FAZ.NET-Thema: Polizei

„Bei Messerstechereien steige ich mit gezogener Waffe aus“

Von Thorsten Glotzmann, Berlin
 - 12:37
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Wohnungseinbrüche, Taschendiebstähle, Drogenverbrechen und kriminelle Großclans: Die Kriminalität steigt, Berlin wächst – und der Polizei fehlt es an Personal. Als die Stadt noch geteilt war, lag die Zahl der Polizisten bei 16.000. Heute ist es weniger als die Hälfte, dabei sind sich Politiker und Gewerkschaften einig, dass die Einsatzbelastung der Beamten gestiegen ist.

Seit 2001 wurde bei der Berliner Polizei massiv Personal abgebaut. Auch wenn in der Zwischenzeit wieder Stellen geschaffen wurden, die Folgen sind bis heute spürbar. Laut einer Forsa-Umfrage glauben 66 Prozent der Berliner, dass die Polizei bei der Kriminalitätsbekämpfung überfordert ist. Zuletzt gab es Berichte über Diebstähle und Gewalt am Kottbusser Tor oder am RAW-Gelände im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, wo sich nachts Drogendealer und Banden unter die feiernden Massen mischen.

Hier berichtet ein Polizist, was das für die tägliche Arbeit bedeutet. Er ist 29 Jahre alt, Mitglied der Gewerkschaft der Polizei (GdP) und Beamter einer Berliner Einsatzhundertschaft. Um möglichst offen berichten zu können, zieht er es vor, anonym zu bleiben.

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Mehr Polizei, mehr Sicherheit?

Krise, Kriege, Terrorismus: Die Anforderungen an Polizisten sind so groß wie nie. Sind sie für die neuen Gefahren gewappnet? Wie kann die Polizei auf die Bedrohungen durch den Terror reagieren, wie den Bürgern das Sicherheitsgefühl zurückgeben? Unsere Serie gibt Antworten.

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Wir sind nicht überfordert, aber wir haben zu wenig Kräfte, um der Kriminalität am Kottbusser Tor oder am RAW-Gelände Herr zu werden. Wenn man dort was erreichen will, muss man dauerhaft Präsenz zeigen, Kontrollen durchführen. Im Augenblick fahren wir da nur hin, um das Feuer zu löschen, dann flammt es wieder auf. Wenn im öffentlichen Nahverkehr jemand totgetreten wird, wie im Fall Jonny K., dann wird solange Präsenz gezeigt, bis die Sache medial wieder abgeflaut ist. Beim Kottbusser Tor wird das auch so sein.

Da heißt es jetzt: 'Wir müssen da mal was machen', und jeder, der frei hat, wird reingeworfen. Dann sind die Dealer mal kurz weg und kommen später wieder. Wir können dort nicht 24 Stunden am Tag Präsenz zeigen, weil wir nicht die Leute dazu haben. Das zieht sich durch alle Polizeibereiche: Drogen, Rocker, Prostitution – wir kratzen überall nur an der Oberfläche.

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Als Polizist ist man ja auch zu den Gerichtsverhandlungen vorgeladen. Ich kenne keinen Kollegen, der sich das Urteil noch anhört, weil es oft wie ein Schlag ins Gesicht ist. Wenn jemand eine Flasche ins Gesicht eines Beamten wirft, die am Helm zerschellt, dann bekommt er, wenn er vorher nicht straffällig war, drei Termine bei der Sozialbetreuung als Auflage, das war's. Da frage ich mich: Was ist mein Leben eigentlich wert?

Die Gewalttaten gegen Polizisten nehmen zu. Im vergangenen Jahr wurden bundesweit 62 000 Beamte angegriffen. In Berlin waren nach Gewerkschaftsangaben 7000 Beamte betroffen.

