Terrorverdächtige festgenommen

Das Netz des Abu Walaa

Von Reinhard Bingener, Reiner Burger
 - 19:25
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Sehr erleichtert und sehr entschlossen schaut der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger drein, als er am frühen Dienstagnachmittag in der Düsseldorfer Staatskanzlei zu einer eilends einberufenen Pressekonferenz erscheint. „Uns ist ein empfindlicher Schlag gegen Chefideologen der salafistischen Szene in Deutschland gelungen“, sagt der Sozialdemokrat. „Es ist heute zum Abschluss gekommen, was über viele Monate in guter Zusammenarbeit der Landeskriminalämter in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und der Bundesanwaltschaft ermittelt wurde.“

Am Morgen hatten Spezialkräfte der Polizei den Iraker Ahmad Abdulaziz Abdullah A. im niedersächsischen Bad Salzdetfurth bei Hildesheim festgenommen. Der 32 Jahre alte Mann, der bei deutschen Sicherheitsbehörden als eine, wenn nicht die zentrale Gestalt des „Islamischen Staats“ in Deutschland gilt, nennt sich selbst „Abu Walaa“. Im Rahmen der Polizeiaktion, die sich auf mehrere Orte in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen erstreckte, wurden zudem vier weitere Männer inhaftiert. Der Generalbundesanwalt wirft ihnen vor, ein „überregionales salafistisches-dschihadistisches Netzwerk“ gebildet, Kämpfer für den IS geworben und deren Ausreise nach Syrien konspirativ organisiert zu haben.

Das Quintett ist eine bunte Truppe: Der 36 Jahre alte Boban S. aus Dortmund besitzt sowohl einen deutschen wie einen serbischen Pass, der 50 Jahre alte Hasan C. wiederum ist Türke und betreibt ein Reisebüro im Duisburger Stadtteil Rheinhausen, der 26 Jahre alter Ahmed F.Y. ist Kameruner, der 27 Jahre alte Mahmoud O. hat einen deutschen Pass.

Die „zentrale Führungsposition“ des „Gotteskrieger-Netzes“ hatte nach Überzeugung der Ermittler Abu Walaa inne. Der Prediger hatte auch einen Wohnsitz im nordrhein-westfälischen Tönisvorst, doch er operierte hauptsächlich vom 2012 gegründeten „Deutschsprachigen Islamkreis“ (DIK) in Hildesheim aus. Die niedersächsische Stadt gilt bei den Behörden schon länger als „Hotspot der radikalen Salafistenszene“, auch weil es von dort vielfältige Verbindungen zu IS-Anhängern in anderen deutschen Städten gibt.

Um seine DIK-Moschee herum baute Abu Walaa in den vergangenen Jahren in der an Parallelwelten reichen Hildesheimer Nordstadt eine islamistische Parallelwelt auf. Unter deutschen Dschihadisten, die es in das syrisch-irakische Kriegsgebiet zog, galt die Moschee des selbsternannten Imam als wichtige Adresse.

Hildesheim
Fünf mutmaßliche IS-Anwerber verhaftet
© dpa, reuters

Schon seit Jahren hatte der niedersächsische Verfassungsschutz Abu Walaa und sein Umfeld fest im Blick. Seit Herbst 2015 ermittelt auch die Bundesanwaltschaft gegen den Iraker, der sich bei seinen zahlreichen Internet-Propagandaauftritten stets nur von hinten zeigt und deshalb auch „Prediger ohne Gesicht“ genannt wird. Gerne hätten die niedersächsischen Sicherheitsbehörden seine Moschee längst geschlossen. Deshalb stürmten Spezialeinheiten schon Ende Juli die DIK-Räume. Doch durch ein Leck bei den Behörden war die Aktion öffentlich geworden, was möglicherweise ihren Erfolg schmälerte.

Zwei Wochen später holte dann die Bundesanwaltschaft zu einem Schlag aus und ließ in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen Wohnungen und Geschäftsräume des Dschihadisten-Quintetts durchsuchen. Zu Festnahmen kam es allerdings auch damals nicht, zu umsichtig und konspirativ hatte Abu Walaa stets agiert. Man konnte ihm einfach nichts nachweisen.

