Ritalin gegen ADHS

Wo die wilden Kerle wohnten

Von Christiane Hoffmann und Antje Schmelcher
 - 12:22
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Jeder zehnte Junge in Deutschland ist krank. Zu wild und zu laut. Er testet ständig Grenzen. Er kann in der Schule nicht stillsitzen, ist ungeduldig, kann sich nicht konzentrieren, er wird wütend und aggressiv. Er stört. Er provoziert, obwohl er es nicht will, er fühlt sich missverstanden. Er bekommt schlechte Noten. Er ist schwierig und anstrengend für Eltern und Lehrer, so schwierig, dass er irgendwann beim Kinderarzt sitzt und die Diagnose bekommt: ADHS, das Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom. Dann ist der Junge nicht mehr schwierig, sondern krank.

Für ein schwieriges Kind gibt es Gründe: überforderte Eltern, eine kaputte Familie, unfähige Lehrer, zu viel Computerspiele und zu wenig Kletterbäume. Wenn ein schwieriges Kind für krank erklärt wird, braucht sich niemand verantwortlich zu fühlen: Krankheiten können genetisch veranlagt sein oder Schicksal oder beides. Keiner kann etwas dafür. Nicht der Junge, nicht Eltern, nicht Lehrer, nicht Umstände. Wer krank ist, bekommt Medizin. Eine Pille, die gesund macht. Für die wilden Jungs gibt es eine Pille, die sie still und aufmerksam macht: Ritalin.

Ein anstrengendes Kind

„Ohne Ritalin bin ich lustiger“, sagt Paul, „aber ohne Ritalin kann ich mit den anderen in meiner Klasse nicht mithalten.“ Seit fünf Jahren legt seine Mutter jeden Morgen die weiße Pille in eine kleine Schüssel neben sein Müsli. „Paul war ein anstrengendes Kind“, sagt sie. Sie trägt Tweed-Kostüm und Perlenkette. Sie stellt ihren Laptop auf den dunklen Holztisch im Wohnzimmer und präsentiert Pauls Krankengeschichte als Power-Point-Vortrag: Schulprobleme, Arztbesuche, ein paar routinierte Klicks. Pauls Mutter ist Werberin. Paul sitzt auf der anderen Seite des Tisches und isst ein Wiener Würstchen. Er hat zehn Stunden Schule hinter sich. Er ist jetzt 16. „Ich bin gern Kind“, sagt er.

Von klein an sollte Paul umfassend auf die Leistungsgesellschaft vorbereitet werden. Er kam in einen bilingualen Kindergarten. Es ging ihm nicht gut dort. Trotzdem wurde er auf der Europa-Schule eingeschult: Die Probleme wurden schlimmer. Paul rastete aus, in der Schule, zu Hause. Einmal, als die Mutter es nicht mehr aushielt, brachte sie ihn zum Vater in die WG. Paul gefiel es dort. „Da war ein Student zu Besuch“, sagt er, „der ist mit mir immer wieder rauf und runter das Einmaleins durchgegangen. Der hat sich richtig Zeit für mich genommen. Da habe ich das kapiert.“ Nach der dritten Klasse bekam Paul eine Sonderschulempfehlung. Seine Mutter fuhr mit ihm ins Krankenhaus und bekam die Diagnose.

90 Prozent der ADHS-Diagnosen sind falsch

Der Spandauer Kinderarzt Ulrich Fegeler kennt das aus seiner Praxis: Oft kommen Eltern mit ihren Kindern zu ihm und wollen die ADHS-Diagnose. Er selbst stellt sie als Kinderarzt nicht aus, sondern schickt Verdachtsfälle zu den Kinder- und Jugendpsychiatern der großen Krankenhäuser. „Ich habe noch niemanden erlebt, der ohne Diagnose zurückgekommen ist“, sagt der Kinderarzt. Noch niemanden.

