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No sports?

Von Lorenz Hemicker
 - 06:39

Wann haben Sie das letzte Mal Sport getrieben? Falls Sie jetzt schlechte Laune bekommen, keine Sorge. Es folgen keine Fitnessratschläge. Menschen leben mal gesund, mal sündigen sie. Manche befinden sich auf einem langen Lauf zu sich selbst. Andere sind längst wieder auf dem Weg zurück. Fragen Sie Joschka Fischer. Dabei dürfte Deutschlands einstiger grüner Außenminister über mehr Zeit zum Joggen verfügen als die aktuelle Führungsmannschaft seiner Partei. Die Stimmung, die sie nach außen vermittelt, ist mit „skeptisch“ höflich ausgedrückt. Die Spitzenpolitiker der Grünen machten ihrem Ärger über die Jamaika-Sondierungen in den vergangenen Tage unisono Luft. „Sehr problematisch“ seien die Verhandlungen, sagte Grünen-Chefin Simone Peter der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. „Die Ergebnisse genügen bei weitem nicht“, monierte Ko-Chef Cem Özdemir in der „Bild am Sonntag.“

Katrin Göring-Eckhardt beklagte, Union und FDP hätten das Angebot, Brücken zu bauen, nicht angenommen. Wobei, um im Bild zu bleiben, ein solches Angebot selbst ja schon zumindest mal eine grüne Ponton-Brücke gewesen wäre. Doch davon ab: Ob die Grünen mit ihrer Einschätzung richtig liegen oder gerade unter einer „klassischen Wahrnehmungsverzerrung“ leiden, wie der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion Marco Buschmann behauptet, wird sich frühestens am Donnerstag sagen lassen. Dann wollen CDU, CSU, FDP und Grüne ein gemeinsames Sondierungspapier fertigstellen, dass die Parteigremien davon überzeugen soll, Koalitionsverhandlungen zuzustimmen.

Mit welchen Argumenten diese Überzeugungsarbeit bei den Grünen flankiert werden könnte, darauf gab Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann bereits einen Hinweis. Kretschmann zufolge wollen sich die Grünen in einer möglichen Koalition auf die Ressorts Umwelt, Agrar oder Verkehr konzentrieren. Alles Themen, die mit dem Klimaschutz zusammenhängen, einem Kernanliegen der Grünen. Wohlgemerkt: „Nicht, weil das unser Steckenpferd ist, sondern weil es eine Menschheitsfrage ist“, so Kretschmann. Das stimmt. Nur dass Menschheitsfragen das Steckenpferd der Partei sind, kommt den Grünen dabei zumindest nicht ungelegen.

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Das grüne Jamaika-Narrativ könnte also wie folgt aussehen: Selbst wenn man sich mit Union und FDP in vielen Themen nicht einig ist, könnten die Grünen sich auf ihre Kernkompetenz konzentrieren und für sich in Anspruch nehmen, das „ökologische Gewissen“ der Koalition zu sein. Eine Position, die wenig Streitpotential zwischen Fundis und Realos liefern würde. Andere Ressorts böten wohl erheblich mehr Strahlkraft, aber auch mehr Risiken. Die heutigen Spitzenpolitiker haben alle miterlebt, wie das Außenministerium mit Joschka Fischer an der Spitze 1999 schnell von der Lust zur Last wurde, als Deutschland in den Kosovo-Krieg zog – und Fischer selbst nach einer Farbbeutelattacke auf einem Sonderparteitag das Trommelfell riss. Wer weiß schon, mit welchen Krisen und Konflikte ein grüner Außenminister in den kommenden Jahren hantieren müsste. Auch wenn er nicht Cem Özdemir hieße und das Ziel der Reise nicht die Türkei wäre.

Doch warten wir noch ein paar Tage ab. Das Profil dieses möglichen schwarz-gelb-grünen Bündnisses bleibt mindestens bis Donnerstag vage. Zur Erinnerung: Die Koalitionsvereinbarungen haben noch nicht einmal begonnen. Meinem Kollegen Reinhard Müller dauert das zu lange. „Es ist Zeit, dieses längst nicht mehr exotische Bündnis einzutüten“, schreibt er in seinem Kommentar. CDU, CSU, FDP und Grüne machen in jedem Fall keine Pause. Sie führen ihre Sondierungsgespräche heute in der Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin weiter.

Donald Trump spielt gerne Golf, selbst auf seiner gerade zu Ende gehenden ersten Asienreise als amtierender amerikanischer Präsident. In Japan hatte er mit seinen Golfkünsten geprahlt. Dabei müsste er eigentlich aus der Übung sein. Schließlich hatte er im August 2016 noch beteuert, als Präsident kein Golf mehr zu spielen. Mangels Zeit. Doch Trump hat längst eine Kehrtwende vollzogen. Die Seite „Trumpgolfcount.com“ zählte seit Januar dieses Jahres 73 Golfplatzaufenthalte Trumps. 60 Mal soll er laut ihrer Zählung dabei Golf gespielt haben. Das Weiße Haus bestätigte immerhin 34 Partien.

Egal, wie stark und wie oft Trump auf dem Golfplatz ist – zu wahrer Meisterschaft bringt er es in der Disziplin rhetorischer Kehrtwenden. Am Samstag hatte Amerikas Präsident auf einem Flug nach Hanoi gesagt, er glaube Russlands Präsident Wladimir Putin. Der hatte eine Einmischung seines Landes in den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2016 zurückgewiesen. In Hanoi angekommen sagte Trump am Sonntag dann, er glaube, dass Putin meine, dass sich Russland nicht eingemischt habe. Er aber stehe an der Seite der amerikanischen Geheimdienste (die fest von einer Einflussnahme Russlands ausgehen). An diesem Montag beginnt auf den Philippinen der Gipfel der Gemeinschaft Südostasiatischer Staaten (Asean). Neben den Staats- und Regierungschefs von zehn Asean-Staaten wird auch Donald Trump zugegen sein. Neue Kehrtwenden? Nicht ausgeschlossen.

Was sonst noch wichtig wird

Deutschland will heute gemeinsam mit 20 weiteren EU-Staaten einen Meilenstein auf dem Weg zu einer europäischen Verteidigungsunion beschließen. Die Gelegenheit dazu bietet ein Treffen der Außen- und Verteidigungsminister der Union in Brüssel. An dessen Rand soll das für die Union zentrale Notifizierungsdokument unterzeichnet werden. Damit könnte noch im Dezember die Zusammenarbeit der 20 Staaten offiziell beginnen.

Russlands Präsident Wladimir Putin und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan treffen sich in Sotschi. Dort wollen sie über den Syrienkrieg sprechen. Dabei soll es auch um einen Kongress der Völker Syriens gehen. Strittig zwischen Moskau und Ankara ist vor allem der Umgang mit der syrischen Kurdenpartei PYD. Während Russland sie einladen will, wird sie von der Türkei militärisch bekämpft.

Was man lesen muss

Droht dem Libanon deshalb der nächste Krieg im Nahen Osten? Dieser Frage stellt sich nicht erst seit dem spektakulären Rücktritt von Ministerpräsident Saad al Hariri, der am Sonntagabend seine Rückkehr in den Zedernstaat ankündigte. Meine Kollegen Christoph Ehrhardt und Jochen Stahnke sind ihr in Beirut und von Tel Aviv aus nachgegangen. Die Antworten lesen Sie hier. Eines scheint dabei gewiss. Israel und Saudi-Arabien verbindet ein Ziel.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Hemicker, Lorenz
Lorenz Hemicker
Redakteur in der Politik
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