Pakistanischer Atheist

Ein Verdammter in der hessischen Provinz

Von Leonie Feuerbach
 - 15:15

Muhammed Bilal Shah sei ein Verdammter und Ungläubiger, heißt es in einem Drohbrief, der auf dem Campus der Universität Lahore am Schwarzen Brett hängt. Das stimmt, sagt Shah. „Ich wurde als Atheist geboren, so wie jeder Mensch, aber als Muslim erzogen.“ In dem Land, aus dem er kommt, kann schon ein solcher Satz gefährlich sein. Noch viel gefährlicher aber ist es in Pakistan, ein Video zu produzieren, in dem man den Propheten als Kinderschänder bezeichnet. So wie Shah es getan hat. Deshalb hängt dort in Shahs ehemaliger Universität ein Zettel, auf dem seine Hinrichtung gefordert wird – und daneben ein Haftbefehl, unterzeichnet vom Magistrat der Stadt Lahore. Aus dem gleichen Grund lebt der Einundzwanzigjährige mit dem schulterlangen Haar jetzt in einer Flüchtlingsunterkunft in der hessischen Provinz. Wo genau, darf niemand wissen, und auch nicht seinen richtigen Namen. Denn Shah fürchtet als pakistanischer Atheist um sein Leben.

Das selbstgedrehte Video zeigt ihn, den Islam anklagend, vor einer Wand, von der der Putz abbröckelt. Er schwitzt. Dann brutale Videoschnipsel von Enthauptungen und Gewalt gegen verhüllte Frauen, im nächsten Moment, amateurhaft zusammengeschnitten, Werbebilder in Pastelltönen von glücklichen Menschen – die Frauen ohne Kopftuch, die Männer ohne Bart. Shah hat mit der Religion gebrochen und klingt doch wie ein Prediger, wenn er am Ende des 16 Minuten langen Films sagt: „Die Zeit ist gekommen, unsere Augen zu öffnen.“ Für ein Leben ohne Allah.

In China kam er zum Atheismus

Das ist in der Islamischen Republik Pakistan nicht vorgesehen. Zwar gehört der Staat nicht zu jenen zwölf Ländern der Welt, in denen der Abfall vom Glauben unter Todesstrafe steht. Doch die Schmähung des Propheten kann dort mit dem Tod bestraft werden. Zahlreiche Pakistaner wurden deshalb zum Tode verurteilt, auch wenn bislang keines der Urteile vollstreckt wurde; mehr als 50 andere wurden wegen – oftmals konstruierter – Blasphemievorwürfe gelyncht, bevor sie überhaupt vor Gericht gestellt werden konnten. Dieses Schicksal droht Shah, sollte er jemals nach Pakistan zurückkehren.

Heute sitzt der junge Mann in der Eingangshalle eines Asylbewerberheims und erzählt mit leiser Stimme, dass er begann, den Islam in Frage zu stellen, als er ein Leben ohne ihn kennenlernte. Als er 18 war, ging er mit einem Freund in die chinesische Provinz Jiangxi, um Chinesisch zu lernen und Kulturwissenschaften zu studieren. Die Eltern dort, erzählt Shah, ließen ihren Kindern mehr Freiheiten. Die Frauen waren nicht verhüllt, nicht so schüchtern und ängstlich wie in Pakistan: „Als müssten sie sich vor Männern schützen, die Monster sind.“ Zurück in Pakistan begann er, sich über Zwangsehen und Ehrenmorde zu informieren. Er fragte sich, was schlecht sein sollte an Alkohol und an Homosexualität. „Manche Dinge sollte man nicht hinterfragen“, entgegnete ihm seine Mutter. „Wenn du es doch tust, behalte es für dich.“ Shah entdeckte die Schriften der „Neuen Atheisten“ wie Richard Dawkins und Sam Harris. Und er besuchte Internetforen wie „Pakistani Atheists & Agnostics“ im sozialen Netzwerk Facebook. Selbst in diesem geschützten Raum werden die Gruppenmitglieder in Kommentaren beschimpft. Facebook-Nutzer behaupten, die Gruppe sei von einem Inder gegründet worden – denn dem Erzfeind traut man alles zu, um die pakistanische Gesellschaft zu zersetzen.

Shah geht in sein Zimmer, das er sich mit einem Landsmann teilt. Gebetsteppich und -kette liegen neben Deodorant und Haarspray im Regal. „Natürlich beten wir gemeinsam“, sagt Shah nervös. Die anderen Muslime in der Unterkunft dürfen nicht erfahren, dass er Atheist ist.

Einbruch während eines Studienaufenthalts

Das Video, in dem er den Propheten unter anderem als Kinderschänder bezeichnet, habe er als Denkanstoß aufgenommen für die säkulare Diskussionsgruppe, die er mit einigen gleichgesinnten Studenten und Studentinnen gegründet hatte. Warum Gedanken, die man nicht einmal aussprechen darf, auch noch filmisch festhalten? Musste das nicht zu einer Katastrophe führen? Er habe all diese Überlegungen, die er über Jahre hatte, in einem „Werk“ bündeln wollen, sagt Shah. Und er habe niemals geglaubt, dass jemand den USB-Stick finden würde, auf dem es gespeichert ist.

