Odenwaldschule

Die „wunderschönen Jungfrauen“ und die Burg

Von Philip Eppelsheim und Volker Zastrow
 - 17:44

Amelie Fried hat unlängst in der F.A.Z. berichtet, wie ihr „Familienvater“ an der Odenwaldschule sich zu ihr und den anderen in den Mädchen-Duschraum drängte. Wie er sie zu Strip-Poker-Runden in seiner Wohnung nötigte. Wie er sie „verklemmte schwäbische Spießerin“ nannte, als sie nicht mitmachen wollte. „Wie ich mich diesem Druck schließlich beugte, mich furchtbar schämte.“ Doch letztlich sei sie damals zu der Überzeugung gelangt, das Schamgefühl sei eben ihr Problem und „gemeinsames Duschen und Strip-Poker seien normal“. Normal war auch, dass eine Mitschülerin nachts ihr Zimmer verließ und im Nachthemd in die Wohnung des „Familienvaters“ schlich. Sein Name ist J. K.

Die Schülerin im Nachthemd, A., gehörte zur ersten „Familie“ von J. K., der 1968 an die Odenwaldschule kam. Eigentlich sollten ledige Lehrer keine Mädchen in ihren „Familien“ haben. Mit einem grün bepinselten VW-Cabrio, gebraucht gekauft „mit Beginn des Wirtschaftswunders“, wie J. K. schreibt, war er an die Odenwaldschule gekommen. Der Wagen parkte zunächst vor dem Humboldthaus, später vor dem Schillerhaus. Das rostige, freakige Cabriolet war eine Sensation. Vor allem für das Kind, das neben J. K. sitzen durfte, wenn er offen über das Schulgelände fuhr. „Warmherzig, ein toller Typ, ein Vater“ - so wird J. K. von Altschülern beschrieben, die in den über den Hügel gestreuten Häusern des Internats mit ihm zusammenlebten.

J. K. wanderte nachts mit ihnen, er spielte Gitarre am Lagerfeuer, teilte mit ihnen seine „Gitanes“. Die letzte Zigarette zerbrach er; eine Hälfte nahm er, die andere bekam ein Schüler. Und J. K. fuhr mit den Kindern und Jugendlichen in den Hunsrück: zur Burg Waldeck. „Ein Ort, den sich der liebe Gott geschaffen haben könnte, um selbst dort zu wohnen“, schreibt J. K.. Aber er benutzt das Bild auch für andere Orte. Burg Waldeck kannte er seit langem, hatte dort Anfang der sechziger Jahre die „Wiesbadener Hütte“ mitgebaut, in die er nun seine Schüler brachte: eine kleines Holzhaus auf einem Schieferfelsen, am Rand des steil abfallenden Baybachtals. Ohne J. K. hätte es die bis heute bestehende Verbindung der Odenwaldschule zur Burg Waldeck nie gegeben.

Verliebt in einen Hitlerjungen

Er ist ein alter Mann inzwischen, hat Kinder und Enkel, und er hat Herzinfarkte überstanden. Er war ein beliebter, geliebter, engagierter Lehrer. Ein Mensch, kein Monster. Aber offenbar hatte er ein Problem. Ein Problem, das er an andere weitergab, denen es bis heute keine Ruhe lässt - um das Mindeste zu sagen. Dagegen kann er den Altersfrieden nicht geltend machen.

J. K. wurde 1931 geboren. Er ist Sohn eines „humanistischen Vaters“, eines Doktors der Philosophie. Seine eigene humanistische Laufbahn ist nach eigenem Bekunden „schmählich“ gescheitert; er lernte Fein- und Rundfunkmechaniker, fuhr zur See. Schließlich legte er ein „Externabitur“ ab und studierte Psychologie. Den Schriftsteller und Wandervogel Werner Helwig bezeichnet J. K. als „Freund und Lehrmeister.“ Helwig gehörte dem Führungszirkel des „Nerother Wandervogels“ an, war seit 1927 auf der Burg Waldeck in einem „intensiven männerbündischen Freundeskreis“. 1932 verbüßte er sechs Monate Gefängnisstrafe wegen Unzucht mit Kindern unter 14 Jahren. Nachdem die Nationalsozialisten 1933 den „Nerother Wandervogel“ zur Selbstauflösung zwangen, organisierte Helwig heimliche Treffen. Er emigrierte 1934.

