Helmut Kohl

Pater Patriae

Von Volker Zastrow
© Frank Röth, F.A.S.

Pater patriae – dieser Ehrentitel des römischen Senats gebührte auch dem verstorbenen Bundeskanzler Helmut Kohl. Er ist ein Vater der deutschen Einheit. Und mehr noch, für Deutschland sogar wichtiger, er ist auch ein Vater Europas. Pater patriae, Vater des Vaterlandes: der Ehrentitel hätte Helmut Kohl behagt. Weil er sich selbst so sah, als Pater, als Patriarchen. Kohl, ein Mann von großer, zeitweise gar gewaltiger Statur und ebensolchem Selbstbewusstsein, kannte seinen Platz in künftigen Geschichtsbüchern. Auch der wird einigen Raum beanspruchen. In vielen Nachrufen taucht dieses Wort auf: groß.

Man wird seinen Namen noch kennen, wenn viele andere längst vergessen sind. Wie sonst nur Bismarck ist Helmut Kohl ein politischer Baumeister der deutschen Einheit gewesen. Aber seine Werkstoffe waren nicht Eisen und Blut. Herzblut allenfalls, und ein nachhaltiger Wille. Bei Bismarck hingegen waren Eisen und Blut keine Sprachbilder, als er 1862 sagte, die großen Fragen der Zeit würden durch Eisen und Blut entschieden. Es war Eisen, das tötete, und Blut, das floss. Preußen, sodann das Deutsche Reich, haben in den folgenden neun Jahrzehnten mit allzu viel Eisen hantiert und allzu viel Blut vergossen. Diese Versuchung gab es seither für keinen deutschen Kanzler mehr. Aber das hätte ja auch bedeuten können, dass eben andere die großen Fragen der Zeit entschieden. So hat Kohl das nicht gesehen.

Der maßgebliche Staatsmann seiner Zeit

Und über die Wiedervereinigung lässt es sich schon gar nicht sagen. Auch nicht über das Projekt der europäischen Einigung, das Kohl unbeirrt verfolgte. In beiden Fragen, die er als ein und dieselbe erkannt hatte, war er der maßgebliche Staatsmann seiner Zeit. Und schon der dritte große Nachkriegskanzler nach Adenauer und Brandt, dessen Name unserer Nation in der Welt zur Ehre gereicht. Nach der niederschmetternden Bilanz der sechzig Jahre davor ist das doch überaus tröstlich.

Was die Wiedervereinigung und das europäische Einigungsprojekt in Gestalt der Währungs- und Wirtschaftsunion betrifft, ist es unmöglich, über Kohls Rolle hinweg zu denken. Eben das ist Rankes Kriterium für historische Größe. Es gilt für Kohl: Ohne ihn wären die Dinge anders verlaufen. Die Wiedervereinigung wäre wohl nicht zustande gekommen, und wenn, dann erst viel später.

Die Europäische Union gäbe es in dieser Form nicht, den Euro schon gar nicht. Kohl hat als Kanzler die Möglichkeiten des Amtes und des historischen Augenblicks voll ausgeschöpft. Und am allerbesten erkennt man das daran, dass jenes Amt nach ihm nicht mehr dasselbe war. Helmut Kohl war der letzte Bundeskanzler der Bonner Republik. Er hat sie selbst beendet. Seine Nachfolger amtieren nun in Berlin. Als seinerzeit im Bundestag über den Umzug der Regierung dorthin diskutiert wurde, war so manchem Abgeordneten durchaus mulmig zu Mute. Kohl hat ihnen, hat uns allen, einen erheblich erweiterten Raum von Einfluss, Gefahren und Verantwortung hinterlassen. Es ist sein Erbe. Wir müssen es erwerben, um es zu besitzen.

