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Streit um Lutherpreis-Nominierung

Ladiladiho

Von Ursula Scheer
 - 17:13
„Jesus wäre an der Seite von Pussy Riot“, sagt Heiner Geißler. Die Stadt Wittenberg schlug die Punk-Band für den Lutherpreis vor Bild: Illustration F.A.S., Fotos Corbis, epd, F.A.S.

„Hier stehe ich, ich kann nicht anders“, soll Martin Luther 1521 vor dem Reichstag in Worms gesagt haben, als er sich weigerte, seine Thesen zu widerrufen. Mutige Worte, offene Worte, selbst wenn sie historisch nicht verbürgt sind. Die Haltung zählt. Das fand Mitte der 1990er Jahre auch Gernot Fischer, der damalige Oberbürgermeister von Worms. Deutschland war noch ziemlich frisch vereinigt, Luthers 450. Todestag rückte näher, und Fischer hatte eine Idee. In der alten Bundesrepublik hatte stets Worms alle Reformationsjubiläen ausgerichtet. Warum nicht zum gesamtdeutschen Lutherjahr 1996 einen Preis „Das unerschrockene Wort“ stiften, gewidmet dem demokratischen Grundrecht auf freie Meinungsäußerung, getragen von allen 16 mit dem Leben und Wirken Luthers verbundenen Städten in den alten und neuen Bundesländern?

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Alle zwei Jahre können die Bürger der Lutherstädte seitdem Persönlichkeiten vorschlagen, unter denen erst jede Stadt einen Kandidaten und schließlich eine gemeinsame Jury den Preisträger wählt. Er wird immer im Frühjahr des Folgejahres geehrt. Der Geehrte soll, so steht es im Statut, „in Wort und Tat für die Gesellschaft, die Gemeinde, den Staat bedeutsame Aussagen gemacht und gegenüber Widerständen vertreten“ haben. Als Erster erhielt 1996 der evangelische Theologe Richard Schröder den Lutherpreis, der heute mit 10.000 Euro dotiert ist; es folgten unter anderen Hans Küng und zuletzt der russische Journalist Dmitrij Muratow.

Der Preis interessierte niemanden mehr

Doch der Preis für „Das unerschrockene Wort“ ist in die Jahre gekommen; für die Städte scheint er eine Art Wanderpokal, um den keiner sich schlägt, und in Wittenberg war er offenbar schon fast vergessen - bis im September die Nominierung der russischen Punk-Band Pussy Riot die Reformationsstadt aufwirbelte. Jedenfalls Teile von ihr. Denn wer an dem Mittwoch, an dem der Stadtrat darüber abstimmte, ob der Vorschlag doch noch zurückgenommen werden kann, Menschen auf der Altstadtmeile befragte, bekam immer die gleiche Antwort: „Eigentlich interessiert die ganze Debatte hier kaum jemanden.“ Oder auch: „Ich wusste gar nicht, dass es diesen Preis gibt.“

Unter Politikern und Theologen aber brach Mitte September, als der offizielle Vorschlag der Stadt für den Lutherpreisträger 2013 feststand, eine wochenlange Diskussion über die Preiswürdigkeit der russischen Polit-Punkerinnen los. Drei von ihnen waren nach einem regierungskritischen „Punk-Gebet“ in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale festgenommen und des „Rowdytums“ angeklagt worden. Im weltlichen Wittenberg, wo mehr als 80 Prozent der Bevölkerung konfessionslos sind, ging es plötzlich um Gotteslästerung und Meinungsfreiheit, Proteste in Kirchen der DDR, die derbe Sprache Luthers und eine Band, die sich „Mösen-Aufstand“ nennt.

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Ein knappes halbes Jahr zuvor, im April, hatte die Stadt ihre Bürger aufgerufen, Vorschläge einzureichen - wie das so üblich ist in einer Kleinstadt, stand die Aufforderung im Amts- und im Anzeigenblatt. Keine Reaktion. Auch im Juli, als Wittenberg abermals um Beiträge warb, meldete sich niemand: keine Bürger, auch niemand aus Institutionen wie dem evangelischen Predigerseminar oder der Evangelischen Akademie, aus den Vereinen, Parteien oder Stadtratsfraktionen. Der Lutherpreis interessierte wohl niemanden mehr. In zurückliegenden Auswahlverfahren waren immerhin noch vier Vorschläge eingegangen.