Dass der Hassprediger und sein Umfeld nun am Dienstag festgenommen werden konnten, ist einem Hinweisgeber zu verdanken, „der sehr ausführlich Auskunft gab, wie dieses Netz ihn persönlich dazu bewegt hat, sich dem Dschihad in Syrien anzuschließen“, wie der nordrhein-westfälische Innenminister berichtet. Den Namen des zentralen Belastungszeugen will Jäger nicht nennen. Aber es ist längst kein Geheimnis mehr, dass es sich um Anil O. handelt, einen 22 Jahre alten Deutsch-Türken aus Nordrhein-Westfalen. O. ist einer der jungen Männer, den Abu Walaa in seiner Hildesheimer Moschee für den Dschihad begeisterte.

Insider verrät Hintermänner

Der Generalbundesanwalt hatte O. Ende September bei seiner Rückkehr aus Syrien am Flughafen Düsseldorf festnehmen lassen. O. war im August 2015 samt seiner Familie von Deutschland über die Türkei ins Kriegsgebiet gereist und hatte sich dem „Islamischen Staat“ angeschlossen. Dort wurde er im Umgang mit Waffen ausgebildet und forderte Gleichgesinnte in Deutschland auf, ebenfalls nach Syrien in das vom IS kontrollierte Gebiet zu kommen.

Schon Ende 2015 entschloss sich O., dem IS den Rücken zu kehren. Mitte Januar kam er zunächst in die Türkei, wo er nur kurz in Haft saß. Später konnten sich Journalisten von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ dort mit dem jungen Mann treffen. Schon in diesem Interview soll Anil O. seinen Mentor Abu Walaa schwer belastet haben, wie der NDR am Dienstag berichtete. Die Hildesheimer Moschee sei der „Platz Nummer eins“ für alle gewesen, die zum IS wollten, habe O. gesagt. Jeder in der Dschihadisten-Szene wisse, dass Abu Walaa einer der wenigen Prediger in Deutschland sei, der den IS unterstütze und Ausreisen nach Syrien organisiere.

Vorbereitung für Reise zum IS

O. beschrieb die Reisevorbereitungen als hochkonspirative Vorgänge. Die Gespräche fänden in Räumen statt, in die keine Mobiltelefone mitgenommen würden – aus Angst vor Abhöraktionen der Sicherheitsbehörden. „Und dort wird man dann direkt angeleitet, wie der Reiseweg ist.“ Als Unterstützer von Abu W. benannte Anil O. neben Mahmoud O. auch Ahmed F. Y. Die beiden beschaffen laut Anil O. illegale Papiere und kümmern sich um die konkrete Reiseplanung.

Ebenfalls erhärten ließen sich allem Anschein nach auch die Beweise gegen die beiden weiteren am Dienstag festgenommenen Männer. Boban S. aus Dortmund und Hasan C. aus Duisburg hatten nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft die Aufgabe, Gleichgesinnten und Ausreisewilligen Arabisch beizubringen und ihnen „radikal-islamische Inhalte“ zu lehren. „Der Unterricht diente dazu, die ideologischen und sprachlichen Grundlagen für eine zukünftige Tätigkeit beim IS insbesondere für die Teilnahme an Kampfhandlungen zu schaffen“, wie es von der Bundesanwaltschaft heißt.

Burkhard Freier, der Leiter des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes, bezeichnet Boban S. und Hasan C. als Radikalisierer der Stufe zwei, was nichts über ihre Gefährlichkeit aussage. „Es heißt, sie indoktrinieren in Islamseminaren, die als Reisebüro getarnt sind oder in Privaträumen.“ Allein in Nordrhein-Westfalen gibt es laut Freier derzeit 25 Stufe-zwei-Radikalisierer. Boban S. und Hasan C. seien „federführend“ tätig gewesen. „Auch deshalb ist das so ein wesentlicher Schlag.“

Hasan C. steht auch im Verdacht, die beiden 16 Jahre alten Jugendlichen in seinem Reisebüro radikalisiert zu haben, die im April einen selbstgebauten Sprengsatz vor dem Sikh-Tempel in Essen zündeten – es handelte sich um den ersten geglückten Bombenanschlag dschihadistischer Islamisten in Deutschland.

