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Der perfekte Murks

Von Volker Zastrow
 - 15:43

Es wird wohl dauern, bis man voll und ganz erfasst, welche Schneise moralischer Verwüstung Martin Schulz in die politische Landschaft der Bundesrepublik geschlagen hat. Und das in gerade mal einem Jahr. Es ist umso schwerer zu begreifen, weil Schulz schon vor geraumer Zeit in der deutschen Medienlandschaft nahezu jedermanns Liebling war. Obwohl er aus den politischen Abklingbecken in Straßburg und Brüssel stammte. Martin Schulz, das war eine charismatische Ausnahmeerscheinung, die Leben in die deutsche, immer etwas betuliche Bude brachte. Angesehen und erfolgreich, wirkte er nicht wie ein Karrierist, sondern wie jemand, mit dem man gerne mal zusammensitzt: offen, geradeheraus, belesen, vielseitig interessiert und voller Leidenschaft. Ein brillanter Redner, dem man gern zuhörte. Und der auch zuhören konnte. Viele haben ihm viel zugetraut. Damals, vor drei, vier Jahren.

Jetzt, nach nicht einmal einem Jahr Schulz, ist die SPD nahezu schrottreif. Vielleicht kann sie sich in die Groko retten, womöglich mit Glück, Geschick und Arbeit die Schäden reparieren. Wahrscheinlicher ist, dass Schulz in dieser Woche, durch die letzten seiner vielen besinnungslosen Handlungen, nun auch den Mitgliederentscheid auf Crash programmiert hat. Jetzt kann wirklich jeder behaupten, den Leuten an der SPD-Spitze gehe es nur um ihr persönliches Wohl, um Posten und Privilegien. Das ist zwar nicht wahr. Doch Schulz hat mit aller Macht erzwungen, dass es in den Koalitionsverhandlungen zuletzt nur noch um dieses eine Thema ging. In Wirklichkeit um ihn. Das ist es, was all seine wichtigen Entscheidungen verbindet. Mit kybernetischer Präzision hat Martin Schulz als Parteichef aus der 360-Grad-Fülle der Möglichkeiten jedes Mal die eine Winkelminute gewählt, mit der er den meisten Schaden anrichten konnte – und ihn tatsächlich auch angerichtet.

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Quelle: F.A.S.
Volker Zastrow
Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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