Piratenpartei

Jung, männlich, gottlos

Von Daniel Deckers
 - 15:43

Im September 2011 wurde in zwei Ländern ein neues Parlament gewählt, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Am 4. September war Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, nach Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung das Schlusslicht unter den neuen Ländern, zwei Wochen später wurde in Berlin gewählt, der größten unter den deutschen Großstädten. Schon mit der Veröffentlichung der Prognosen um 18 Uhr war jeweils klar, dass die FDP in beiden Ländern an der Fünf-Prozent-Klausel gescheitert war. Ansonsten nahm es nicht weiter wunder, dass die Wahlbürger in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin reichlich unterschiedliche Vorlieben hatten - vor allem hinsichtlich der Piratenpartei. In Berlin übertrafen die Piraten mit 130 000 Zweitstimmen und einem Anteil von 8,9 Prozent die kühnsten Erwartungen. Im Nordosten waren auf die Piraten gerade einmal 12 700 Zweitstimmen entfallen. Mit einem Stimmenanteil von 1,9 Prozent gingen die Piraten in der Sammelkategorie „Sonstige“ unter.

Nonkonformistische Urbanität gegen erdenschwere Melancholie - erste Analysen deuteten darauf hin, dass die Piratenpartei ein ureigenes Berliner Gewächs sei: Nach der Bundestagswahl 2005 in Berlin gegründet, im Protest gegen Personen („Zensursula“) und Programme der Bundespolitik (Sperren beziehungsweise Löschen von Kinderpornographie) gewachsen, in der Bundeshauptstadt im September 2009 mit dem besten Landesergebnis weit und breit, jetzt in Berlin erstmals in einem Landesparlament.

Nichts macht so erfolgreich wie der Erfolg

Bis in Kleidung und Habitus der Kandidaten hinein schienen die Piraten als Verkörperung des Lebensgefühls jener ersten Generation von Großstadtkindern. Diese Erklärung hatte freilich nicht lange Bestand. Denn kaum ein halbes Jahr später erzielten die Piraten in der ersten Landtagswahl des Jahres 2012 ein Ergebnis, das sich von dem in Berlin nur in Nuancen unterscheidet. Und das nicht irgendwo, sondern im Saarland, dem kleinsten und sozialstrukturell traditionellsten unter den westdeutschen Flächenländern, gewissermaßen dem Vorpommern des Westens.

Sicher, nichts macht so erfolgreich wie der Erfolg, zumal die Piraten als zunächst ideologisch unbelastete Partei zum Lieblingsthema vieler Medien avanciert waren. Und sicher hatte in Berlin wie im Saarland den Piraten der Umstand Rückenwind verschafft, dass beide Wahlen im vorhinein entschieden schienen. In Berlin war alles andere als eine rot-grüne Koalition praktisch ausgeschlossen, im Saarland hatten sich SPD und CDU vorab auf ein Regierungsbündnis festgelegt. Wer aber in Berlin nicht für einen Senat unter Klaus Wowereit stimmen oder im Saarland „Sie oder Er“ spielen wollte, der blieb zu Hause - oder er zeigte mit seiner Stimme für die Piraten, dass Opposition alles andere als Mist ist.

Auf diesen Gedanken kamen in Berlin wie im Saarland nicht zuletzt Bürger, die an der Wahl zuvor nicht teilgenommen hatten. In Berlin waren nach Berechnungen von infratest-dimap 23000 der 130000 Piraten-Wähler vormalige Nichtwähler, im Saarland 8000 von 35500. Ähnliche Effekte konnten in den Landtagswahlen der zurückliegenden Jahrzehnte bestenfalls populistische beziehungsweise rechtsradikale Parteien von „Statt-Partei“ oder „Schill“ in Hamburg über die „Republikaner“ und die DVU bis zur NPD erzielen. Doch deutet derzeit nichts daraufhin, dass die Piraten es ihnen auch in der Hinsicht gleichtun könnten, dass sie nach wenigen Jahren wieder von der Bildfläche verschwinden.

Avantgardistisch-anarchisch und klassisch links

Es wäre verfrüht, aus der Mobilisierung sogenannter Nichtwähler zu schließen, die Piraten seien vor allem für eine in der Tendenz politikskeptische Klientel attraktiv. Prozentual betrachtet waren in Berlin nur 18 Prozent der Piraten-Wähler vormals abstinent, im Saarland waren es 22 Prozent. Annähernd vier von fünf Wählern haben schon einmal für andere Parteien gestimmt. Doch für welche?

In Berlin fischen die Piraten etwa 22000 Stimmen und damit am ausgiebigsten in der Wählerschaft der „Sonstigen“, auf die in den Stadtstaaten mittlerweile traditionell bis zu zehn Prozent der Stimmen entfallen. 2006 zählte dazu die „WASG“, die damals getrennt von der PDS/Linkspartei angetreten war. Doch nicht nur deren Unterstützer haben im vergangenen Herbst in Scharen die Piraten gewählt. Auch die SPD und die Linkspartei, vor allem aber die Grünen büßten Stimmen zugunsten der Piraten ein - insgesamt 44000. Der „Abstrom“ aus den Reihen der bürgerlichen Parteien CDU und FPD fiel demgegenüber mit zusammen 10 000 Stimmen kaum ins Gewicht.

