Steinbrück in Emden

Sechs Pils, acht Korn und eine Marzipanfigur

Von Eckart Lohse, Emden
 - 21:30

Joke Bruns sitzt im „Grand Café“, erste Etage, hinten rechts in der Ecke. Das Café befindet sich im ostfriesischen Emden, direkt am Stadtpark. Der hat wiederum wenig mit einem Park zu tun, er ähnelt vielmehr einem Marktplatz, allerdings ohne Markt. Es ist ein nettes Café, in das man durch eine hölzerne Drehtür gelangt und in dem sich gemütlich eine heiße Schokolade trinken lässt. Bruns, der eigentlich Johann mit Vornamen heißt, bestellt seine Schokolade erst mit Sahne. Dann korrigiert er die Bestellung: lieber doch ohne. Dabei ist er schlank.

Der Sozialdemokrat, der die SPD-Fraktion im niedersächsischen Landtag anführte, als Gerhard Schröder noch Ministerpräsident in Hannover war, spricht über den niedersächsischen Landtagswahlkampf, über den SPD-Spitzenkandidaten Stephan Weil und über den Kanzlerkandidaten, Peer Steinbrück. Der soll an diesem Freitag abends mit Weil in der Nordseehalle auftreten.

„Musste der das sagen?“

Bruns ist bekannt in der Stadt, unter Genossen allemal. In den letzten Tagen haben sie ihn oft gefragt: „Musste der das sagen?“ Es ging um Steinbrücks Bemerkung kurz vor dem Jahreswechsel, der Kanzler, beziehungsweise die Kanzlerin verdiene in Deutschland zu wenig, gemessen an der Leistung und an den Gehältern, die in andern Berufsgruppen gezahlt würden. Bruns beschreibt das Dilemma. Steinbrück werde in der SPD wahrgenommen als jemand, der seine Kompetenz, besonders auf dem Feld der Finanzpolitik, unter Beweis gestellt habe. Mit seinem Auftritt beim Nominierungsparteitag in Hannover sei das schon vorhandene Zutrauen zum Finanzfachmann ergänzt worden durch das Zutrauen zum Sozialdemokraten Steinbrück. Über die Weihnachtstage habe sich dann eine gewisse Ruhe eingestellt. Und just danach sei der „Wirbelsturm“ wegen seiner Bemerkungen zum Kanzlergehalt losgebrochen. Dennoch ist Bruns überzeugt, dass das Vertrauen der Genossen in Steinbrück nicht gestört sei. „Wir werden einen guten Wahlkampf mit ihm machen.“

Neben Bruns sitzt Jens Hoffmann, der Vorsitzende des SPD-Unterbezirks Emden. Auch zu ihm seien die Leute gekommen und hätten gefragt, ob Steinbrück „das“ denn habe sagen müssen, berichtet er. Diese Fragen seien gestellt worden, gerade weil die Genossen dächten, dass Steinbrück der richtige Kanzlerkandidat sei. Hoffmann beteuert, auf den Landtagswahlkampf habe die Diskussion über Steinbrück keinen großen Einfluss.

Die sozialdemokratischen Gastgeber tun begeistert

Kein großer Einfluss - das bedeutet im Umkehrschluss, dass auch kein unterstützender Schub für Weil vom Kanzlerkandidaten kommt. Die Diskussion über seine Äußerungen zum Kanzlergehalt habe „keine Bremsspuren“ im Wahlkampf hinterlassen, hatte Weil am Freitagvormittag in Berlin vor der Bundespressekonferenz gesagt. Und: „Peer Steinbrück hat die volle Unterstützung der niedersächsischen SPD.“ Aha, so rum ist das also. Die Niedersachsen unterstützen den Kanzlerkandidaten, nicht umgekehrt.

Am Abend ist die Nordseehalle gut gefüllt. Die sozialdemokratischen Gastgeber tun begeistert angesichts der vielen Gäste. Die Angaben variieren, aber mehr als tausend Anhänger und Neugierige sind es wohl. Allerdings wurden auch einige hundert in Reisebussen herangekarrt. Viel silbergraues Haar ist zu sehen. Es gibt Gutscheine für Essen und Getränke.

Steinbrück hat sich gut überlegt, wie er die scharfe Klippe, die er selbst mit seinem Interview aus dem Felsen gemeißelt hat, umschifft. Er stellt sich mit dem Mikrofon in der Hand neben das Rednerpult. Am Pult bestehe doch die Gefahr, dass die Rede zu lang oder zu langweilig werde. Oder dass er Bemerkungen mache, die er anschließend wieder einsammeln müsse. Was das mit dem Rednerpult zu tun hat, bleibt allerdings sein Geheimnis. In den zwanzig Minuten seiner Rede spielt das Thema Kanzlergehalt keine Rolle. Einen einzigen Zwischenruf gibt es dazu von einem Zuhörer, dessen Frisur an Otto Waalkes erinnert. Er verhallt ohne Reaktion.