Bismarcks schwersten Fehler repariert

Dabei hat Helmut Kohl den folgenschwersten Fehler Bismarcks repariert, der darin bestanden hatte, Deutschland und Frankreich unverwandt in den Fesseln der „Erbfeindschaft“ zu halten. Kohl dagegen tat alles Mögliche und Vernünftige, um die Freundschaft mit diesem unseren Nachbarn zu festigen. Mit dem Ziel, sie unauflöslich zu machen. Er konnte dabei an die Leistungen und Absichten seiner Vorgänger anknüpfen. In Deutschland ist es üblich, vom Wirtschaftswunder der Nachkriegsjahre zu sprechen. Doch das größere Wunder war die deutsch-französische Freundschaft. Kohl war das klar.

Er wollte, wie es auch Willy Brandt in seiner ersten Regierungserklärung formuliert hatte, dass die Deutschen ein Volk guter Nachbarn seien. Natürlich und gerade auch gegenüber den kleineren Nachbarländern. Er hat aber nicht nur so geredet, sondern sich entsprechend verhalten. Kohl verkehrte im persönlichen Kontakt mit anderen Staatschefs ohne Hochmut, stets auf Augenhöhe, aufmerksam und großzügig. Das Vertrauen, das er über Jahre aufbaute, machte es ihm schließlich möglich, die Einheit Deutschlands zuwege zu bringen.

Dies ist nicht einfach eine wohlmeinende Deutung. Nein, die Quellen und Aussagen der Beteiligten belegen, dass an mehreren genau bestimmbaren Schlüsselstellen der Ereigniskette des Wende-Jahres 1989 Helmut Kohls persönliches Vertrauenskapital bei Michail Gorbatschow, George Bush und François Mitterrand den Ausschlag für Entscheidungen gab, die den Weg in eine neue Zukunft Europas öffneten – ohne staatliche Trennung der Deutschen, ohne Mauern und weithin sogar ohne Schlagbäume. Damals haben nicht viele die Gelegenheit erkannt, doch inzwischen haben viele begriffen, dass es möglicherweise eine einzigartige war. Kohl hat sie nicht versäumt.

Vielleicht war der Putschversuch ein Glück

Dafür war neben seiner Fähigkeit zur Menschenfischerei eine weitere Eigenschaft maßgeblich. Sie zeichnet ihn ebenso aus, wurde ihm allerdings seltener zugeschrieben: Mut. Auch den muss man von einem pater patriae, einem Vater Europas erwarten. Denn Mut zeigt sich nicht im eigenen Machtbereich. Um dort zu herrschen, genügt auch Feigheit. Nein, Mut kann sich erst zeigen, wo die Macht endet. Und Deutschland hatte nicht viel Macht, 1989. Die Hebel ankerten nicht in Bonn, sondern hauptsächlich in Washington, Moskau, Paris und London.

Wie Kohl die Möglichkeiten nutzte, die sich ihm in der Wendezeit boten, war nun nicht nur verblüffend klug und zielsicher, sondern auch überaus beherzt. Er suchte nicht den großen Konsens, versuchte nicht, die Verantwortung weg von den eigenen Schultern auf möglichst viele andere zu verlagern. Vielleicht war der Putsch, den einige Unions-Granden unmittelbar zuvor gegen ihn versucht hatten, insofern sogar ein Glück. Denn Kohl war sowieso auf sich gestellt. Unterstützt von einer Handvoll Getreuer traf er in dieser Sache seine Entscheidungen allein. Einsame Entscheidungen, gegen erhebliche Widerstände, selbstverständlich um den Preis des Scheiterns, den einer, dem es ernst ist, nun einmal in Kauf zu nehmen hat.

Umso mehr verdient Helmut Kohl die Dankbarkeit der Deutschen. In anderen Zeiten hätte man ihm Denkmäler errichtet, wie Bismarck an allen Ecken im ganzen Lande. Doch so pathetisch ist die Moderne erfreulicherweise nicht mehr.