Ulrike Lehmkuhl, Direktorin der Kinderklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité, beobachtet seit etwa zehn Jahren eine Inflation von ADHS-Diagnosen. Dass sich das Syndrom tatsächlich ausbreitet, hält sie für unwahrscheinlich: „Das ist schließlich kein Virus“, sagt Lehmkuhl. Von zehn Kindern, die mit einer ADHS-Diagnose zu ihr geschickt werden, stellt sie bei neun eine andere Verhaltensstörung oder psychische Erkrankung fest. Kurz gesagt: 90 Prozent der ADHS-Diagnosen sind falsch. Der Diagnosen, nicht der Kinder. Drei Kriterien müssten für eine richtige ADHS-Diagnose zusammenkommen, sagt Lehmkuhl: Impulsivität, Hyperaktivität und ein Aufmerksamkeitsdefizit. „Und das schon seit dem frühen Kindesalter: ADHS, das in der siebten Klasse plötzlich auftritt, gibt es nicht!“

Eine fabrizierte Erkrankung

Noch radikaler sah es der Erfinder von ADHS: der amerikanische Psychiater Leon Eisenberg. In den späten sechziger Jahren hatte er dafür gesorgt, dass die Hippeligkeit und Konzentrationsschwäche, die er bei einigen Kindern feststellte, unter dem Namen ADHS als psychische Erkrankung klassifiziert wurde. Doch als die ADHS-Diagnosen wucherten und die Ritalin-Verschreibungen explodierten, kamen ihm Zweifel. Vierzig Jahre später, kurz vor seinem Tod, gestand Eisenberg dem Wissenschaftsjournalisten Jörg Blech, dass er nicht mehr an ADHS glaubt. ADHS, sagte er, sei „ein Paradebeispiel für eine fabrizierte Erkrankung“.

Keine Krankheit, ein Deutungsmuster: als psychisch krank wird definiert, was gegen bestimmte Regeln verstößt und von Normen abweicht. Diese Normen sind nicht ein für alle Mal festgelegt, sie können sich verändern. ADHS ist ein Jungen-Syndrom. Jungen bekommen die Diagnose viermal so oft wie Mädchen. Sie sind es, die über die Stränge schlagen und gegen Regeln verstoßen. Wer hat sich verändert? Die Jungen? Die Regeln?

„Unsere Systeme sind für Jungen unfreundlich geworden“, sagt Gerd Glaeske, Professor für Arzneimittelversorgungsforschung an der Universität Bremen und ehemaliges Mitglied des Sachverständigenrats für Gesundheit. Jungen, so meint er, wollten risikoreicher leben und sich erproben. Dafür fehlten ihnen aber heute die Freiräume. „Jungen versuchen, Grenzen zu überschreiten“, so Glaeske, „das gilt in unserem System als auffällig.“ Die Toleranz für ein Verhalten, das früher selbstverständlich als jungenhaft akzeptiert wurde, hat rasant abgenommen. „Wenn man sagt, dass Jungen stören, muss man auch über die reden, die sich davon gestört fühlen“, fordert Professor Glaeske.

Meistens sind es Jungs

„Die ADHS-Patienten in meiner Praxis sind ausschließlich Jungen“, sagt der Arzt Ulrich Fegeler, der zugleich Sprecher des Berufsverbandes für Kinder und Jugendmedizin ist. „Aufmerksamkeitsdefizit“ hält er eigentlich für einen irreführenden Begriff. Im Gegenteil seien diese Jungen eher zu aufmerksam. „Jeder Reiz wird wichtig genommen.“ Früher habe es einen großen Bedarf an solchen Menschen gegeben, die in kürzerer Zeit mehr mitbekommen als andere. „Das waren ideale Kämpfer, Jäger und Wächter mit einem besonderen Gespür für ihre Umwelt“, sagt Fegeler, „aber in unserer Gesellschaft braucht man sie nicht mehr.“ Oder glaubt, sie nicht mehr zu brauchen.

Fegeler hält die Begleiterscheinungen von ADHS wie Lese- und Rechtschreibschwächen, Tics und Auffälligkeiten im Sozialverhalten in Wirklichkeit für psychische Reaktionen darauf, wie die Gesellschaft mit diesen Jungen umgeht. „Sie kriegen ständig eins drauf, das macht sie psychisch krank“, sagt er.

Paul nahm zum ersten Mal Ritalin für den Schultest zum Gymnasium. Nun gibt es in Pauls Leben ein Davor und ein Danach. Vor Ritalin habe sie mit Paul kein vernünftiges Gespräch führen und schon gar nicht lernen können, sagt Pauls Mutter. Danach ging alles wie von selbst: „Ich hatte ein neues Kind.“ Jetzt ist Paul kein anstrengendes Kind mehr, nicht für die Mutter, nicht für die Lehrer.