Mittels dieser Bilanz, so schien es, wären die Piraten und ihre Wählerschaft auf der Links-Rechts-Skala eindeutig zu verorten. Als Partei mit einer Mischung aus avantgardistisch-anarchischen und klassischen „linken“ Programmelementen wie Freiheit im Netz, Grundeinkommen und kostenlosem öffentlichen Personennahverkehr würden die Piraten das politische Spektrum links der Mitte kräftig durcheinanderbringen. Die mit dieser Prognose einhergehende Beruhigung im „bürgerlichen“ Lager währte nur kurz. Nachdem die Piraten im Saarland deutlich liberaler aufgetreten waren, ließ der Erfolg auch rechts der Mitte nicht auf sich warten. Den Saar-Piraten flossen 8000 Stimmen aus den Reihen ehemaliger CDU- und FDP-Wähler zu.

Erinnerung an die Grünen

Diese Attraktivität einer neuen Partei für Bürger aus allen Segmenten des politischen Spektrums ist in der deutschen Parteiengeschichte ungewöhnlich, aber nicht einmalig. Richard Hilmer, den Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstituts infratest-dimap, erinnert der Aufstieg der Piraten an den Aufstieg der Grünen. Anders als in der Rückschau oft vereinfacht dargestellt, seien die Gewinne der Grünen nicht automatisch zu Lasten der SPD gegangen, sagt Hilmer. Ebenso wie die Piraten heute hätten die Grünen ausgangs der siebziger Jahre Themenfelder wie Umweltschutz und Frieden besetzt, die von anderen Parteien vernachlässigt worden, aber auf der links-rechts-Skala nicht eindeutig zu verorten gewesen seien.

Diese Parallele lässt erwarten, dass den Piraten ein längeres Leben als den reinen Protestparteien beschert sein könnte. Mit den Themen Freiheit im Netz und internetbasierte Kommunikation und Partizipation sowie Anklängen an egalitär-anarchische Gesellschaftsmodelle speist sich jedenfalls ein harter Kern von Piraten und ihren Wählern aus einem Lebensgefühl, das die „Generation Netz“ von allen anderen Kohorten unterscheidet.

Den größten Zuspruch fanden die Piraten bei den Landtagswahlen in Berlin und im Saarland unter Männern, und das um so mehr, je jünger diese waren. In Berlin erzielten die Piraten nach Berechnungen der Forschungsgruppe Wahlen unter den männlichen Erst- und Jungwählern im Alter von 18 bis 29 Jahren einem Anteil von 19 Prozent (West 18, Ost 22). Besser stand in dieser Kohorte nur die SPD mit 25 Prozent dar. Dafür schnitten die Piraten unter den männlichen Jung- und Erstwählern mehr als doppelt so gut ab wie im Durchschnitt aller Altersgruppen und klar besser als CDU (16), Grüne (16) und Linke (acht). Unter den weiblichen Wählern dieser Kohorte kamen die Piraten nach SPD (27), Grüne (24) und CDU (14) und „Sonstigen“ (14) mit einem Anteil von elf Prozent (West zehn, Ost 13) freilich nur auf den fünften Platz.

Ein ausgesprochen maskuliner Charme

Als Partei von Männern für Männer jeglicher Couleur einschließlich solcher, die gerne in braunen Gewässern navigieren, erwiesen sich die Piraten auch im Saarland. Dort betrug ihr Anteil unter den männlichen Jung- und Erstwählern mit 22 Prozent das Dreifache des Zuspruchs, den die Piraten im Durchschnitt aller Altersgruppen erhielten. Damit schnitten die Piraten schlechter ab als SPD (26) und CDU (23), aber deutlich besser als Linkspartei (13) und Grüne (sechs). Unter den Frauen gaben immerhin 14 Prozent der Erst- und Jungwähler und damit noch doppelt so viele wie im Durchschnitt aller weiblichen Wähler den Piraten ihre Stimmen. Die Linkspartei kam auf 12, die Grünen mussten sich mit sieben Prozent begnügen.

Der ausgesprochen maskuline Charme der Piraten und ihrer Wählerschaft wundert Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen nicht. Politische Bewegungen seien zumindest in ihren Anfangsphasen oft Männersache gewesen, sagt der Meinungsforscher. So war es bei den Grünen, so war es bei der Linkspartei, und so war es bei den „Republikanern“. Männer seien weitaus häufiger politisch interessiert als Frauen, sagt Jung. Nimmt man das Merkmal „Technikaffinität“ hinzu ist das Bild der Piraten und ihrer Wähler fast komplett.

Der typische Piratenwähler: jung, männlich, konfessionslos

Fehlt nur noch die Beobachtung, dass es sich bei den Piraten-Wählern mehrheitlich nicht um die sprichwörtlichen kleinen Leute handelt - jedenfalls nicht dem Bildungsabschluss nach. Denn überdurchschnittlich gut schnitten die Piraten in Berlin wie im Saarland nur unter den Männern mit Hochschulreife ab - nicht aber mit Hochschulabschluss. Auf fast dramatisch wenig Stimmen kamen die Piraten indes unter Männern mit Hauptschulabschluss. Korreliert man diesen Befund mit den Angaben zu Erwerbsstatus, Berufsgruppe und Konfession, dann ist ein typischer Piratenwähler nicht nur jung und männlich, sondern gehört mit großer Wahrscheinlichkeit keiner Religionsgemeinschaft an und ist trotz Hochschulreife mehrheitlich entweder (schein)selbständig oder arbeitslos.

Wie stark dieses Milieu indes als „diffuse Protestplattform“ (Jung) reüssiert, hängt nach dem Urteil des Mannheimer Meinungsforschers mindestens ebenso sehr von den anderen Parteien und den jeweiligen Wahlkampfkonstellationen ab. In Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen stehen die künftigen Regierungsbündnisse jedenfalls nicht Wochen vor dem Wahltermin fest.

Quelle: F.A.Z.
Daniel Deckers- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Deckers
in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.
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