Aber wenigstens einen etwas erfreulicheren Lebensabend hätte man dem alten Kanzler doch gegönnt. In dem er einfach die Früchte seiner Arbeit noch etwas hätte genießen dürfen. So sah es für kurze Zeit auch aus. Schon bald nach seiner Ablösung durch Gerhard Schröder erlebte Kohl, den viele nach 16 Jahren Kanzlerschaft dann doch loswerden wollten, einen ungeahnten Wiederaufschwung seiner Beliebtheit. Ein zweites Mal, wie schon in den Jahren nach der Wiedervereinigung, strömten ihm die Leute zu, überschütteten ihn mit Anerkennung, ja Bewunderung. Man sonnte sich in seinem Glanze.

An Gegnern fehlte es nie

Dann kam die Spendenaffäre. Die Bundesrepublik wäre geistig-moralisch, um Kohls Begriff zu strapazieren, nicht intakt, wenn sie das einfach übergangen hätte. Es geht nun einmal nicht, dass ein Kanzler heimlich mit Millionen hantiert und die Aufklärung verhindert, indem er ein sogenanntes Ehrenwort rechtstreuem Handeln überordnet. Es bleibt ein Schmutzfleck auf der Weste, der Kohls Freunden und Anhängern das Leben so viel schwerer machte, wie er seinen Widersachern und Gegnern eine späte Genugtuung verschaffte.

Denn an denen fehlte es nie. Im Gegenteil: Kohl wurde seit Beginn seiner Bonner Jahre mit Schmähungen überhäuft – und nachhaltig verfolgt. Wer in den siebziger und achtziger Jahren die Pfalz nicht kannte, hielt sie nicht etwa für ein Land, in dem Mandeln, Feigen und Zitronen blühen, sondern für ein gleichsam sibirisches, von Vor- und Frühmenschen besiedeltes Gebiet. Einfach, weil Helmut Kohl daher stammte.

Im Zuge der Dauerkampagne gegen ihn war „Pfälzer“ geradezu zum Begriff für provinzielle Beschränktheit geworden. Auch Kohls Frau und seine Kinder wurden Opfer mieser Angriffe. Die Politik war seit Ende der sechziger und noch bis weit in die achtziger Jahre hinein in Deutschland stark polarisiert, und eben auch unzivilisiert. Kohl lispelte ein wenig, manchmal trat seine Zungenspitze zwischen den Lippen hervor: Immer wieder wurde er nun so abgebildet. Ein an sich unbeachtlicher Moment wurde eingefroren, einfach, um den Mann dümmlich aussehen zu lassen.

Mit jedem gleich per Du

Während es sogar unter liberal-konservativen Bildungsbürgern und Publizisten üblich war, Helmut Schmidt Brillanz und Schneid zu attestieren, galt Kohl, wohnhaft in der Industriestadt Ludwigshafen, als „Oggersheimer“ Trampel. Die einen betrieben es, die anderen gefielen sich darin. Gewiss, Kohl war kein begnadeter Redner. Diese Fertigkeit gehört allerdings auch nicht zur Stellenbeschreibung eines Bundeskanzlers. Auch im Fernsehen kam er nicht gut rüber.

Doch wenn man Kohl persönlich traf, stellte man auf den ersten Blick fest, dass der Mann ganz anders war. Allein die Augen unter der charakteristisch gefurchten Stirn: so klug, sicher, neugierig und präsent. Der erste Eindruck, sofort: eine hellwache Intelligenz, ein starkes Selbstbewusstsein – und Wärme. Kohl war mit jedem gleich per Du, während ihn natürlich jeder mit „Herr Bundeskanzler“ ansprach. Fühlte sich durchaus nicht schlecht an. Die Pranke auf der Schulter, „Geduld, ich komme gleich“, im Sekretariat vor dem Büro, die auch als Überfall gewertet werden könnte, sogar verblüffend gut. Patriarchalisch, allerdings, aber in diesem Sinne ist Alice Schwarzer das auch. Kohl konnte einen wie von selbst für sich einnehmen. Eine Gabe. Wenn er sich sicher fühlte.