Kinder sollen vorne mitschwimmen

Der Verhaltenstherapeut hatte vorausgesagt, dass Paul mit Ritalin in der Schule eine Note besser würde. Und tatsächlich: Seit Paul die Pille nimmt, kommt er ohne Probleme mit, Vokabellernen und Rechtschreibung haben sich verbessert, die Leseschwäche ist verschwunden. Paul besucht ein privates Gymnasium, das auch ADHS-Kinder nimmt und Rechtschreibung bis zur zehnten Klasse nicht bewertet. Später möchte er Ingenieur werden. Ganz besonders interessieren ihn Bohrtürme auf schwankendem Untergrund. Im vergangenen Jahr wollte Paul das Ritalin absetzen, doch seine Lehrerin fand, so kurz vor dem Abitur sei das nicht der richtige Zeitpunkt. Pauls Mutter glaubt, dass er auch für das Studium Ritalin brauchen wird. „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft“, sagt sie „und ich möchte, dass meine Kinder ganz vorne mitschwimmen.“

Professor Glaeske spricht bei ADHS von „Zuschreibungsdiagnosen“. Sie werden unter gesellschaftlichem Druck ausgestellt, um die Gabe leistungssteigernder Mittel zu legitimieren. Bei ADHS heißt das in der Regel Ritalin, das aus dem Wirkstoff Methylphenidat (MPH) besteht. Seit Anfang der neunziger Jahre hat sich die in Deutschland verschriebene Menge von MPH explosionsartig vervielfacht: von 34 Kilo im Jahr 1993 auf fast 1,8 Tonnen im Jahr 2010. Das ist mehr als die fünfzigfache Menge. Sie landet in den Körpern von Kindern: erst seit April ist MPH auch für Erwachsene zugelassen.

Für die Pharmaindustrie ist MPH ein Goldesel: Sechs Konzerne bieten das Medikament unter verschiedenen Namen auf dem deutschen Markt an. Das Nürnberger Pharmaunternehmen Novartis, das Ritalin herstellt, machte damit 2010 weltweit einen Umsatz von 464 Millionen Dollar. 2006 waren es erst 330 Millionen Dollar gewesen. Darüber hinaus gibt es eine ganze ADHS-Industrie mit meterweise Literatur und speziellem ADHS-Spielzeug.

Verhaltensänderung, aber keine Konfliklösung

Hunderttausende Jungen werden in Deutschland mit Ritalin brav gemacht. Das Mittel ändert ihr Verhalten, den Konflikt löst es nicht. „Das Medikament lindert die Symptome, doch es heilt nicht“, sagt Frau Lehmkuhl. Professor Glaeske schätzt, dass etwa 250 000 Kinder in Deutschland Ritalin einnehmen. Andere Therapien werden vernachlässigt. ADHS sei eine Domäne der Arzneimitteltherapie, warnte Glaeske schon vor vier Jahren. Vier von fünf Kindern mit ADHS würden ausschließlich mit Medikamenten therapiert. Dabei sehen die medizinischen Leitlinien begleitende Verhaltenstherapien vor, mit deren Hilfe die Kinder weitgehend auf Ritalin verzichten könnten. Spätestens nach einem Jahr soll versucht werden, das Medikament abzusetzen: ein sogenannter Auslassversuch.

Doch das ist nicht so einfach. Ritalin, das in hoher Dosierung ähnlich wirkt wie Kokain, macht psychisch abhängig. Wenn Paul die Tablette vergisst, kommt er von der dritten Stunde an nicht mehr mit. Für solche Fälle hat er immer eine Notration Ritalin in seinem Schulranzen. Andere Ritalin-Kinder können ohne Medikament den Stress nicht mehr ertragen. Sie ziehen sich zurück, isolieren sich von ihrer Umwelt. „Wir wissen nicht genau, wie es auf das Gehirn wirkt“, sagt Frau Lehmkuhl. Methylphenidat gilt nicht als Rauschmittel, unterliegt aber dem Betäubungsmittelgesetz, weil es als leistungssteigernde Droge missbraucht werden kann.

„Das Verrückte an dem Zeug ist, dass es eine ganz andere Wirkung hat, wenn man es verpulvert über die Schleimhäute einnimmt“, sagt Paul. Seine Mutter ist entgeistert: „Woher weißt du das?“ – „Das sagt man so“, entgegnet Paul auf seine sanfte Art. Ein zweites Wiener Würstchen lehnt Paul dankend ab. Richtig Hunger bekommt er erst später, wenn die Wirkung des Ritalins nachlässt. Dann hat er manchmal regelrechte Fressattacken. Außerdem schläft er sehr spät ein. Er muss warten, bis sein Körper das Ritalin abgebaut hat. Das sind die Nebenwirkungen von MPH: Schlafstörungen, Essstörungen, Bluthochdruck und vermindertes Wachstum.