J. K., der sich ein „Kriegskind“ nennt, schreibt in forscher Manier über eine Pubertätserfahrung: „Mit erwachender Manneskraft verliebte ich mich im letzten Kriegsjahr 1944 im zarten Alter von 14 Jahren bis über beide Ohren in meinen wesentlich älteren Hitlerjungen-Fähnleinführer, umwarb den sich sanft sträubenden blonden Jung Siegfried nach allen Regeln der Kunst und verführte ihn schließlich animalisch-sinnlich anlässlich eines Zeltlagers (wen's interessiert: auf die moderate Art und nicht mit den herben Praktiken, die Volkes Meinung meist mit derartigem Tun verbindet.).“

Abends kletterte A. zu ihm hinauf

Nach dem Kriege, seit 1950, fuhr er mit seiner „Jungenschaftshorte“ zur Waldeck: eine „sehr reiche und creative bündische Epoche“. Wohl jeder der Jungenschaftler erlernte Stefan Georges Zeilen: „Wer je die flamme umschritt / Bleibe der flamme trabant!“ Helwig besuchte in dieser Zeit Burg Waldeck, auch der Komponist Wolfgang Fortner - „Adoptivvater“ des Musiklehrers Wolfgang Held, der auf der Odenwaldschule scharenweise Schüler missbrauchte. Auf der Burg bauten die Jungs ihre Holzhütten: „atmosphärische Tavernen“. Sie waren „scharf“ auf „internationale Folklore“, redeten über Marxismus, die DDR, die Lyrik der Schwarzen in Amerika. J. K. wurde Mitbegründer der Burg-Waldeck-Festivals, war von 1964 bis 1967 verantwortlich für die Organisation.

Im Frühjahr 1968 kam er auf die Odenwaldschule. Er unterrichtete Mathematik und Erdkunde, baute die Elektronikwerkstatt auf. 2002 schrieb ein ehemaliger Lehrer, der ebenfalls eine ehemalige Schülerin heiratete: „Für mich ist es immer wieder verblüffend, eine wie starke Anziehungskraft solch jugendbewegtes Treiben auf Heranwachsende hat. Das hatte ich erlebt, als J. K. in den siebziger Jahren immer wieder mit seiner Familie auf die Waldeck fuhr.“ Die Kinder und Jugendlichen tobten im Bach herum, abends wurden Steaks an einem Steinbruch gegrillt. Es gab nächtliche Wanderungen und Höhlentouren, und J. K. erzählte Schauergeschichten. „Das primitive Leben macht Spaß“, schrieben die Kinder begeistert in Aufsätzen über ihre Ausflüge. Die fügten sich gut in das Konzept einer reformpädagogischen Einrichtung, die Schüler aus den Zwängen von „Paukpenne“ und Frontalunterricht lösen wollte.

Die Hütte: ein stufenförmiger zweigeschossiger Stein- und Holzbau - ein kleiner Vorraum für Kleider und Schuhe, eine kleine Küche mit Gasherd, Spüle und Wasserboiler, ein 24 Quadratmeter großer Wohn- und Schlafraum mit zwei Fenstern zur Talseite, mit offener Feuerstelle und Holzofen, ausgelegt mit Matten, Decken und Kissen - „orientalisch“ nennt es der reiselustige, weit herumgekommene J. K.; im ersten Stock erreichbar über Schiffstreppe und Fallklappe ein weiterer Raum mit einer Sitzgruppe aus Kiefernholz. Dort oben schlief J. K.. Abends kletterte A. zu ihm hinauf. Ein Altschüler sah sie schon damals in der „Funktion der Ehefrau“, die den Haushalt machte, tröstete und schlichtete. Eineinhalb Jahre nach ihrem Abitur 1972 heirateten sie und J. K.; sie zogen ins Bachhaus, bekamen zusammen drei Töchter, die erste 1974. Das geliebte Cabrio war inzwischen einem VW-Bus gewichen.