Ärger über obszöne Performances

Kurz bevor die Frist am 3. August ablief, ging doch noch ein Vorschlag ein. Eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung nannte Pussy Riot. Damals berichteten die Medien über den Prozessauftakt in Moskau, und es war klar, dass auch den beiden jungen Müttern unter ihnen bis zu sieben Jahre Haft drohten. Madonna solidarisierte sich mit Pussy Riot, Amnesty International und verschiedene Politiker protestierten, und in Wittenberg ging die Kandidatenfindung weitgehend unbeachtet ihren postsozialistischen Gang.

Am 23. August erstellte die Stadtverwaltung eine Beschlussvorlage für den Hauptausschuss, der über den Vorschlag abstimmt. Anfang September lag das Schreiben in den Briefkästen der Mitglieder des Ausschusses: des Oberbürgermeisters, der Vorsitzenden der fünf Stadtratsfraktionen und ihrer Stellvertreter und des Stadtratsvorsitzenden.

Heiner Friedrich List, der die Zwei-Mann-Fraktion Allianz der Bürger (AdB) anführt, blätterte in dem Dokument. Pussy Riot setze sich für das Recht auf freie Meinungsäußerung ein und kritisiere die Verbindung von Staat und Kirche in Russland, hieß es darin. Angehängt war ein Pressespiegel und eine Übersetzung des Protestsongs „Punk-Gebet“: „Mutter Gottes, Jungfrau, vertreibe Putin“, las List, dann „göttlicher Dreck, Dreck, Dreck“. List wunderte sich erst, dann ärgerte er sich, und er ärgerte sich noch mehr, als er später an anderer Stelle las, dass ein Mitglied der Band an obszönen Performances teilgenommen hatte wie einer Massenorgie in einem Museum.

Fünf Ja-Stimmen für Pussy Riot

Auch andere Stadträte waren irritiert. Manche griffen zum Telefon. „Was hältst du denn davon?“, fragten sie ihre Kollegen. Der Vorsitzende der SPD-Fraktion, Reinhard Rauschning, fand, dass die Frauen vor allem Zivilcourage bewiesen. Der Oberbürgermeister Eckhard Naumann, ebenfalls SPD, teilte Rauschnings Ansicht. Stefan Kretschmar von den Freien Wählern hielt den Auftritt von Pussy Riot zwar für provokant. Aber die Gruppe setze sich für Menschenrechte ein. Entsetzt war dagegen Frank Scheurell, der Vorsitzende der CDU-Fraktion. „Die Nominierung dieser Damen ist eine Schande für Wittenberg und für die gesamte Christenheit“, wird der gläubige Katholik später im Stadtrat sagen, als es längst nicht mehr um die Sache geht, sondern nur noch um Verfahrensfragen.

Anfang September waren noch knapp zwei Wochen Zeit bis zur Abstimmung. Scheurell verzichtete trotzdem darauf, einen Gegenvorschlag in den Ausschuss einzubringen: In den vorausgehenden Jahren habe seine Fraktion damit auch nie Erfolg gehabt. Lists Allianz ist im Ausschuss nicht stimmberechtigt, darf aber beraten. Trotzdem entschied sich der Stadtrat, nach Holland zu fahren, statt an der Sitzung teilzunehmen. Sein Stellvertreter lag im Krankenhaus. Nur der Vorsitzende der Linkenfraktion, Horst Dübner, redete mit seiner Frau darüber, ob der Kabarettist Dieter Hildebrandt nicht ein besserer Kandidat wäre.