Orangensaft im Schulaquarium

Robins Eltern wollen nicht, dass ihr Sohn Ritalin nimmt. „Wir halten unser Kind nicht für krank“, sagt seine Mutter. Robin ist zwölf und trägt einen stoppelkurzen Fußballerhaarschnitt. Er zeigt ein freches Zahnspangenlächeln und blickt dann etwas verlegen in die Runde. So recht weiß er nicht, worüber er nun reden soll, und wackelt stattdessen mit den Füßen am Wohnzimmertisch. Vor ein paar Jahren hat ihm ein Arzt gesagt, dass er ADS hat, aber so genau kann sich Robin darunter nichts vorstellen. Hat er Probleme? Robin zuckt mit den Schultern und sieht seine Eltern an. Geht er gern in die Schule? „Nö!“ Seine Lieblingsfächer? „Pause und Ausfall.“ Robin lacht wieder und lässt dann möglichst unauffällig sein Handy aus der Hosentasche in die rechte Hand gleiten.

Schon sehr früh merkten sie, dass er Probleme hat, etwas ohne Anleitung zu tun. Vom Packen der Hockeytasche bis zu den Hausaufgaben. In der zweiten Klasse wurde Robin auf Empfehlung der Lehrer von mehreren Fachärzten durchgecheckt. Er hatte Orangensaft ins Schulaquarium gekippt und nicht auf die Anweisungen der Lehrer reagiert. Die Diagnose: ADS, ein Aufmerksamkeitsdefizit ohne Hyperaktivität. „Da hatte das mal einen Namen“, sagt sein Vater. „Heute wird der, der aus der Norm fällt, für krank erklärt“, meint seine Mutter. „Als ob Schulversagen eine Krankheit ist.“

Robin bekam Lern- und Ergotherapien. Dann verlangte der Kinderarzt, Robin solle zur Unterstützung der Therapie Ritalin nehmen. Die Eltern weigerten sich. Der Kinderarzt nannte das „unverantwortlich“. Robin bekam keine Therapien mehr. Auch die Nachbarin, deren Sohn seit der ersten Klasse Ritalin nimmt, empfahl das Medikament wärmstens. „Der ist super in der Schule“, sagt Robins Mutter über den Nachbarsjungen. „Dafür ist er einen Kopf kleiner als Robin“, sagt sein Vater.

Ein Gedicht von Jacques Prévert

Robins Mutter hält Ritalin für ein Verbrechen an den Kindern. „Wenn ich meinem Kind ein Medikament gebe, damit es in der Schule besser wird, zeige ich ihm doch, dass ich es ändern will. Dann muss mein Sohn doch denken, dass ich ihn ohne Medikament nicht ertragen kann. Wo steht eigentlich geschrieben, dass ein Kind nicht anstrengend sein darf?“

Weil Robin kein Ritalin nimmt, schaffte er es nur mit größter Mühe auf ein Gymnasium. Für seine Eltern war das gar nicht so wichtig, aber Robin sorgte sich: „Was soll aus mir werden?“ Mit seinen Freunden kann Robin sich jetzt kaum noch treffen, weil er für die Hausaufgaben meist lange braucht. Drei Nachhilfelehrer hat Robin schon vergrault. In der Schule ist er nicht mehr so auffällig. Jedenfalls fühlt sich die Lehrerin weniger provoziert, seit sie von der Diagnose weiß. „Robin hat einen starken Charakter, wie ich“, sagt seine Mutter. Sie ist Künstlerin. „Das kann man doch nicht einfach wegtherapieren.“ Sie findet ihren Sohn in einem Gedicht von Jacques Prévert:

„Mit dem Kopf sagt er nein
Aber mit dem Herzen sagt er ja
Er sagt ja zu allem was er mag
Er sagt nein zum Lehrer
Er steht da
Er wird geprüft
Und alle Aufgaben sind gestellt
Plötzlich ergreift ihn ein irres Lachen
Er wischt alles aus
Die Ziffern und die Wörter
Die Daten und die Namen
Die Lehrsätze und die Fangfragen
Und trotz der Drohungen des Lehrers
Verspottet von den Wunderkindern
Nimmt er alle bunten Kreiden
Auf der schwarzen Unglückstafel
Malt er das Gesicht des Glücks.“

Quelle: F.A.S.
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