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Sturm, Stürmer, Vollidiot

Von Christian Palm
 - 06:33

Nein, für ein Sturmtief gibt es keinen guten Zeitpunkt. Aber „Xavier“ hätte durchaus wann anders über den Norden und Nordosten der Republik ziehen können als mitten im nachmittäglichen Berufsverkehr. Die Schäden des ersten Herbststurms des Jahres sind gewaltig: Viele Bahnstrecken waren den ganzen Abend über gesperrt, in Berlin ging gar nichts mehr. Und das Schlimmste: Mindestens sieben Menschen kamen ums Leben.

Gegen Naturgewalten wie „Xavier“ ist der Mensch machtlos. Was mich viel wütender macht, ist die Dummheit mancher Mitmenschen. Die des Autofahrers zum Beispiel, der gestern auf einer bayerischen Autobahn einen Mann umgefahren und schwer verletzt hat. Der Unfallverursacher ist mit seinem Geländewagen durch eine Rettungsgasse gerast, statt wie alle anderen im Stau zu warten.

Geduld und deren Mangel sind ohnehin die Themen der Stunde. Etwa in Katalonien. Wann werden die Regionalpolitiker die Unabhängigkeit von Spanien ausrufen und wie wird Madrid darauf reagieren? Meine Kollegen von der F.A.Z. Woche analysieren in ihrer Titelgeschichte die unübersichtliche Lage. Ihre Diagnose: Für Europa ist der Konflikt brandgefährlich. Zu kaufen gibt es das aktuelle Heft hier und am Kiosk.

Geduldig sein müssen auch Fußballfans. Noch achteinhalb Monate dauert es bis zum Eröffnungsspiel. Die Quali-Kicks haben die Langeweile nicht unbedingt vertrieben. Die deutsche Nationalelf hatte kaum ernsthafte Gegenwehr zu befürchten. Gestern machte sie den Gruppensieg mit einem 3:1 in Nordirland perfekt. Weitere Hoffnung hat Stürmer Sandro Wagner gemacht. „Wuchtig, präsent, torgefährlich“, urteilen meine Kollegen aus dem Sport.

Und heute?

Dauern wird es auch noch, bis endlich die Jamaika-Koalition zueinander gefunden haben wird. Bis dahin muss sich das Volk die Zeit mit warmen Gedanken vertreiben. Zum Beispiel mit der Vorstellung, dass demnächst die Grüne Jugend und die Junge Union formal dem gleichen Bündnis angehören könnten. Müsli-Ökos treffen Segelschuh-Schickeria. Es lebe das Vorurteil.

Heute Abend jedenfalls dürfte die Junge Union anfangen, ihre Meinung zur Wahl und zu künftigen Partnern zu äußern. Dann trifft sie sich in Dresden zu ihrem „Deutschland-Tag“. Dass die junge Unionsgarde dort Lobeshymnen auf Angela Merkel anstimmen wird, ist nicht zu erwarten. Schon eher sind kritische Töne mit hohen Werten auf der neu eingeführten Kramp-Karrenbauer-Skala zu erwarten. Was die saarländische Ministerpräsidentin von der Lage der CDU hält, hat sie im Gespräch mit der F.A.Z. gesagt. Dabei hat sie sehr deutliche Kritik am Wahlkampf der Kanzlerin geäußert.

Während in der Union gestritten und im Norden Deutschlands aufgeräumt wird, wird in Oslo verteilt: Um 11 Uhr verkündet dort die „Norwegische Jury“, wer den Friedensnobelpreis erhält. Aller Voraussicht nach wird den Preis weder Annegret-Kramp-Karrenbauer noch der Vollidiot mit dem Geländewagen gewinnen.

Quelle: FAZ.NET
Christian Palm - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Palm
Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET
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