Prozess gegen Salafist

Lau soll für Dschihad geworben haben

Von Reiner Burger
 - 19:15

Der junge Mann, der am Mittwochmorgen mit einiger Verspätung in den Saal 2 der Hochsicherheits-Außenstelle des Oberlandesgerichts Düsseldorf geleitete wird, sieht nicht aus wie ein Gotteskrieger. Ismail I. trägt einen perfekt sitzenden dunklen Anzug und eine blaue Krawatte. Der 26 Jahre alte Mann könnte auch gerade mal eben von einem Treffen mit anderen Jung-Managern herbeigeeilt sein. Im März 2015 verurteilte das Oberlandesgericht Stuttgart den Sohn einer aus Syrien stammenden Familie aber wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Vereinigung zu viereinhalb Jahren Gefängnis.

Ismail I. war im Sommer 2013 nach Syrien gereist und hatte sich dort der islamistischen Organisation „Jamwa“ (Armee der Auswanderer und Helfer) angeschlossen, die später in der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) aufging. Im Herbst 2013 kam er zurück in seine Heimatstadt Stuttgart, um wenig später mit neuer, in einem Jagdgeschäft gekaufter Ausrüstung ein zweites Mal zu seinen IS-Kameraden aufzubrechen. Vor etwas mehr als drei Jahren nahm die Polizei Ismail I. in der Nähe einer Autobahnraststätte an der A8 fest und verhinderte so, dass er abermals in den bewaffneten Dschihad ziehen konnte.

Erneute Festnahme nach neuer Beweislage

Nun ist Ismail I. im Terrorverfahren gegen den Salafisten-Prediger Sven Lau aus Mönchengladbach der Hauptbelastungszeuge. Lau, der zeitweilig als einer der „Stars“ der deutschen Salafisten-Szene galt, war 2014 erstmals verhaftet worden, weil die Stuttgarter Staatsanwaltschaft ihm vorwarf, „Jamwa“ unter dem Deckmantel humanitärer Hilfe mit Geld und Sachleistungen wie einem ausrangierten Krankenwagen unterstützt und Ismail I. sowie einen weiteren Mann dazu angestiftet zu haben, nach Syrien zu reisen. Einige Monate später kam Lau allerdings wieder frei. Die Beweise reichten nicht aus.

Doch dann übernahmen Ermittler der Bundesanwaltschaft die Sache, werteten Video-Botschaften, Chat-Dateien und Fotos von Laus Computern in großem Umfang aus. Und als schließlich Ismail I. auspackte, wurde Lau im Dezember vor einem Jahr abermals festgenommen.

Lau soll Islamisten rekrutiert haben

Seit Anfang September muss sich der 36 Jahre alte frühere Berufsfeuerwehrmann Sven Lau vor dem OLG Düsseldorf verantworten. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm vor, von Deutschland aus als „verlängerter Arm“ der „Jamwa“ agiert zu haben. Der Prediger habe eine hohe suggestive Kraft auf Jugendliche und versuche seine Glaubensbrüder dazu zu bewegen, sich am bewaffneten Dschihad zu beteiligen, heißt es in der Anklageschrift. Als „Rekrutierungsplattform“ hätten Lau auch Pilgerreisen mit jungen Muslimen aus Deutschland nach Mekka gedient.

Zwei dschihadwillige junge Männer soll Lau für Kampfeinsätze nach Syrien in eine „deutsche“ Einheit vermittelt haben: Zouneir L. und Ismail I. Die Einheit wurde von dem ebenfalls aus Mönchengladbach stammenden Konvertiten Konrad S. geführt, den Lau in Deutschland selbst radikalisiert haben soll. Laut Anklageschrift hat sich Lau auch selbst wiederholt im Kriegsgebiet aufgehalten. Als sich Zouneir L. nicht in die Kampftruppe fügte, habe Lau ihn auf Bitten von Konrad S. wieder mit nach Deutschland genommen und so auch Einfluss auf die Zusammensetzung der deutschen Kampfeinheit ausgeübt.

Ismail I. beschreibt Laus Masche

Am Mittwoch belastet Ismail I. seinen früheren Mentor schwer. „Ich habe Herrn Lau auf einer Pilgerfahrt in Saudi-Arabien kennengelernt“, berichtet I. Er habe Lau erzählt, dass er in den bewaffneten Dschihad ziehen wolle. „Er bestärkte mich darin und erzählte mir von Konrad S.“ Lau habe ihn direkt zu dessen Einheit vermittelt. „Er bezeichnete Konrad S. als seinen besten Freund und Bruder.“

Parallel habe Lau auch einen Schleuser telefonisch kontaktiert und ihm gesagt: „Ich habe hier jemanden für Dich. Ich bürge für ihn.“ Lau sei psychologisch sehr geschickt. Der Prediger habe ihn in seinem Wunsch bestärkt, wenn er in den Dschihad ziehe, zähle er zur Elite Allahs. „Ich fühlte mich wie ein Held, es ging mir nicht so sehr um Religion, sondern um Rache am Assad-Regime und ein bisschen auch darum, aus meinem verkorksten Leben herauszukommen.“ Ismail I. spielt auf seine gescheiterte Ehe an, auf seine abgebrochene Berufsausbildung und auf seinen Drogenkonsum.

Im „Jamwa“-Hauptquartier sei Lau ein „gern gesehener, beliebter Gast“ gewesen. Bei einem seiner Besuche im Kriegsgebiet habe der Prediger auch gesehen, dass der Krankenwagen, den er mit der islamistischen Organisation „Helfen in Not“ in einem Konvoi von Deutschland nach Syrien gebracht hatte, zum Truppentransporter umgebaut worden war. Von Konrad S. wiederum will I. erfahren haben, dass Lau auch einen Müllwagen nach Syrien transferierte, der dort später – mit Sprengstoff beladen – als Autobombe bei einen Selbstmordanschlag eingesetzt wurde.

Quelle: F.A.Z.
Reiner Burger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Reiner Burger
Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.
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