Mainzer Einheitsfeier

Bürgerfest in der Hochsicherheitszone

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Mainz gilt als lebendige, tolerante und lebensfrohe Stadt, doch für die Feier zur Deutschen Einheit wurden große Teile der Innenstadt in ein Sperrgebiet verwandelt. Zahllose Absperrgitter, Polizisten mit teilweise schwerer Bewaffnung und Betonsperren machen die Wege für viele Festbesucher zu einem Hindernislauf.

„Wir sind seit 14 Jahren bei jedem Fest zum Tag der Deutschen Einheit dabei, aber so drastisch wie in Mainz haben wir das noch nie mit der Sicherheit erlebt“, sagt der 75 Jahre alte Hans Brinkmann aus Oerlinghausen bei Bielefeld. Zusammen mit seiner fünf Jahre jüngeren Frau Irmtraut hat er sich an einer Absperrung auf dem Marktplatz in die erste Reihe gestellt, um einen Blick auf Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu werfen. „Ich habe nichts gegen Kontrollen, aber an jeder Ecke wurden wir zurückgeschickt“, kritisiert Brinkmann.

„Eher ein Polizeifest“

Vor einem Jahr hatten nationalistische Demonstranten am Tag der Deutschen Einheit in Dresden Politiker als „Volksverräter“ beschimpft. Brinkmann sagt, daraus seien die falschen Schlüsse gezogen worden. Die Bevölkerung dürfe nicht ausgegrenzt werden. „Ich habe den Eindruck, dass das hier eher ein Polizeifest ist.“ Die Menge an der Absperrung ist überschaubar, nach fünf Minuten ist die Begegnung der Politiker mit Besuchern des Bürgerfests zu Ende.

Der Ausnahmezustand in Mainz macht den schwierigen Spagat deutlich – zwischen den Anforderungen der Sicherheit einerseits und anderseits dem Wunsch, eine zentrale Einheitsfeier auch mitten in einer Landeshauptstadt auszurichten. Mehr als 4000 Polizisten, Hubschrauber in der Luft, weiträumige Absperrungen: Aus Furcht vor Anschlägen gleichen Teile der Mainzer Innenstadt am Dienstag einer Hochsicherheitszone. Insbesondere das Gebiet rund um den Dom, Wahrzeichen der Stadt und Stolz der Mainzer. Doch das mächtige Gotteshaus war zumindest stundenweise nur Kulisse für geladene Gäste.

Während des Gottesdienstes und des Festaktes in der nahegelegenen Rheingoldhalle sollen die unmittelbaren Anwohner nicht auf ihre Balkone gehen und die Fenster geschlossen halten. Auch Banner oder Plakate sind nicht erlaubt. Selbst akkreditierte Journalisten, die einen zusätzlichen Sicherheitscheck absolvieren müssen, dürfen sich in der Sicherheitszone nicht frei bewegen.

Der immense Sicherheitsaufwand weckt in Mainz Erinnerungen an den Besuch des damaligen amerikanischen Präsidenten George W. Bush im Februar 2005. Als Bush in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Bundeskanzler Gerhard Schröder traf, waren große Teile von Mainz eine Geisterstadt mit zugeschweißten Gullydeckeln und Scharfschützen auf den Dächern.

Etwas freier geht es auf dem Bürgerfest außerhalb des Sicherheitsbereichs zu – doch auch dafür gelten ganz besondere Vorkehrungen. Die Polizei überwacht das Fest mit Videokameras. Müllwagen und Absperrungen aus Beton wurden in Einfallstraßen gestellt, um ein Szenario wie in Nizza oder Berlin zu verhindern, als Terroristen mit Lastwagen in Menschenmengen rasten.

Durch die Sicherheitskontrollen gelotst werden die Mitglieder von Bürgerdelegationen. Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender gehen vor dem Gutenbergmuseum auf die Fähnchen schwingenden Menschen zu, schütteln Hände. Die anderen Vertreter der Verfassungsorgane winken ihnen freundlich zu.

Einheitsfeier in Mainz
Steinmeier: „Not darf uns niemals gleichgültig sein.“
© BABANI/EPA-EFE/REX/Shutterstock, Reuters

„Alles abgesperrt“

Die Mainzerinnen Hannelore und Edith, beide mehr als 80 Jahre alt, stehen am Morgen am Bahnhof, um die Stadt zu verlassen. „Wir flüchten“, sagt Hannelore und lacht. Es sei alles abgesperrt, und in ihrem Alter möchte sie nicht mehr „lange stehen und dann doch nichts sehen“. Edith hätte sich zwar gern die Zelte der Bundesländer auf dem Bürgerfest angeschaut, aber dann hat sie sich lieber für eine Wanderung entschieden.

Etwa 500 Menschen sind auf den Mainzer Marktplatz gekommen. Sie applaudieren freundlich, als Steinmeier und Merkel zusammen mit ihrer rheinland-pfälzischen Gastgeberin Malu Dreyer (SPD) aus dem Dom kommen. Während die Politiker Hände schütteln und sich für Selfies fotografieren lassen, wird es still auf dem Platz. Nur einige Sänger vom Manita-Gospelchor aus Heidelberg sind zu hören mit: „All we need is love!“

Quelle: dpa
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