Messerattacke in Hamburg

„Der Terror wird auch zu euch kommen“

Von Matthias Wyssuwa, Hamburg
 - 22:28

Als er das erste Mal an dem Tag seiner Tat den Edeka in Hamburg betrat, passierte nicht viel. Er kaufte ein Toastbrot und ging wieder hinaus auf die Straße. Er stieg in einen Bus und verließ diesen wieder. Ahmad A. hatte zwei Tage zuvor entschieden, sich vom Weltlichen zu lösen. An diesem Freitag Ende Juli war er dann zur Ausländerbehörde gegangen, zum Sprachkurs und auch in die Moschee zum Freitagsgebet. Erst an diesem Tag soll der Entschluss zur Tat gefallen sein. Schließlich stand er wieder vor dem Edeka und ging zum zweiten Mal hinein.

Die Tat von Ahmad A. hat Hamburg tief bewegt. Der abgelehnte und ausreisepflichtige palästinensische Asylbewerber hatte in dem Supermarkt im Stadtteil Barmbek einen Mann erstochen und fünf weitere Menschen verletzt, bis schließlich Passanten ihn aufhielten. Ein „radikal-islamistischer Hintergrund“ liegt nahe, wie es die Bundesanwaltschaft formulierte. Sie ermittelt in dem Fall. Die Hamburger Behörden kannten Ahmad A. schon lange. Mal fiel er durch radikale Äußerungen auf, mal durch seine psychische Labilität. Im Innenausschuss der Bürgerschaft hat nun Innensenator Andy Grote (SPD) zusammen mit den Chefs der Hamburger Sicherheitsbehörden fast vier Stunden lang zusammengetragen, was über den Fall bekannt ist. Die Teile fügen sich zu einem tristen Bild. Bezeichnend ist dafür die Äußerung von Grote zu Beginn: „Ja, es hat Fehler der Sicherheitsbehörden gegeben.“Aber: Es spreche nicht allzu viel dafür, dass ohne die Fehler eine Verhinderung der Tat gelungen wäre.

Sicherheitsbehörden wussten von Auffälligkeiten

Ahmad war schon lange durch Europa gereist, bis er schließlich in Deutschland eintraf. Überall auf der Suche nach Asyl, stets ohne Erfolg. Von Dortmund aus wurde er dann nach Hamburg geschickt. Am 11. Mai 2015 stellte er seinen Asylantrag. Am 23. November 2016 lehnte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge den Antrag als unzulässig ab. Schließlich hatte er es auch in Norwegen schon versucht. Die Frist für den Rücknahmeantrag wurde um einen Tag überschritten. Ahmad A. blieb in Hamburg. Ihm wurde eine Duldung zugesprochen, da eine Ausreise wegen fehlender Passpapiere nicht möglich war. Die Duldung wurde bis zum 4. August 2017 verlängert. Im Edeka stach er am 28. Juli zu.

Kritisch für die Hamburger Sicherheitsbehörden ist, dass sie sehr früh von A. erfahren haben. Lange vor der Tat. Zum ersten Mal am 1. April 2016. Ein Hinweisgeber meldete sich am Hauptbahnhof bei der Polizei. A. sei ein Bekannter, zusammen habe man Haschisch geraucht und Alkohol getrunken. Nun aber habe sich A. zum IS bekannt. Der Staatsschutz des Landeskriminalamts wird am 3. April informiert. Doch der Hinweisgeber gab den Namen von A. in zwei verschiedenen Varianten an. Aufgrund der Schreibweise konnte er nicht identifiziert werden. Zudem wurde „der Vorgang“ erst am 29. August 2016 vom Landeskriminalamt an das Landesamt für Verfassungsschutz übermittelt. Dort glich man die falschen Personalien mit den vorhandenen Daten ab. Man fand nichts.

Man vereinbarte eine Befragung des Hinweisgebers. Am 15. September fand sie statt. Der Hinweisgeber sagte, er habe Veränderungen bei A. festgestellt und Missionierungsversuche. Er bereite die Ausreise vor. Der Hinweisgeber schätzte A. aber als Schwächling ein. Er hatte auch ein Whatsapp-Bild des späteren Attentäters dabei. So gelang endlich die Identifizierung. Es dauerte also mehr als fünf Monate, bis die Sicherheitsbehörden wussten, auf wen man sie da eigentlich hingewiesen hatte. Auch mit dem richtigen Namen aber fand sich nichts in den Daten. Die Kontakte in der salafistischen Szene wurden befragt. Niemand kannte A. Er wurde als „Verdachtsfall Islamist“ in die Datenbank aufgenommen. Grote sagte dazu im Innenausschuss, der erste Hinweis sei nicht so schnell und gründlich bearbeitet worden, „wie man das hätte erwarten können“.