Steinbrück kündigt an, er wolle über Politik sprechen. Das tut er denn auch. Am Nachmittag hatte er mit Weil ein insolventes Unternehmen besucht, das Fundamente für Offshore-Windanlagen herstellte. Ein großer Arbeitgeber. Steinbrück hat schnell begriffen, was die Menschen in der Region Emden mehr bewegt als seine oder die Einkünfte der Kanzlerin. Ihre eigenen. Deswegen kündigt er gleich an, eine Landesregierung unter Stephan Weil könnte dem insolventen Unternehmen rasch die erforderliche Landesbürgschaft geben.

Steinbrück will sich beliebt machen

Steinbrück geht auf und ab, während er spricht, als wollte er vorführen, wie viel Beinfreiheit er hat. Mal steckt die linke Hand in der Hosentasche, mal gestikuliert er mit dem Zeigefinger, als klopfe er auf eine unsichtbare Tischplatte. Er sagt nichts, was er zurücknehmen oder auch nur erklären müsste. Manchem im Publikum sagt er inhaltlich zu wenig. Ein Kommunalpolitiker mit leuchtend rotem Schal wird nach der Rede bemerken, dass ihm Steinbrücks Auftritt zwar gefallen habe, dass er aber noch mehr Steuererhöhungen hätte ankündigen sollen, weil sonst alles nicht mehr finanzierbar sei.

Steinbrück macht gerne lockere Sprüche, erzählt kleine Anekdoten. So auch am Freitagabend. Er will sich beim Publikum beliebt machen, indem er von einem Essen beim „Nautischen Verein zu Emden“ im März des Vorjahres berichtet. Nach „sechs Pils und acht Korn“ sei er Vereinsmitglied geworden.

Der Kanzlerkandidat fordert bessere Betreuungsmöglichkeiten für Kleinkinder, kündigt den Kampf gegen Steuerhinterzieher an oder die Einführung flächendeckender gesetzlicher Mindestlöhne. Er warnt, dass die politische Gegenseite immer noch das Klischee nähre von den Sozis, die die Steuern erhöhten und die Rasierapparate oder Trockenhauben der Menschen verstaatlichen wollten. „Ich rate uns Sozialdemokraten, sehr sorgfältig mit dem Geld der deutschen Steuerzahler umzugehen“, sagt er. Da blitzt inhaltlich noch mal der alte Steinbrück auf. „Die Schuldenbremse muss eingehalten werden.“

Gegen Ende will Steinbrück dann noch einen Witz machen über das Wahlverhalten. Er zitiert einen Kabarettisten, mit dem Satz „Ich wähle die Partei, die es mir nicht übel nimmt, wenn ich sie nicht wähle.“ Keiner lacht. Er wiederholt den Satz. Es lacht immer noch niemand. Er legt nach. „Ich würde es Ihnen nicht übelnehmen, wenn Sie die SPD nicht wählten. Aber ich würde es Ihnen auch nicht vergessen.“ Nun wird ein wenig gelacht. Angela Merkel macht höchstens einmal im Quartal einen Scherz in einer ihrer Reden. Der sitzt dann allerdings auch.

Am Ende der Veranstaltung sind die Gäste ganz zufrieden. Steinbrück und Weil bekommen einen ordentlichen, keinen spektakulären Beifall. Allerdings dauert der von Weil etwa zwei Minuten, Steinbrück muss mit einer auskommen. Die meisten drängen rasch zum Ausgang. Die Busse warten. Steinbrück und Weil werden noch von Journalisten umringt, ein paar Genossen wollen gemeinsame Fotos oder Autogramme. Einer, der den Auftritt des Kanzlerkandidaten gut fand, sagt, die Interview-Äußerungen zum Kanzlergehalt hätte er sich besser gespart. Besonders aufzuregen scheint ihn die Sache aber nicht. Die hohen Vortragshonorare gönnt er Steinbrück ausdrücklich, gerade weil er den Banken so deutlich die Meinung sage.

Auch Alwin Brinkmann verlässt zufrieden den Saal. Ein Vierteljahrhundert war der Sozialdemokrat Bürgermeister von Emden. Der Mann im karierten Hemd und braunen Pullunder kann nichts besonders Aufregendes an Steinbrücks Bemerkungen zum Kanzlergehalt finden. Ob es „klug“ gewesen sei, sie zu diesem Zeitpunkt zu machen, stellt er immerhin in Frage. Dann kommt er zum Grundsätzlichen. Wenn man einen Mann wie Peer Steinbrück einschmelzen wolle „wie eine Marzipanfigur“, dann werde der eben auch so wahrgenommen. Bruns sagt, wenn Steinbrück erst Kanzler sei, werde er sein Temperament zügeln.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Eckart Lohse
Eckart Lohse
Politischer Korrespondent in Berlin.
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