Zu den arabischstämmigen Großfamilien rund um die Neuköllner Hermannstraße fährt ein Funkwagen nicht allein. Selbst wenn es nur Sachbeschädigung ist, da habe ich ganz schnell Schaulustige um mich herum, die sich ganz wichtig fühlen und sich einmischen. Da gehe ich dann nicht nur mit ner Sachbeschädigungsanzeige raus, sondern auch mit Widerstand, Körperverletzung und Beleidigung.

In Neukölln agieren die Leute meist in Gruppen, mindestens einer ist bewaffnet, hat ein Messer dabei oder eine Machete – und ich glaube, Palmenschneider sind die nicht von Beruf, dass sie eine Machete brauchen. Bei Messerstechereien steige ich mit gezogener Waffe aus dem Auto.

Zudem beklagen die Berliner Polizisten ihre mangelhafte Ausstattung. Danach soll es nicht für jeden Beamten auch eine Schussweste geben, die im Ernstfall für Schutz sorgen kann.

Meine Schutzweste würde dem Schuss aus meiner eigenen Pistole standhalten, allen anderen Geschossen nicht. Wenn mich ein Terrorist mit einer AK 47 beschießt, dann wäre es am cleversten, meine Weste auszuziehen. Denn die Patrone käme ohnehin durch die Weste, sie würde dann im Körper rotieren und noch größeren Schaden anrichten. Ziehe ich die Weste aus, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass mich die AK 47 durchschießt. Die Überlebenschancen wären höher.

Unsere Maschinenpistole ist 50 Jahre alt, die Pistolen, Sig Sauer P6, sind aus den 70er Jahren. Wir haben noch Berlin-Holster (Taschen für die Pistolen) aus altem Leder. Als bei der Bundespolizei die alten Holster ausgemustert wurden, gingen die an das Land Berlin.

Unsere Körperschutzausstattung mit Helm wiegt 27 Kilo. Der Hersteller empfiehlt, sie zwei bis maximal vier Stunden zu tragen. Am 1. Mai tragen wir sie zum Beispiel bis zu 17 Stunden. Davon bekommt man Rückenprobleme. Es gibt Sportprogramme zum Ausgleich, aber dafür fehlt die Zeit.

Die Problemliste bei der Berliner Polizei ist kaum zu überblicken: In jüngster Vergangenheit mehrten sich die Berichte um marode, schadstoffbelastete Schießstände. Im Winter fielen 85 Funkwagen aus. Kürzlich wurde bekannt, dass es massive Probleme mit dem Digitalfunk gebe – zum Beispiel beim umstrittenen Großeinsatz gegen die linke Hausbesetzerszene in der Rigaer Straße in Friedrichshain.

Ich habe mich mit 17 für die Polizei entschieden, weil ich familiär vorgeprägt war und weil die Arbeit der Gesellschaft was Gutes tut. Außerdem war das ein sicherer Job, auch nicht so schlecht bezahlt als Beamter. Heute weiß ich, dass Berlin im Besoldungsranking bundesweit Letzter ist, mit Abstand. In Bayern verdient ein Kollege, der das Gleiche macht, 16 bis 17 Prozent mehr.

Der Dienst sieht in der Regel 10 bis 12 Stunden vor. Wenn ich Frühdienst habe von 6 bis 18 Uhr, kann es sein, dass um 17:50 Uhr die Alarmanlage geht, dann heißt es: 'umziehen, aufrüsten, wir fahren noch mal raus!' So können aus 12 Stunden schon mal 16 werden. Auch an freien Tagen wird man alarmiert – und darf zum Dienst kommen. Ich gehe häufiger zur Arbeit als es mein Körper eigentlich zulässt. Wenn man drei Nachtdienste am Stück macht und sonntags im Supermarkt einkaufen will, dann merkt man, dass man körperlich an der Grenze ist.

Schlechte Ausrüstung, schlechte Bezahlung, Überstunden en masse – da stelle ich mir schon die Frage, ob ich nicht in einem anderen Bundesland arbeiten will: wo ich weniger Belastung habe und unterm Strich mehr Lohn. In Bayern hätte ich ein großes Haus und entspanntere Dienste.

Quelle: FAZ.NET
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