aufweisen?

Die Frage berührt ein heikles Terrain, das juristisch bisher kaum ausgeleuchtet wurde. Aufgrund seiner überragenden Rolle – Facebook hat allein in Deutschland über 21 Millionen tägliche Nutzer – kann das Netzwerk eigentlich nicht einfach nach Gutdünken Beiträge sperren oder Nutzer verbannen, solange sie sich im juristisch zulässigen Rahmen artikulieren. Es gibt weder eine Gesetz gegen Propaganda noch gegen das Erfinden von Nachrichten, zumal sich derartige Aktivitäten oft im satirischen Bereich abspielen, wie etwa bei der außerordentlich erfolgreichen Seite „Der Postillon“.

Selbst die „basic facts“ sind Interpretationssache geworden

Facebook müsste also allgemeingültige und transparente Regeln für Wahres und Gefälschtes definieren, genauso wie es ein Reglement – mit einiger Unsicherheit – für die Grenzen der Nacktheit aufgestellt hat. Aber wem sollte das gelingen, wenn es noch nicht einmal die Philosophen in den vergangenen Jahrtausenden geschafft haben? In einer Umfrage, die das amerikanische Pew Research Center kürzlich in den Vereinigten Staaten durchführte, gaben 81 Prozent der Befragten an, dass sich die Gesellschaft nicht nur über die richtige Politik in die Haare bekommen hat, sondern auch über „basic facts“. Das Internet hat eben gerade nicht dazu beigetragen, dass sich die Menschheit schneller auf den richtigen Weg einigt, weil sie besser informiert ist, wie es die frühen Digital-Utopisten vorausgesagt hatten.

Politische Brandstiftung mit selektierten News, Halb- und Unwahrheiten: Steve Bannon, der lange für Breitbart News verantwortlich war, ist  Strategieberater von Donald Trump geworden. Mehr Anerkennung für Propagandaarbeit mit journalistischem Umhang geht kaum noch.
© AP, FAZ.NET

Im Gegenteil: Viele ausgeprägte Mechanismen der Online-Welt – und nicht nur die von Facebook – arbeiten der Aufklärung entgegen. Ein „Marktplatz der Ideen“ sollte das Internet einstmals werden. Heute ist es ein Marktplatz der Schreihälse und Fälscher. Das Netz hat zu einer Explosion von Stimmen, Autoren und Medien geführt. Ein Wutausbruch, eine flammende Rede des Zorns, eine machtvolle Äußerung der Emotion, so tickt nun einmal die menschliche Psyche, erreicht viel mehr Leser als eine nüchterne Abwägung von Fakten und Argumenten.

Das Internet ertrinkt in Fotos und Videos – doch viele davon sind manipuliert. Was früher eine gewisse Kunstfertigkeit verlangte, um unerkannt durchzugehen, übernehmen heute Photoshop und zahllose Bildbearbeitungswerkzeuge in Apps und Programmen.

Wut erzeugt mehr Klicks

Dazu kommen die kommerziellen Mechanismen. Um die Verbreitung falscher Nachrichten hat sich ein regelrechtes Medienkleingewerbe gebildet. Die Verantwortlichen, die oftmals einen ganzen Strauß von Webseiten mit falschen News füllen, verdienen mit der Vermarktung der Klicks auf ihren Webseiten an Werbetreibende nicht selten mehrere zehntausend Dollar pro Monat. Deshalb war es im Wahlkampf finanziell lohnender, für die Trump-Wähler zu schreiben, also Fake News über Hillary und ihre Anhänger zu verbreiten, als für die Demokratin. Die Erklärung: Die größere Erregung der Trump-Anhänger ließ sie eifriger die falschen Meldungen teilen oder retweeten. Wut erzeugt mehr Klicks – und damit die besseren Vermarktungserlöse.

Versuche der großen Plattformen, allgemein gültige Qualitätskriterien für Inhalte zu definieren, sind bisher nicht weit gekommen. In dieser Woche haben Facebook und Google eindeutigen Fake-News-Seiten die Nutzung ihrer Anzeigennetzwerke versagt und damit die Finanzierung erschwert. Doch sind diese Schleudern der Unwahrheit nur ein kleiner Teil des Problems. Über Jahre hat das rechte Netzwerk Breitbart mit selektierten News, Halb- und Unwahrheiten politische Brandstiftung begangen. Nun ist der Chef Steve Bannon Strategieberater von Donald Trump geworden. Mehr Anerkennung für Propagandaarbeit mit journalistischem Umhang geht kaum noch.

Das Trust Project von Google, das von Algorithmen verarbeitbare Kriterien für journalistische Qualität definieren wollte, ist steckengeblieben. Facebook schafft es noch nicht einmal, eindeutig strafbare Beleidigungen und Verleumdungen sicher herauszufiltern. Auch Twitter hat zwar in den vergangenen Tagen ein paar radikale Rechte aus seinem Netzwerk geworfen, bleibt ansonsten aber eine Gerüchteschleuder ohnegleichen.

Die digitale Welt ist nicht besser als die analoge

Das Problem ist am Ende nicht das Internet, es ist nicht Facebook oder Twitter. Die digitale Welt ist schlichtweg nicht besser oder schlechter als die analoge. Sie stellt Brillanz heraus, macht die Errungenschaften von Wissenschaft und Kultur weltweit zugänglich. Aber sie verstärkt eben gleichermaßen auch die Schattenseiten.

Zahllose Untersuchungen haben nachgewiesen, dass der Mensch Informationen nicht nach rationalen Kriterien auswählt, sondern nach Bequemlichkeit. Wir schätzen Bestätigung, wir vermeiden komplexe Herausforderungen, schon allemal, wenn sie uns widerlegen. Genau danach hat Zuckerberg in brillanter Weise den Algorithmus von Facebook modelliert. Er ist fast so menschlich wie einstmals ein kochendes Audimax.

Quelle: FAZ.NET
  Zur Startseite

Themen zu diesem Beitrag:
Mark Zuckerberg | Breitbart News | Facebook | Google | New York Times | Twitter | Wahlkampf