Wahlkampf in Großbritannien

Zum Verhör beim Rottweiler

Von Marcus Theurer, London
 - 08:38

Sie nennen ihn den „Rottweiler“ und Jeremy Paxman, der gnadenloseste Fragensteller im britischen Fernsehen, wurde seinem Ruf wieder einmal gerecht. Mit brachialen Attacken malträtierte der Moderator am Donnerstagabend den britischen Premierminister David Cameron und seinen Herausforderer Ed Miliband. Am 7. Mai wird in Großbritannien ein neues Parlament gewählt und das live ausgestrahlte doppelte Interviewtribunal – zuerst musste Cameron zum Einzelverhör durch Paxman antreten, dann Miliband – bildete den Auftakt der heißen Wahlkampfphase.

Selten war eine Wahl auf der Insel so spannend wie diese: Umfragen zufolge ist völlig offen, wer neuer Regierungschef wird. Aller Voraussicht nach bräuchten zudem sowohl der Konservative Cameron als auch der Sozialdemokrat Miliband Koalitionspartner, um sich die Macht zu sichern. In Großbritannien, dessen politisches System durch ein striktes Mehrheitswahlrecht eigentlich auf klare Verhältnisse im Parlament getrimmt ist, gilt das schon als Vorstufe zur Anarchie.

Klar wurde am Donnerstagabend, dass sich dieser Wahlkampf vor allem um ein Thema drehen wird: ums Geld. In den knapp 20 Minuten, die der Fernsehveteran Paxman zum Auftakt den Premierminister in die Mangel nahm, ging es über weite Strecken um Steuern, Staatsschulden, Niedriglöhne und Einsparungen im Sozialwesen. Er werde trotz des gewaltigen Lochs in der Staatskasse die Mehrwertsteuer nicht erhöhen, hatte Cameron diese Woche im Parlament gelobt.

Doch vor Paxman findet er damit keine Gnade: „Vor der letzten Wahl haben Sie mir zweimal ins Gesicht gesagt, Sie würden die Mehrwertsteuer nicht erhöhen und haben Sie es doch getan“, herrscht er den Regierungschef an. Cameron wendet etwas müde ein, damals als Oppositionsführer habe er ja das wahre Ausmaß der staatlichen Finanzsmisere noch nicht gekannt. Doch Paxmann bleibt unbeirrt: „Sie sagten das eine und taten etwas anderes“. Nachdem der Premierminister wiederholt der brisanten Frage ausweicht, wo genau er die nur allgemein angekündigten milliardenschweren Einschnitte im Sozialetat vorzunehmen gedenke, will es der unerbittliche Moderator genau wissen: „Wissen Sie es und wollen es uns nicht sagen, oder wissen Sie es nicht?“

Aber auch Camerons Gegenspieler Miliband dürfte selten so lange 20 Minuten erlebt haben wie während seines Einzelinterviews. Paxmans bohrende Fragen zur Einwanderungspolitik von Milibands Labour Party vermag er nicht recht zu kontern. Doch ganz bitter wird es, als der Fernsehinquisitor auf die durchaus umstrittenen Führungsqualitäten des Oppositionsführers zu sprechen kommt: „Die Leute sagen, Ihr Bruder würde den Job besser machen“ sagt Paxman eiskalt zu Miliband, der seinen älteren Bruder, den früheren britischen Außenminister David Miliband, vor einigen Jahren im Rennen um die Parteispitze ausgestochen hat.

Miliband, der am Anfang noch versucht hat, ein gelegentliches Lachen einzustreuen, ist längst todernst: „Die Leute haben mich immer unterschätzt, sollen sie mich doch ruhig unterschätzen“, blafft er zurück. Zum Glück hat er seine Runde im Ring mit dem „Rottweiler“ da schon fast überstanden. Ganz am Ende des furiosen Fernsehstreits, als der Moderator irrtümlich denkt, die Mikrofone seien schon abgeschaltet, hört man Paxman sein Opfer noch besorgt fragen: „Sind Sie in Ordnung, sind Sie okay?“ Die letzte Antwort des Abends ist ein genervtes: „Yeah“.

Quelle: FAZ.NET
Marcus Theurer - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Marcus Theurer
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
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