Das passierte dann aber, zumindest erzählt Shah das. Während er über ein akademisches Austauschprogramm im vergangenen Jahr eine Summer School an der Universität Erfurt besuchte, sei das Video auf der Facebook-Seite der mächtigen Studentenorganisation der islamistischen Partei Jamaat-e-Islami erschienen. Später habe er erfahren, sagt Shah, dass das Vorhängeschloss seines Schranks in seinem Wohnheimzimmer in Lahore aufgebrochen worden sei. Jemand habe den pakistanischen Dozenten angerufen, der mit ihm und den anderen Studenten nach Erfurt gereist war. Shah behauptet, dieser Dozent sowie der in Erfurt lehrende Professor für Islamwissenschaften M. hätten ihn daraufhin mit dem Tode bedroht. Der Erfurter Professor habe gesagt, wären sie nicht in Deutschland, sondern in Pakistan, würde er ihn gleich hier in seinem Büro töten.

Der Erfurter Professor bestreitet das allerdings. Er sagt außerdem, er wisse nichts von dem Video. Sondern bloß, dass zwei Studenten, die von der Universität von Lahore für dieses Programm ausgewählt worden waren, verschwunden seien. Einer mit all seinen Sachen, der andere, Shah, Hals über Kopf. Unter der Nummer des Lahorer Dozenten, Professor Muhammad Zakria Zakar, geht zwar jemand ans Telefon, der aber sofort auflegt, als er Shahs Namen hört. Hat der junge Pakistaner es womöglich so eingefädelt, dass das Video just in dem Moment öffentlich wurde, als er sich in Deutschland aufhielt, um hier bleiben zu können? „So wenig ist mir mein Leben nicht wert, dass ich es für Asyl in Deutschland riskieren würde“, sagt Shah dazu. Als Beweis für die Gefahr, die ihm in Pakistan drohe, legt er eine Fotografie eines Haftbefehls gegen ihn vor. Er ist auf den 20. Oktober 2014 datiert.

Freunde in Pakistan auf der Flucht

Unterstützt wird Shah vom Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) und dem Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA). Sie haben den prominenten Frankfurter Flüchtlingsanwalt Victor Pfaff engagiert. Er soll Shah in seiner Anhörung unterstützen und dafür sorgen, dass er in eine Stadt ziehen darf, in der er Deutsch lernen, studieren oder arbeiten und sich als Atheist zu erkennen geben kann. Die Begründung: Shah werde in dem Heim in seiner negativen Religionsfreiheit eingeschränkt. Denn nicht zu beten wäre womöglich auch dort gefährlich für ihn. Pfaff ist zuversichtlich, was Shahs Asylgesuch betrifft. Dass ihm die Todesstrafe droht, ist schon an sich ein Abschiebungshindernis.

Die beiden Verbände, die Shah unterstützen, sind überzeugt, dass verfolgte Atheisten in Deutschland weniger Unterstützung erführen als verfolgte Christen. So seien die meisten Organisationen, die sich für Flüchtlinge einsetzen, christlich geprägt. In Fällen wie jenem der pakistanischen Christin Asia Bibi, die 2010 wegen Blasphemie zum Tode verurteilt wurde, gebe es international einen Aufschrei. „Atheisten sind nicht Teil einer Gemeinschaft, deshalb wird über ihre Verfolgung weniger gesprochen“, sagt Jennifer Zimmermann vom HVD.

Für Shah sind die deutschen Atheisten seine einzigen Ansprechpartner. Gleich nachdem er die Summer School fluchtartig verlassen hatte, suchte er in einem Internetcafé nach atheistischen Gruppen in Deutschland und bat sie um Unterstützung. Mit seiner Mutter und seiner Schwester redet er ab und zu über Skype, der Vater will ihn nicht sprechen „Er denkt, es ist in Ordnung, Menschen zu töten, die vom Glauben abfallen“, sagt Shah.

Einer seiner Freunde aus der Diskussionsgruppe sei von der Universität exmatrikuliert worden und verstecke sich jetzt irgendwo in Pakistan. Er sei von Extremisten verprügelt worden, die von ihm wissen wollten, wo sie den Produzenten des Videos finden könnten. Sicherer als sein Freund fühlt Shah sich selbst 7000 Kilometer von Lahore entfernt nicht. „Es leben vier Millionen Muslime in Deutschland.“ Das hat er gelesen, und er ist überzeugt, dass es keine liberalen Muslime gibt. Er fürchtet sich vor seinen Zimmernachbarn und vor dem pakistanischen Übersetzer, bei dem er den Haftbefehl ins Deutsche hatte übertragen lassen. Und davor, dass eines Tages plötzlich jemand auftaucht, der sich, wie er es formuliert, sein Ticket ins Paradies sichern will. Sein Freund in Pakistan hat ihm erzählt, dass dort angeblich Geld gesammelt wurde, um den pakistanischen Professor wieder nach Deutschland zu schicken und die Strafe zu vollstrecken, die Blasphemie nach pakistanischem Recht verlangt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Feuerbach, Leonie
Leonie Feuerbach
Redakteurin im Ressort Gesellschaft.
Twitter
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenDeutschlandLahorePakistanFacebookAsylFlüchtlingsheimIslamMuslime