J. K., ausgerechnet?

Im Bus und in der Hütte vergriff sich J. K. an Kindern, in den siebziger, den achtziger Jahren - heute, Jahrzehnte später, reden sie darüber. Manche seiner ehemaligen Schüler und „Familien“-Mitglieder, wie etwa der Frankfurter Verleger Joachim Unseld, können es nicht fassen. J. K., ausgerechnet? Sie haben davon nichts mitbekommen. Strip-Poker, gewiss. Aber mehr? Und ihre Identifikation mit der Odenwaldschule ist hoch. Unseld hasst es sogar, wenn in Artikeln „Familie“ in Anführungsstriche gesetzt wird - obwohl inzwischen bekannt geworden ist, dass in diesen Gruppen etwa des Musiklehrers Held und des früheren Schulleiters Gerold Becker Kinder gewohnheitsmäßig missbraucht wurden. J. K. selbst ließ seinen Anwalt auf unsere Frage nach „sexuellen Begegnungen mit Schülern bzw. Schutzbefohlenen“ sowie, gegebenenfalls, nach Art, Häufigkeit, Betroffenen, Alter und Geschlecht antworten: „Sofern Sie also mit Ihrer zweiten Frage nach der Art sexueller Handlungen solche unseres Mandanten gemeint haben sollten, hätte dieser, sofern solche stattgefunden hätten, nach Ihrer Einschätzung wohl Buch führen müssen.“ Jedenfalls könne die „erste Frage mit Nein beantwortet werden“, womit auch die zweite - nach den Einzelheiten und den Opfern - erledigt sei.

Im Januar 2000 schrieb J. K. an einen anderen ehemaligen OSO-Lehrer einen langen Brief, in dem er Gerold Becker gegen Kritik in Schutz nahm, seinen „unseligen und tragischen Fehltritt“ - als sei es ein einmaliger Vorgang - Beckers „ungewöhnliches Maß an Charisma“ und „einen starken pädagogischen Eros“ gegenüberstellte: drei Topoi der pädophilen Apologia. Überhaupt zeige sich Größe erst dadurch, „dass sie auch im Negativen Beträchtliches vorzuweisen“ habe. J. K. erinnerte an die Ideale der Hippies, der Flower-Power-Bewegung, daran, wie man damals „die verschimmelten Tabus und Konventionen unserer restaurativen Vätergeneration über Bord warf“ und „ein völlig neues Gefühl der Freiheit - auch auf emotionalem und sexuellem Gebiet - entwickelte“.

Auch der vierte Topos - die Projektion des Kindes als Verführer - fehlt nicht. J. K. berichtete: „Als frischgebackener OSO Lehrer unternahm ich in den 60/70er Jahren in den Ferien mit Jungen und Mädchen aus der OSO, die aus irgendwelchen Gründen nicht nach Hause konnten, mehrwöchige Fahrten in den Balkan, nach Griechenland, die Türkei, nach Skandinavien. Große emotionale Erlebnisse, die Zutrauen und viel menschliche Nähe zwischen Jung und Alt brachten und Unterschiede verwischen ließen. Und in denen dann von Mädchen wie auch von Jungen bisweilen sehr eindeutige Signale gesetzt und zärtliche Aktivitäten entwickelt wurden, bei denen es mir dann auch einige Mühe machte, sie im Rahmen und unter Kontrolle zu halten!“ Und er erzählte weiter, „dass ich meine 20 Jahre jüngere liebe A., die von Anfang meiner OSO Zeit an in meiner Familie war, unter den vielen wunderschönen und gescheiten Jungfrauen in Oberhambach als die geeignetste aussuchte und sie, zwar mit geziemendem Abstand, aber doch quasi von der Schulbank weg zu meiner Frau nahm.“

eidesstattliche Versicherungen mehrerer Opfer von J. K.

Wie erging es anderen „wunderschönen und gescheiten Jungfrauen“? Der VW-Bus diente auf gemeinsamen Ausflügen als Vehikel und Schlafstätte, die Kinder teilten mit dem Lehrer das Lager im Bus. Eines der Mädchen, Helga M., erwachte, weil J. K. es zwischen den Beinen streichelte, er war dabei mit der Hand in den Schlafsack, sodann in den Schlüpfer eingedrungen. Das Mädchen, 13 Jahre alt, noch nicht geschlechtsreif, wehrte den fast drei Jahrzehnte älteren Lehrer ab, nicht ohne Mühe und zugleich schamhaft leise, um die anderen Kinder nicht zu wecken. Als erwachsene Frau grämt sich Helga M. deshalb, kann nicht begreifen, warum sie den Täter insoweit noch schützte. Nach einer Weile schlief das Mädchen, das den Schlafsack mit den Händen am Hals ängstlich zusammenhielt, wieder ein, wurde später aber auf dieselbe Weise abermals geweckt. Wieder betätigte sich J. K. mit der Hand an der Scheide des Kindes. Den Rest der Nacht verbrachte Helga auf den Bauch gedreht, an den Boden gepresst, den Schlafsack oben mit beiden Händen krampfhaft zuhaltend, wach.

