Diskurs und Wutbürger

Warum wir eine Sprache der Mäßigung brauchen

Von Friederike Haupt
 - 09:21

Die Behauptung, Deutschland gehe es schlecht, bezieht ihre Kraft aus sich selbst. Sie dient dem, der sie ausspricht, nicht dem, von dem sie spricht. Darin gleicht sie dem Ausruf „Du bist doch krank!“ in einem heftigen Streit; man wird das nicht für eine seriöse ärztliche Diagnose halten. Wer so redet, will nicht diskutieren. Wie soll man ihm antworten? Die Frage stellt sich mit Blick auf die politische Debatte in Deutschland, in der zurzeit die Mehrheit der Teilnehmer ernsthaft reden will, eine Minderheit aber gerade das zu verhindern trachtet.

Wer behauptet, Deutschland gehe es schlecht, will Menschen anlocken, die der Ansicht sind, ihnen persönlich gehe es schlecht, und die gern so tun, als sei dies das Problem Deutschlands und nicht vor allem ihr eigenes. Dabei bedient man sich einer Sprache, die durchdringen soll wie ein Alarm.

Es ist eine Sprache der behaupteten Krise; sie täuscht Not durch Hysterie vor. Ein Beispiel dafür ist die Rede, die der Fraktionsvorsitzende der AfD in Thüringen, Björn Höcke, am vergangenen Wochenende hielt. Höcke traf mit einem Teil seiner Partei am Fuße des Kyffhäuser-Denkmals zusammen. Dort behauptete er, seine Partei sei „die letzte evolutionäre Chance für unser geliebtes Vaterland“. Es war die kaum verhohlene Androhung des gewaltsamen Umsturzes, falls die AfD nicht auf anderem Wege an die Macht kommt.

Die überwältigende Mehrheit der Deutschen saß zu diesem Zeitpunkt zu Hause, frühstückte oder bekam wegen eines Katers noch nichts runter, las Zeitung oder spielte Playstation, holte Döner, schreberte im Schrebergarten oder beflaggte in Vorfreude auf die Europameisterschaft den blühenden Balkon Schwarz-Rot-Gold. Man war zufrieden. Höcke aber redete gegen die Zufriedenheit an. Er berief sich auf den Philosophen der AfD, Marc Jongen, der an den Deutschen bemängelt, dass sie nicht zornig genug seien.

Als wolle er seine Worte in die Gehirne tätowieren

Höcke beschwor den „furor teutonicus“. Er sprach, als wollte er dem Publikum seine Worte ins Gehirn tätowieren, zugleich irritierend langsam und mit höchstem Nachdruck: „Die Altparteien sind nicht nur inhaltlich erstarrt, sie sind inhaltlich entartet.“ Die Begriffe „Entartung“ und „Verfall“ standen in der Ideologie der Nationalsozialisten der völkischen Idee gegenüber.

Diese Sprache will alle anderen verstummen lassen. Demokratisch gesinnte Bürger graust es. Sie erschraken auch, als diese Woche der türkische Präsident Erdogan davon sprach, die Bundestagsabgeordneten mit türkischen Wurzeln, die für die Armenien-Resolution gestimmt hatten, hätten „schlechtes Blut“. Ihr Blut solle durch einen Labortest untersucht werden.

Abgesehen vom grotesken Angriff Erdogans auf die Unabhängigkeit deutscher Abgeordneter verstörte seine entgrenzte Sprache. Politische Auseinandersetzung wird von den meisten Deutschen als etwas verstanden, was im Austausch von Argumenten besteht, auch in scharfer Kritik, aber nicht im Ausdruck einer Erregung, die Sätze zwar stark durchblutet, aber nicht durchdenkt. Politiker wie Angela Merkel wurden auch deshalb gewählt, weil sie ihre Worte wägen.

Erschöpft von der Polarisierung

Auch über Wolfgang Schäuble kann man das sagen. Ihm rutscht kein Satz so heraus. Im Interview mit der „Zeit“ äußerte er jetzt mit Blick auf die europäische Flüchtlingspolitik: „Die Abschottung ist doch das, was uns kaputt machen würde, was uns in Inzucht degenerieren ließe.“ Eine sarkastische Bemerkung, mehr nicht. Sie bedient keine Ängste der Deutschen vor Inzucht, denn die hat niemand, und sie grenzt nicht aus, sondern plädiert fürs Zusammenführen. Trotzdem schadet sie der Debatte.

Viele Menschen sind erschöpft von der Polarisierung in der Politik. Sie wollen von Politikern nicht jeden Tag etwas über Blut, Evolution, Volkszorn oder Degeneration hören. Ihr Gefühl ist, dass sie vergleichsweise gut leben und dass die Aggression der Debatte sie nichts angeht. Darum lesen sie „Landlust“ oder schauen internationalen Fußball im Fernsehen; sie sind viel mehr als diejenigen, die Hass verbreiten. Ihnen ist nicht zuzumuten, dass gerade jene, die nicht diskutieren wollen, den Ton des Gespräches bestimmen. Das passiert zum Beispiel dann, wenn ein SPD-Politiker Pegida-Demonstranten als „Pack“ bezeichnet oder ein CDU-Mann „Inzucht“ als drohende Folge europäischer Abschottung benennt.

Die Argumente gegen Abschottung sind stark

Es gibt genug Argumente gegen Abschottung; sie sind so stark, dass man sie ohne Getöse vortragen kann. Und die Deutschen wollen sie hören. Als die Flüchtlinge kamen, wurden sie an den Bahnhöfen herzlich begrüßt. Ihre Feinde saßen zu Hause und hassten vergeblich dagegen an.

Ihre Wut ist am größten auf jene, die sich nicht auf ihr Niveau herab begeben. Zum Beispiel auf Heiko Maas, der einen der ihren mit ein paar klugen Fragen auseinandernehmen kann. Politiker sollten zu denen sprechen, die zuhören; in einem Ton, den auch jene ertragen, die normalerweise gute Laune haben und die nicht gewillt sind, sich rund um die Uhr mit Wut und Gegenwut zu beschäftigen.

Quelle: F.A.S.
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