Peer Steinbrück

Wenn’s um Geld geht

Von Thomas Gutschker
 - 18:07
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Sparkassendirektoren also. Mit ihrem Gehalt hat Peer Steinbrück das Einkommen der Kanzlerin verglichen und für zu niedrig befunden. Warum ausgerechnet Sparkassendirektoren? Mit denen hat Steinbrück seine eigene, ganz persönliche Geschichte. Er wollte nämlich selbst mal Sparkassenchef werden - genauer gesagt: Präsident des Sparkassen- und Giroverbands in Schleswig-Holstein.

Das ist die Dachorganisation der Sparkassen und der Kommunen sowie Landkreise, die für sie haften. Einen solchen Verband gibt es in jedem Bundesland. Er berät und prüft die Kassen, er vertritt ihre Interessen gegenüber der Landesregierung und den Aufsichtsbehörden. Und er mischt bei allen Strukturentscheidungen mit. Der Verbandschef ist kein Grüßaugust, sondern ein Sparkassendirektor-Direktor. Heide Simonis pflegte als Ministerpräsidentin über die Kassen zu sagen: Die haben das Geld, wir nicht. Die Bilanzsumme der Sparkassen war dreimal so hoch wie der Landeshaushalt.

Mitte August 1998 wurde der Chefposten an der Spitze des schleswig-holsteinischen Verbandes neu ausgeschrieben. Der Gründungspräsident ging nach 25 Jahren in den Ruhestand. Sein Nachfolger wurde von den Bürgermeistern und Landräten vorgeschlagen, mächtige Leute, die den Verwaltungsräten der Sparkassen vorstanden. Namen machten die Runde, zuerst Olaf-Cord Dielewicz, Oberbürgermeister von Flensburg, SPD. Daraufhin schickten von der CDU regierte Kommunen einen Gegenbewerber ins Rennen, Gernot Korthals, Präsident des Landesrechnungshofs mit CDU-Parteibuch. Beide waren gut vernetzt: Dielewicz war Präsident der Versammlung, die über den Kandidaten entschied. Korthals hatte dieses Amt in den achtziger Jahren ausgeübt, als Landrat von Schleswig-Flensburg. Als Letzter warf ein Mann seinen Hut in den Ring, mit dem niemand gerechnet hatte. Genau: Peer Steinbrück.

„Tritt in den Hintern“

Steinbrück war damals Wirtschaftsminister im Kabinett von Heide Simonis. Beide hatten schon lange eine spannungsreiche Beziehung, aber im Juni 1998 waren sie richtig aneinandergerasselt. Steinbrück hatte ein Papier zu den Chancen des Landes in der Ostseeregion lanciert, es ging um engere Zusammenarbeit mit Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern. Er selbst sprach von der Vision eines gemeinsamen Nordstaates. Und verknüpfte das mit einer maliziösen Bemerkung: Das Land könne sich „Klein-Klein auf Pepita-Niveau“ nicht leisten.

Simonis bezog die Bemerkung sofort auf sich, denn sie trug gerne Kostüme mit Pepitamuster, kleines Karo, höchstens ein Zentimeter groß. Sie wusste von Steinbrücks Lästereien in Hintergrundrunden, etwa über ihren „Kaffeekannen-Tick“ - Simonis lebt mit mehreren Hundert solcher Gefäße zusammen. Nun war das Maß voll. Die Ministerpräsidentin ließ sich im „Spiegel“ mit den Worten zitieren, Steinbrücks Spruch sei „weit schlimmer als die vielen Gemeinheiten, denen man in der Politik ständig ausgesetzt ist“. Mit einem „solchen Tritt in den Hintern“ habe sie nicht rechnen müssen. Sie drohte ihrem Minister öffentlich mit dem Rauswurf: Wer glaube, das Ziel eines Nordstaats verfolgen zu müssen, „kann es nicht innerhalb der Landesregierung unter meinem Vorsitz tun“.