J. K.s Anwalt hat am 18. März 2010 auf Nachfrage eines Fernsehsenders verlautbart, dass Vorwürfe, sein Mandant habe Schutzbefohlene sexuell missbraucht, „einer sachlichen Grundlage entbehren“, auch wenn er „von Schülern als Täter belastet würde/wird“. Zu diesem Zeitpunkt wusste J. K. bereits von der Anschuldigung durch Helga M.. Auch dieser Tage hat der Anwalt gegenüber dieser Zeitung wiederholt, J. K. habe „weder Jungen noch Mädchen in der Zeit seiner Tätigkeit an der OSO ,missbraucht'“.

Er hat sich aber, folgt man den Aussagen ehemaliger Schüler, ebenfalls mehrfach an präpubertären Jungen vergriffen, auch auf dieselbe Weise in dem Bus - die Schilderungen stimmen mit denen Helgas überein. Wenigstens einer der Jungen, von Haus aus nicht an Zärtlichkeiten oder auch nur Aufmerksamkeit gewöhnt, ließ sich das Streicheln des Genitals damals gern gefallen; nicht wenige Kinder aus seiner „Familie“ liebten und bewunderten den unkonventionellen, jovialen J. K., hielten Verbindung zu ihm und wurden in ihrem Urteil erst durch die jüngsten Veröffentlichungen über ihr Idol erschüttert. Der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung liegen eidesstattliche Versicherungen mehrerer Opfer von J. K. mit genauen Beschreibungen der Vorgänge vor, deren Existenz, wie erwähnt, J. K. bestreitet.

Mantel des Schweigens über den Verbrechen

Anschuldigungen gegen ihn und weitere Lehrer erreichten im vergangenen Winter auch die Schulleiterin der Odenwaldschule, Margarita Kaufmann, die auf einer Schulkonferenz darüber berichtete und dabei auch J. K.s Namen nannte. J. K. schrieb ihr am 12. Dezember einen empörten Brief unter dem lateinischen Motto „Quidquid agis, prudenter agas et respice finem!“: Was du auch tust, tu es klug und bedenke das Ende. Ein ehemaliger Schüler, Boris Avenarius, half ihm, allzu zornige oder drohende Formulierungen zu korrigieren und den Brief insgesamt etwas diplomatischer zu fassen. So änderte J. K. beispielsweise die Anrede an Frau Kaufmann, indem er sie nicht mehr als „derzeitige“ Leiterin der Odenwaldschule ansprach. Er wies darauf hin, dass er „während meiner jahrzehntelangen Mitarbeit viel Herzblut vergossen habe“. J. K. sprach von „Rufmord und übler Nachrede“ und drohte eine „gerichtliche Klärung“ an. Er verlangte eine Entschuldigung und bekam sie, „in aller Form“.

Avenarius, der ihm beim Abfassen des Briefes geholfen hatte, gehörte freilich selbst zu seinen Opfern. J. K. bat ihn „im übrigen“ damals „sehr dringend, nie und niemandem von irgendwelchen zwischenmenschlichen Geschehen zu berichten“. Doch inzwischen tut Avenarius das, sein Verhältnis zu J. K., der einst sein „Gottvater“ war, ist gespalten. Und er kann bezeugen, dass dessen Erinnerungsvermögen noch vor kurzem gut funktionierte.

Über die Geschehnisse auf Schulkonferenzen wurde J. K., der längst im Allgäu lebte, also weiter informiert, wie man an dem Vorfall mit der Schulleiterin sieht. Und so blieb es. Altschüler beklagen, dass der (inzwischen zurückgetretene) OSO-Vorstand, ein Teil des Kollegiums und Freunde der Schule zusammenwirken, um den Mantel des Schweigens über die an der Schule verübten Verbrechen an Kindern zu breiten.