Doch auch als die Behörden A. zweifelsfrei identifiziert hatten, blieben Probleme. Besonders schwer taten sie sich offenbar, die tatsächliche Gefährlichkeit von A. richtig einzuschätzen. Das lag auch an den zwei A., die es zu geben scheint. Nicht wegen der falschen Schreibweise diesmal, sondern wegen seines Verhaltens. Im Innenausschuss heißt es, lange Phasen der Unauffälligkeit wechselten sich mit kurzen Phasen der Auffälligkeit ab. A. wird als umgänglich beschrieben. Er habe soziale Kontakte gepflegt. Aus der Ausländerbehörde wird berichtet, er sei hilfsbereit gewesen, auch bei der Beantragung der neuen Papiere. Er habe betont, man könne in allen Ländern nachfragen, in denen er war. Nie habe er sich etwas zuschulden kommen lassen. Als der Verfassungsschutz ihn am 3. November 2016 direkt befragte, sei er freundlich aufgetreten. Als es um den Islam ging, sei er in Tränen ausgebrochen. Er unterliege keiner „bad influence“, keinem schlechten Einfluss.

Grote: „Müssen an Früherkennungsfähigkeiten arbeiten“

Es hätten sich weder Hinweise auf eine Einbindung in salafistische Netzwerke ergeben noch „eine Affinität zur entsprechenden Ideologie“, heißt es in der Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage der CDU-Fraktion. Es wurde aber eine „psychische Auffälligkeit“ vermerkt. Hinweise über Auffälligkeiten gibt es noch weitere: am 18. November meldete sich die Mitarbeiterin eines Flüchtlingscafés und berichtete, A. laufe im weißen Gewand herum und habe gesagt: „Der Terror wird auch zu euch kommen.“ Im Dezember gab es eine Meldung von der Leitung seiner Unterkunft. A. verhalte sich auffällig, rufe „Allahu akbar“ und trommele an Türen. Im selben Monat wurde auch ein seltsamer Auftritt A.s im Einwohneramt gemeldet.

Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS
Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

Mehr erfahren

Aber ist ein psychisch labiler Mann, der „Allahu akbar“ ruft auch gefährlich? Ein Islamist? Oder eben nicht? In den Sicherheitsbehörden glaubt man im Fall A. offenbar: eher nicht. Eine Fallkonferenz zu A. wurde von einer Sozialeinrichtung angeregt, dazu kam es nicht. Der Verfassungsschutz empfahl dem Landeskriminalamt, den sozialpsychiatrischen Dienst einzuschalten. Das geschah auch nicht. Der zuständige Mitarbeiter habe die nötige Schwelle zur Einschaltung noch nicht überschritten gesehen. Dabei hätte es zur Prüfung der Auffälligkeiten kommen müssen, wird im Ausschuss geäußert. Es folgte eine lange Phase der Unauffälligkeit. Dann stach Ahmad A. zu.

A. hatte sich gleich nach der Tat als Terrorist bezeichnet. Hinweise auf Verbindungen zum IS gibt es keine. Ein Bericht der „Süddeutschen Zeitung“, er habe ausgesagt und angeblich auch einen Lkw als Waffe in Betracht gezogen, wird im Innenausschuss nicht kommentiert. Angemerkt wird nur, A. habe den Entschluss zur Tat eben erst am Tag der Tat selbst gefasst. „Wir müssen an den Früherkennungsfähigkeiten arbeiten“, sagt Grote. Das Landeskriminalamt soll nun nach strikteren Vorgaben einheitlich mit Hinweisen umgehen. Nach einer Woche soll klar sein, ob eine Gefährdung vorliegt. Nach drei Monaten gibt es eine Wiedervorlage. Spät im Innenausschuss sagt Grote zu den neuen Vorgaben: „Wir glauben einfach, dass es das ist, was wir machen müssen, weil es das Einzige ist, was wir machen können.“

Quelle: F.A.Z.
Matthias Wyssuwa - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Matthias Wyssuwa
Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenHamburgBundesanwaltschaftEDEKAISLKASPDVerfassungsschutz