Steinbrück steckte in der Klemme. In Kiel war es ein offenes Geheimnis, dass er auf gepackten Koffern saß.Schon im Frühjahr war darüber spekuliert worden, ob er wieder nach Nordrhein-Westfalen zurückgehen würde, wo er einst das Büro von Johannes Rau geleitet hatte. Nun musste er sich fragen, ob er den Zeitpunkt seines Abschieds noch selbst bestimmen konnte. Was in Düsseldorf passierte, hing vom Ausgang der Bundestagswahl ab, und die war erst Ende September.

Hunderttausend Mark mehr als die Regierungschefin

Ein SPD-Landrat brachte Steinbrück auf die Idee, von der Politik zur Sparkasse zu wechseln. Simonis erfuhr auf Umwegen davon: In ihrem Sinne war das nicht. Sie wäre Steinbrück dann zwar als Kabinettsmitglied los geworden, aber er wäre nicht wirklich weg gewesen, sondern in einer einflussreichen Position, von der aus er in ihren Machtbereich hätte hineinwirken können. Es ging damals um eine Menge: Die vielen kleinen Sparkassen in Schleswig-Holstein wurden zu größeren Instituten verschmolzen, die Landesbank fusionierte mit ihrer Hamburger Schwester, die öffentlich-rechtliche Provinzial-Versicherung nahm einen ähnlichen Weg.

Obendrein galt auch hier: Wenn’s um Geld geht, Sparkasse. Der Verbandschef verdiente 400000 Mark im Jahr, hunderttausend Mark mehr als die Regierungschefin - die das selbst zum Kotzen fand. Und Steinbrück hätte sie es schon gar nicht gegönnt.

So ließ denn die Ministerpräsidentin ihren Rivalen gegen die Wand preschen. In der Versammlung des Sparkassen-und Giroverbands war Steinbrück chancenlos. SPD-Mann Dielewicz hatte eine klare Mehrheit beisammen - und die volle Unterstützung der Regierungschefin. Damit war die Personalie entschieden. Nur für Steinbrück nicht. Er schien sich ernsthaft Chancen auszurechnen, worüber sich alle anderen Beteiligten bis heute wundern. Immerhin: Steinbrück stammte aus einer Bankiersfamilie, ein Vorfahr hatte die Deutsche Bank mitgegründet. Die Unternehmer im Land mochten den umtriebigen Wirtschaftsminister. Aber all das tat bei der Vergabe des Postens nichts zur Sache. Da ging es um Politik. Eigentlich weiß ein Minister so etwas. Selbstüberschätzung? Im Grunde spielte Steinbrück nicht mal mit, er ließ sich einfach mattsetzen.

Vergiss es, war die Ansage

Denn ruckzuck ging an der Kieler Förde das Gerücht um, Steinbrück werde kandidieren. Steinbrück gab keinen Kommentar ab, wohl aber Simonis. Sie sagte, es sei „höchst bedauerlich“, wenn mit Steinbrück einer der Leistungsträger das Kabinett verlasse. An den nächsten beiden Tagen konnte Steinbrück in den „Kieler Nachrichten“ nachlesen, was seine Parteifreunde über die Kandidatur dachten: Alles, was Rang und Namen in der SPD hatte, tat kund, er solle lieber Wirtschaftsminister bleiben. Ein guter Mann, das war die öffentliche Botschaft. Vergiss es, war die Ansage für den Bewerber.

Und Dielewicz wurde mit Zweidrittelmehrheit gewählt. Mitte September stand Wirtschaftsminister Steinbrück mit leeren Händen da. Ihm war der lukrativste Job durch die Lappen gegangen, den es im Lande zu besetzen gab; und im Kabinett wurde er nur noch ertragen. Simonis hatte ihm eins eingeschenkt - ausgerechnet sie, die er verachtete.

Aber Steinbrück hatte trotzdem Glück, denn zwei Wochen später gewann Rot-Grün die Bundestagswahl, Bodo Hombach wechselte von Düsseldorf an die Seite Gerhard Schröders - und Wolfgang Clement fragte Steinbrück, ob er nicht an den Rhein in sein Kabinett kommen wollte. Steinbrück ging, und mit ihm die Erinnerung an gut verdienende Sparkassendirektoren und an eine bittere Niederlage.

Quelle: F.A.S.
Thomas Gutschker - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Thomas Gutschker
Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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