Als der Hauptausschuss am 13. September zusammenkam, drängte plötzlich die Zeit. 24 Tagesordnungspunkte von Kita bis Nachtragshaushalt standen an. Ob man die Abstimmung über den Lutherpreis nicht vertagen könne, wurde gefragt. Man konnte nicht, eine Frist lief ab. Dieter Hildebrandt war schnell aus dem Rennen, dann war Pussy Riot gewählt: mit fünf Ja-Stimmen, darunter der des Oberbürgermeisters, zwei Enthaltungen und einer Nein-Stimme. Frank Scheurell hatte sie abgegeben.

Die Luft war feucht, die Anzüge längst zerknittert

Am 15. September ging der Vorschlag in Eisleben ein. Wittenberg hätte die Akte Lutherpreis schließen können. Stattdessen ging es jetzt erst richtig los. Als Erster preschte der Menschenrechtler, Theologe und Friedenspreisträger Friedrich Schorlemmer vor, der lange Prediger an der Wittenberger Schlosskirche war und selbst von der Stadt schon einmal für den Lutherpreis vorgeschlagen worden war. „Ein verheerendes Zeichen“ nannte er den Vorschlag, die Aktionen von Pussy Riot seien geschmacklos, verletzend und kontraproduktiv, daran ändere auch das überzogene Strafmaß nichts. Zwei Mitglieder der Band sind inzwischen zu zwei Jahren Straflager verurteilt worden. Pussy Riot sei „nicht preiswürdig“.

Von nun an ging es hin und her. Heiner Geißler sagte: „Jesus wäre an der Seite von Pussy Riot.“ Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ruprecht Polenz (CDU), äußerte sich kritisch, Politiker der Grünen wie der Europaabgeordnete Werner Schulz zustimmend, der Propst der Schlosskirche, Siegfried Kasparick, wieder ablehnend. Die Evangelische Akademie in Wittenberg veranstaltete eine Podiumsdiskussion - und Heiner Friedrich List stellte mit seiner AdB-Fraktion den Antrag, den Beschluss des Hauptausschusses aufzuheben und durch eine namentliche Abstimmung im Stadtrat zu ersetzen.

Bis sich am Mittwochabend im Wittenberger Ratssaal die Stadträte zu Tagesordnungspunkt 16 vorgekämpft hatten, vergingen mehr als zwei Stunden mit Abstimmungen zu Bauvorhaben, Finanzen und der bevorstehenden Lutherdekade. Die Luft war feucht, die Anzüge waren längst zerknittert, und jeder im Saal wusste, dass der Antrag der Bürgerallianz keine Chance hatte. Denn der Hauptausschuss hatte seinen Beschluss weitergeleitet, damit galt die Entscheidung als vollzogen. Vollzogene Beschlüsse aber können nur zurückgeholt werden, wenn etwa grundlegend neue Erkenntnisse vorliegen. Das aber war nicht der Fall.

16 Lutherstädte haben es auf drei Vorschläge gebracht

Und so lehnte der Stadtrat schließlich den Antrag, neu über den Kandidaten für den Lutherpreis abzustimmen, mit großer Mehrheit als unzulässig ab, beschloss aber, dass der Hauptausschuss am 8. November trotzdem noch einmal über den Preis beraten soll. Dann wird es wohl weniger um die Nominierung von Pussy Riot gehen, die zuletzt Margot Käßmann als „guten Vorschlag“ gelobt hatte, sondern darum, dass die Stadt das nächste Mal besser eine Diskussion führen sollte, bevor sie eine Entscheidung fällt. Und nicht erst hinterher.

Am 10. November wählt die Jury der Lutherstädte den Preisträger, am 13. April erhält er seine Urkunde. Neben Pussy Riot stehen ein Stammtisch gegen Rechtsextremismus, der frühere sächsische Stasi-Unterlagen-Beauftragte Michael Beleites und die ehemalige Superintendentin Waltraud Zachhuber zur Wahl. 16 Städte haben es auf gerade einmal drei Vorschläge gebracht - ein Vorschlag stammt vom evangelischen Landesbischof in Bayern. Wittenberg scheint nicht die einzige Lutherstadt zu sein, in der kaum jemand auf der Straße den Lutherpreis kannte. Das wenigstens hat sich nun geändert.

Quelle: F.A.S.
Ursula Scheer
Redakteurin im Feuilleton.
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