Anlaufstelle für Kampfeswillige

Bestens war Abu Walaa in der deutschen Salafisten-Szene vernetzt. Zu den Predigten und Islamseminaren des DIK in Hildesheim kamen stets viele junge Salafisten aus anderen Städten. Vor der Moschee sollen insbesondere Fahrzeuge mit nordrhein-westfälischen Autokennzeichen gesichtet worden sein, heißt es aus Sicherheitskreisen. Das DIK organisierte auch vermeintliche Hilfstransporte nach Syrien. „Ein Großteil der zehn niedersächsischen Hilfskonvoiteilnehmer steht in Bezug zu Hildesheim“, heißt es im niedersächsischen Verfassungsschutzbericht.

Am Dienstag bestätigt der Chef des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes auf Nachfrage dieser Zeitung zudem, dass es auch Verbindungen zwischen dem DIK und dem Neusser Verein „Helfen in Not“ gibt, der den Sicherheitsbehörden seit längerer Zeit auch als Drehscheibe für Ausreisewillige „Gotteskrieger“ gilt.

Zu den Unterstützern des Neusser Vereins zählte auch Sven Lau, eine andere „Größe“ der Salafisten-Szene. Gegen den selbsternannten Prediger läuft derzeit am dem Oberlandesgericht Düsseldorf ein Terrorprozess. Nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft hat Lau als „eine Anlaufstelle für Kampf- und Ausreisewillige, insbesondere aus der salafistischen Szene im Großraum Düsseldorf“ gewirkt und mehrere junge Männer an den IS vermittelt.

Walaa auch in anderen Städten vernetzt

Von Abu Walaa wiederum führen auch Spuren in den Raum Braunschweig und Wolfsburg. Der DIK soll auch von radikalen Islamisten aus dieser Region besucht worden sein, wie sich im Prozess gegen zwei Wolfsburger Syrien-Rückkehrer herausstellte. In der Autostadt war es dem IS-Anwerber Yassin O. gelungen, mehr als ein Dutzend junge Männer dafür zu gewinnen, sich der Terrororganisation anzuschließen – die sogenannte „Wolfsburger Ausreisewelle“. In der Nachbarstadt Braunschweig wiederum gilt die Deutschsprachige Muslimische Gemeinschaft des Predigers Muhamed Ciftci als Brennpunkt der Salafisten-Szene. Ciftci war im Dezember 2013 auch in der Hildesheimer Moschee aufgetreten.

Von sich reden gemacht hat in den vergangenen Monaten freilich vor allem die salafistische Szene in Hannover, nachdem im Februar dort die erst 15 Jahre alte Safia S. am Hauptbahnhof der Landeshauptstadt einem Bundespolizisten ein Messer in den Hals gerammt hatte. Der Angriff gilt als der erste direkt vom IS gesteuerte Terrorakt in Deutschland. Erkenntnisse über direkte Verbindungen zwischen dem „Deutschsprachigen Islamkreis“ in Hannover und der gleichnamigen Moschee von Abu Walaa in Hildesheim sind bisher allerdings nicht bekannt geworden.

Wie viele junge Leute Walaa und seine mutmaßlichen Helfer radikalisiert haben, konnte der nordrhein-westfälische Innenminister am Dienstag nicht beziffern. Aber Jäger ist sich sicher, dass die fünf Männer „es auf wirklich sehr perfide Art und Weise professionalisiert haben, wankelmütige Jugendliche anzusprechen und in die salafistisch-dschihadistische Ideologie zu locken“. So gut wie immer handle es sich bei den Opfern von Leuten wie Abu Walaa um junge Männer mit Versagenserlebnissen. „Es ist fast immer derselbe Typ, der anfällig ist für diese selbsternannten Prediger, die einfache Antworten geben auf die kompliziertesten Fragen des Lebens.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bingener, Reinhard (bin.)Reiner Burger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Reinhard Bingener
Reiner Burger
Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover. Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.
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