Schreiben an den Täter weitergeleitet

Dafür gibt es reiche Zeugnisse, auch der Fall J. K. zählt dazu: Als nämlich Helga M., die sich von J. K. in den Jahren nach dem Missbrauch anhaltend verfolgt und bedrängt sah, durch Veröffentlichungen im März erfuhr, dass die Schulleiterin Kaufmann sich um Aufklärung bemühe und Betroffene um Mithilfe bitte, sandte sie eine Mail an deren Sekretärin, in der sie J. K. mit einer spezifischen Formulierung beschuldigte. Wenig später sah sie sich durch Avenarius mit einer Stellungnahme J. K.s zu genau dieser Formulierung konfrontiert: J. K. hatte ihm am Telefon mit der Einleitung „schlimm, wenn man lesen muss“ aus der Mail zitiert, die ihm demnach vorlag.

Für die Frau war es entsetzlich, dass ihr zwar namentlich gezeichnetes, aber ausdrücklich Anonymität beanspruchendes Schreiben anscheinend an den Täter weitergeleitet worden war. Dann stellte sich heraus, dass die Mail durch einen Schreibfehler in der Adressierung im Trash-Ordner der Schule gelandet war. Reimund Bommes, der nach eigenen Angaben das Postfach „Trash@odenwaldschule.de“ unentgeltlich „aus Gefälligkeit“ regelmäßig überprüft, hatte sie dort gefunden und zumindest Ausschnitte daraus an J. K., mit dem er befreundet ist, weitergegeben. Bommes ist nicht nur Lehrer an der Odenwaldschule, sondern häuft viele Ämter auf seinen Schultern, ist Stadtverordneter der Grünen in Heppenheim, 1. Vorsitzender des TSV Hambach, Vorsitzender des Betriebsrats der Odenwaldschule und Leiter ihrer Konferenzen.

Er beansprucht, „zu keinem Zeitpunkt vertrauliche Informationen aus der Odenwaldschule weitergegeben“ zu haben. An J. K. habe er nur „eine einzige Information (einen nicht mal vollständigen Satz) einer einzigen (mir bis dato weder namentlich noch persönlich bekannten) angeblich Verletzten“ mündlich weitergegeben. „Sonst nichts!“ Bommes bewertet diese Information - die Anschuldigung sexuellen Missbrauchs - insofern als nicht vertraulich und fühlte sich gegenüber J. K. in der Pflicht als Freund, wozu er auch steht. Zumal da J. K. wünsche, dass die Vorwürfe gegen ihn präzisiert würden.

„Er sei ein alter Mann, habe so viel vergessen“

Das Landgericht Darmstadt hat Bommes inzwischen mit einstweiliger Verfügung untersagt, vertrauliche Informationen, welche an die Schulleiterin oder die Schule gerichtet sind, an Dritte weiterzugeben, „insbesondere an Täter und mutmaßliche Beschuldigte“ einschließlich J. K.. Bei Zuwiderhandlung wird ihm ein Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro und Haftstrafe angedroht, im Wiederholungsfall von bis zu zwei Jahren - aus Einlassungen von Bommes schließen die Richter ausdrücklich auf die Gefahr weiterer Kontakte und Informationsübermittlung an J. K. Bommes hat dagegen Widerspruch eingelegt.

Nachdem seine Rolle in dieser Sache aufgedeckt und er damit konfrontiert worden war, hatte Bommes am 26. März an Helga M. geschrieben, dass er „das Ganze zutiefst bedaure“. Er habe „einen Fehler gemacht, leichtfertig und unbedacht eine Information weiter gegeben“. Bommes erklärte sein Verhalten mit seiner Freundschaft zu J. K., den er „etwa jährlich“ treffe. Er habe von Missbrauchsvorwürfen als Lehrer weder etwas geahnt noch gewusst. An Helga M. schrieb er weiter: „Leider muss ich mittlerweile auch glauben, dass sich J. K. schuldig gemacht hat.“ Als er nämlich J. K. auf eigene Faust mit dem vertraulichen Inhalt der Mail konfrontiert habe, habe dieser geäußert, „er sei ein alter Mann, habe so viel vergessen“, und das Gespräch beendet.

Das ist inzwischen ohnehin die Haltung, die J. K. einnimmt. „Ich alter Herr habe auch gar keine Erinnerung mehr“, schrieb er zu einem Vorfall, auf den ihn ein Altschüler ansprach. Ihn und Bommes vertritt derselbe Anwalt, der Mainzer Ingo Weihe. Der gehörte schon zu J. K.s Waldeckkreis.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Eppelsheim, Philip (phil.)Autorenporträt / Zastrow, Volker (V.Z.)
Philip Eppelsheim
Volker Zastrow
Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche. Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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