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In der F.A.Z.-Redaktion, Kohl war schon eine Weile nicht mehr Kanzler, war er mal zu einer gemeinsamen Weinprobe mit Pfälzer Rieslingen und Saumagen eingeladen. Ein Redakteur hatte sich vorbereitet, um über die Winzer und Weine zu sprechen. Doch sehr bald schon nahm Kohl ihm das Heft aus der Hand und erzählte aus dem Stegreif über die jeweiligen Winzerfamilien.

Wer da was machte, wem das Weingut gehörte – und nicht nur über den aktuellen Betrieb, sondern hinab bis zum Großvater und Ururururgroßvater und dessen Cousin, dieser hatte zu den Abgeordneten der Paulskirche gehört, jener in Virginia oder sonstwo Tabak angebaut, und die jungen Leute, leider, hätten sich scheiden lassen. Kohl kannte Mann und Maus, nicht nur in Rheinland-Pfalz, sondern bundesweit in der CDU. Dort traf man überall Personen, die ihm zutiefst ergeben waren. Darunter auch den einen oder anderen, dem er aus der Patsche geholfen hatte.

Deshalb war das Bild von Kohl in der Union ganz anders als draußen; die beiden Bilder passten nicht zusammen. Freilich hatte es Kohl auch in der Union selbst natürlich nicht leicht. Doch auch das, es leicht zu haben, gehört nicht zur Stellenbeschreibung eines Bundeskanzlers. Die Geschichte ist darüber hinweggegangen.

Späte Bitterkeiten

Wie etwa soll man Geißlers versuchten Kanzlersturz auch werten? Ausgerechnet im Spätsommer 1989, während ringsumher mal eben der Ostblock zu zerfallen begann. Kohl, obwohl akut erkrankt und schwere Schmerzen leidend, schlug den Aufstand nieder. Auch Rita Süssmuth war mit von der Partie gewesen, beides Personen, die er gefördert, ja eigentlich in die Politik geholt hatte. Kohl aber wurde noch jahrelang vorgehalten, dass er mit ihnen brach.

Nun gut, all das gehört zum Geschäft. Das Maß, in dem jemand auf Vertrauen setzt, ist womöglich auch das Maß seiner Enttäuschungen. Kann das der Grund für so viel Unglück und Unheil sein, die im hohen Alter auf Helmut Kohl hernieder prasselten? Sicher gründeten Kohls späte Bitterkeiten auch in seinem Anspruch auf unbedingte Loyalität seiner Gefolgsleute – das allerdings ist etwas anderes als Vertrauen. Und insofern mag es diesen Zusammenhang auch geben.

Kohl, der es liebte, über die großen geschichtlichen Ereignisse zu sprechen, deren Teilnehmer und Mitgestalter er war, der wieder und wieder begeistert sein Treffen mit Gorbatschow im Garten des Kanzleramts beim Blick auf den Rhein schilderte, mit leuchtenden Augen von den leuchtenden Augen der jungen Leute sprach, die zu ihm in Versammlungen strömten, Kohl also gefiel es ersichtlich, es sich in seiner eigenen Bedeutung wohlsein zu lassen. Es sei ihm gegönnt.

Und erklärt ja nicht das ganze Elend, die Tragik seiner späten Tage: den fürchterlichen Selbstmord seiner Frau. Den gesundheitlichen Niedergang, die vielen Schmerzen, schließlich den Sturz mit Schädel-Hirn-Trauma und den schwerwiegenden Folgen. Das Buch, in dem ein enttäuschter Zuarbeiter Helmut Kohl zwischen den Zeilen die Schuld am Tod Hannelores zuschiebt. Die weinerliche Abrechnung seines längst erwachsenen Sohnes in einem Buch. Und, bis an den Tores-, Todesschluss, der (immerhin gewonnene) Rechtsstreit über einen abstoßenden Vertrauensbruch. Schuld oder Schicksal? Versagen, Verhängnis? Der Neid der Götter? Man hätte dem Vater des Vaterlandes einen milderen Lebensabend gewünscht. Er ruhe in Frieden.

Quelle: F.A.S.
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